BerlinTausende Menschen erhoben am 6. Juni auf dem Berliner Alexanderplatz ihre Stimme gegen den Rassismus. Dabei gedachten sie des Todes des Afroamerikaners George Floyd, der von einem weißen US-Polizisten ermordet wurde. Unter den Demonstranten war der 35-Jährige Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker. Man müsse gemeinsam klar machen, dass Rassismus keinen Platz in unserer Gesellschaft habe, schrieb er auf Facebook. „Es geht um Menschen gegen Rassisten.“

Die Teilnahme an einer Black-Lives-Matter-Demo und der Kampf gegen den Rassismus würde man wohl zunächst mit einem Vertreter von Linken, Grünen oder SPD verbinden. Doch Whittaker ist Mitglied der CDU und sitzt seit 2013 für die Christdemokraten im Bundestag.

Fragt man ihn, wo in der Partei er sich verortet, reagiert er mit einem Schulterzucken. „Dieses rechts-links Denken ist für mich so 19. Jahrhundert“, sagte Whittaker der Berliner Zeitung. Seine Haltung zu verschiedenen Themen werde von außen vielleicht mal konservativ, sozial oder auch liberal bewertet. Wichtig sei es, vorne zu stehen, da, wo die Probleme der Menschen sind.

Warum das Rentensystem nicht mehr lückenlos funktioniert

Eines dieser Problemthemen ist für viele sicherlich die Rente, Whittakers Steckenpferd – trotz seines jungen Alters. Er ist Mitglied des CDU-Bundesfachausschuss Soziale Sicherung und Moderne Arbeit, welcher das erste CDU-Rentenkonzept seit mehr als zehn Jahren vorgelegt hat. Ein Parteitagsbeschluss steht jedoch noch aus.

„Ich finde es schlimm, wenn Menschen in meiner Generation sagen, ich habe von der Rente nichts mehr zu erwarten“, sagte der gebürtige Baden-Badener. Das wolle er ändern. Schuld am schlechten Image der gesetzlichen Rente sei die aktuelle Diskussion, die Rente fast schon mit Armut gleichsetze. Dabei sei Altersarmut kein Massenphänomen.

Aus dem eigenen familiären Umfeld wisse er aber, wie schnell einem das Schicksal die Altersvorsorge nehmen könne. „Man ist selbstständig, gerät unverschuldet in eine wirtschaftlich schwierige Phase und verbraucht in der Folge das Ersparte, was eigentlich für das Alter da sein sollte.“ In der Konsequenz stehe man mit einer schlechteren oder ohne Altersvorsorge da und sei womöglich auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

1998 bei der Bundestagswahl Schröder gegen Kohl habe ich quasi erfahren, dass es sowas wie Politik überhaupt gibt.

Kai Whittaker, Bundestagsabgeordneter der CDU

Das heutige Rentensystem funktioniere nicht mehr lückenlos, kritisiert er. Klassische Erwerbsbiografien, nach denen man mit Beginn der Ausbildung bis zur Rente in einem einzigen Betrieb arbeite, seien heute die Ausnahme. Die Gesellschaft werde immer individueller. „Das müssen wir adressieren und lösen.“

Seiner Meinung nach brauche es mehr Transparenz. „Meine Idee ist es, dass die Leute, sobald sie anfangen zu arbeiten, sehen, was sie bekommen, wenn sie in Rente gehen.“ Gleichzeitig sollten sie jedoch auch wissen, wie viel Geld sie im Alter brauchen, um über die Runden zu kommen.

Das Gesetz zur Rentendigitalisierung sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. „Aber de facto machen wir nichts anderes als das, was wir per Brief rausschicken, nun digital darzustellen. Das ist okay, aber noch nicht das, was ich gern hätte.“

Einige Parteifreunde beschreiben den 35-Jährigen als hin und wieder zu ungestüm, wodurch er sich manchmal selbst im Weg stehe. „Kai Whittaker ist einer meiner engagiertesten und sachkundigsten Kollegen“, sagte wiederum Bundestagsabgeordneter Thomas Heilmann (CDU) der Berliner Zeitung.

Wie Kai Whittaker Politiker wurde

Bereits als Teenager engagierte sich Whittaker politisch. „1998 bei der Bundestagswahl Schröder gegen Kohl habe ich quasi erfahren, dass es sowas wie Politik überhaupt gibt“, sagte er. Whittaker war damals 13. In dieser Zeit setzte er sich auch für die Sanierung seiner Schule ein.

„Die Schultoiletten waren in einem miserablen Zustand, was mich geärgert hat.“ Gemeinsam mit Freunden habe er bei der Stadtverwaltung Druck ausgeübt. Die Toiletten wurden saniert. „Das war mein erstes kleines politisches Erfolgserlebnis und Highlight. Da ist mir klar geworden, dass politisches Engagement etwas bringt.“

Schließlich entschied er sich, 1999 in die Junge Union einzutreten. „Natürlich lag der Hype 1998 ganz klar bei der SPD, und man hätte deshalb davon ausgehen können, dass es mich dahin zieht.“ Kulturell habe er sich aber bei der CDU einfach wohler gefühlt, obwohl sein Elternhaus kein politisches ist.

Seine Mutter kommt aus Villingen im Schwarzwald und ist in einer typischen Neubausiedlung groß geworden. Sein Vater ist Brite und war früher als Beamter im Schuldienst tätig. Großbritannien ist daher Whittakers zweite Heimat. Er studierte in Bristol und London und schloss sein Studium als Master of Science in European Political Economy ab.

Norbert Röttgen ist der richtige Mann zur richtigen Zeit, und seine Chancen auf den Parteivorsitz werden von Tag zu Tag besser.

Kai Whittaker

Heute unterstützt der 35-Jährige die Kandidatur Norbert Röttgens für den CDU-Parteivorsitz in dessen Lenkungsteam. „Norbert Röttgen verkörpert den Aufbruch, den wir brauchen, am ehesten“, sagte Wittaker. Nach 16 Jahren Merkel dürfe es kein Weiter so, aber auch keinen Bruch mit ihrer Politik geben. Röttgen sei jemand, der die vor uns liegenden Herausforderungen klar benenne: Klimawandel, Digitalisierung, die Verschiebung internationaler Machtverhältnisse. „Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit, und seine Chancen auf den Parteivorsitz werden von Tag zu Tag besser.“

Als Teil von Röttgens Team ist Whittaker für das Thema Nachhaltigkeit zuständig. Politik heute denke noch zu sehr in Silos, dabei wäre es an der Zeit vernetzter zu denken. „Das ist der Ansatz der Nachhaltigkeit. Es ist nicht nur die Umweltpolitik, sondern sie hat auch eine wirtschaftliche und soziale Dimension.“ Whittaker arbeitet dafür, die CDU in Sachen Nachhaltigkeit zur dominierenden Kraft zu machen. Denn es brauche eine nachhaltige Politik, um Krisen künftig nicht nur zu managen, sondern sie gar nicht erst entstehen zu lassen.