Berlin - Die Linke-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg gehört zu den wenigen Abgeordneten im Bundestag mit langjähriger Erfahrung aus der Digitalwirtschaft und der Netzpolitik. Wir sprachen mit ihr über die Naivität vieler Teilnehmer der Aktion #allesdichtmachen – und über die mangelnde Selbstreflexion bei vielen ihrer Kritiker.

Frau Domscheit-Berg, erst gab es große Aufregung über die Initiative #allesdichtmachen, jetzt gibt es große Aufregung, dass die Teilnehmer vermeintlich zum Schweigen gebracht wurden. Wer empört sich hier zu sehr – die Maßnahmenbefürworter oder Liefers und Kollegen darüber, dass sie Widerworte kriegen?

Man kann an dieser Debatte sehen, dass wir in einer Empörungskultur leben. Sie lebt davon, dass es einen Mangel an Medienkompetenz bei zu vielen Beteiligten gibt. Ich nehme den meisten der 53 Teilnehmer an der Aktion ab, dass sie diese Wirkung nicht erzielen wollten. Aber sie haben nicht mitbekommen, dass sie instrumentalisiert werden – und das müssen sie sich vorwerfen lassen.

Sprechen Sie Jan Josef Liefers und den anderen Teilnehmern ab, dass sie für sich selbst gesprochen hätten?

Sie haben für sich selbst gesprochen, aber nicht alle haben vermutlich erkannt, in welchen Kontext ihre Äußerungen gestellt werden. Die Internet-Seite von #allesdichtmachen ist ja inzwischen gelöscht, aber über ihr Impressum lässt sich nachvollziehen, wer dahinterstand – und welche Verbindungen ins Milieu der Querdenker und Kritiker von Pandemiemaßnahmen es gibt. Schauspieler sind es gewohnt, eine Rolle zu spielen. Aber dass sie sich in diesem Fall zum Teil eines Informationskriegs machen, war nach meiner Überzeugung vielen Teilnehmern nicht bewusst.

Zur Person

Anke Domscheit-Berg, geboren 1968 in Premnitz, hat viele Jahre als Unternehmerin und Beraterin in der Digitalwirtschaft gearbeitet. Sie engagierte sich zunächst in der Piratenpartei und ist seit 2017 Bundestagsabgeordnete für die brandenburgische Linke. Der Landesparteitag stellte sie am Wochenende erneut auf dem sicheren zweiten Listenplatz auf.

Wie funktioniert ein solcher Informationskrieg?

Er hat zwei Phasen. In der ersten Phase ist das Signal an das Publikum: „Guck mal, wer da alles mitmacht.“ Es soll demonstriert werden, dass sich viele Menschen hinter Botschaften stellen, die in der breiten Öffentlichkeit als problematisch gelten. Auf diese Provokation folgt die erwartbare Reaktion des Publikums: Empörung und Angriffe auf die Teilnehmer der Aktion. Sie werden von vielen Menschen einschließlich anderer Prominenter und Politiker kritisiert. So manche Kritik überschritt dabei Grenzen. Auch das liegt im Interesse der Initiatoren – sie wollen genau diese Wirkung erzielen, dass am Ende die Einsicht zu stehen scheint, man könne seine Meinung nicht mehr frei äußern. Den Schaden tragen die Teilnehmer der Aktion – und die öffentliche Debatte.

Was kann die digitale Öffentlichkeit lernen, um diese Mechanismen zu durchbrechen und zu verhindern, dass solche Debatten immer mit Beleidigungen und Verletzungen enden?

Was wir alle üben müssen, ist vernünftige Kritik. Aber diese Aktion hat einen sehr wunden Punkt getroffen. Die gesamte Gesellschaft geht nach einem Jahr unter Pandemiebedingungen auf dem Zahnfleisch, alle sind dünnhäutig. Trotzdem muss jedem bewusst sein: Drohungen und Beleidigungen führen als Reaktionen nicht zum Nachdenken und zu Akzeptanz auf der anderen Seite.

Sie sind aber das, was Menschen als Reaktion zuerst durch den Kopf geht und was sie dann in sozialen Medien äußern.

Diese hohe Frequenz ist ein Problem, diese Sofortreaktionen. Menschen reagieren stärker auf negative Impulse als auf positive – und die Algorithmen potenzieren das. Ein sehr weiser Rat ist, nicht sofort zu antworten, wenn man sich über etwas aufregt. Bei E-Mails geht das gut. In sozialen Medien nicht, sie leben von ihrer Geschwindigkeit. So entstehen Überreaktionen, die nicht gut formuliert sind und die auf der anderen Seite die gleichen Reaktionen hervorrufen.

Was ist denn Ihre Botschaft an die 53 Teilnehmer von #allesdichtmachen?

Es waren da viele dabei, die ich sehr schätze, deswegen hat mich das auch getroffen. Ich finde, man sollte ihnen sagen: Ihr habt solche Kraft, ihr könntet so viele Menschen mit einer positiven Botschaft erreichen. Warum benutzt ihr eure Popularität stattdessen für so etwas? Die Äußerungen enthielten keinen einzigen konstruktiven Beitrag. Wir sind alle unter extremer psychischer Belastung. Wir sollten uns das Leben nicht noch schwerer machen.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.

Hinweis: Die Internetseite allesdichtmachen.de lässt sich zwischenzeitlich wieder aufrufen. Zum Zeitpunkt des Interviews war sie nicht erreichbar.