Filmstar Johnny Depp klagt: Seine Frau wäre ‚der aggressive Teil‘ der Beziehung gewesen.
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BerlinEs sind nicht allein die intimen Einblicke in die Ehe zweier prominenter Schauspieler. Einen nicht geringen Sensationswert erhält der Prozess, den Johnny Depp (57) derzeit gegen das britische Boulevardblatt The Sun führt, auch aus der Frage, ob er Amber Heard (34) geschlagen hat oder ob es nicht vielmehr umgekehrt war: War die Frau gewalttätig gegen den Mann? Es vergeht kaum ein Tag, an dem die einstmaligen Eheleute vor dem Londoner High Court sich keine neuen Vorwürfe an den Kopf werfen. Und wir sind die ob all der Indiskretionen teils befremdet, teils gebannt beiwohnenden Zeugen eines öffentlichen Verfahrens, bei dem es um weit mehr, als bloß unterhaltsamen Promi-Knatsch geht.

Längst ist der nur sehr unzureichend als Rosenkrieg bezeichnete Rechtsstreit zu seinem Sinnbild unserer Zeit geworden, vor allem für die MeToo-Bewegung und ihr allemal berechtigtes Anliegen, ihren allemal notwendigen Kampf gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Es steht einiges auf dem Spiel. So könnte es zum einen der Fall sein, dass entgegen unserer immer noch heteronormativ geprägten, eben klischeekonformen Vorstellungen ein Mann das Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Zum anderen könnte es der Fall sein, dass eine Frau missbräuchlich den Opferstatus für sich in Anspruch genommen und somit der Frauenbewegung einen Bärendienst erwiesen hat: #HeToo statt #MeToo.

Schauspielerin Amber Heard sieht sich als Opfer des „häuslichen Missbrauchs“.
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Was also, wenn alles doch nicht so einfach ist? Allein schon der Auslöser für den Londoner Promiprozess zeigt eine aufschlussreiche Komplikation. Depps Verleumdungsklage richtet sich gegen den Verlag des britischen Boulevardblatts The Sun: In einem Artikel von 2018 hatte Chefredakteur Dan Wootton die Schriftstellerin Joanne K. Rowling dafür kritisiert, dass sie dem „Ehefrauen-Schläger“ („wife beater“) Depp eine Rolle in der Filmreihe „Phantastische Tierwesen“ gegeben habe. Rowling ist übrigens im Moment sehr gegenwärtig, seitdem sie ihre Ansichten zum Thema Transgender veröffentlichte und nach dem gegen sie einsetzenden Shitstorm nun ein Manifest gegen „Kräfte der Illiberalität“ unterzeichnete.

Der Chefredakteur der Sun konnte sich für seinen Artikel auf etliche Äußerungen Amber Heards über Johnny Depps gewalttätiges Verhalten berufen – auch wenn Weggefährten wie die langjährige Freundin Winona Ryder das entschieden in Frage stellten. Die Missbrauchs- und Gewaltvorwürfe standen seit der Scheidung von Depp und Heard im Raum: Das Paar trennte sich 2016 nach nur 15 Monate Ehe; der Boulevardpresse wurden Fotos zugespielt, auf denen Verletzungen in Amber Heards Gesicht zu sehen waren, die angeblich von Schlägen ihres Mannes stammten. Schließlich wurde der Streit dann im Mai 2016 beendet: Depp zahlte Heard außergerichtlich sieben Millionen Dollar für ihr Stillschweigen.

Kein Gewalttäter: Schauspielerin Winona Ryder verteidigte in London ihren früheren PartnerJohnny Depp.
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Ein klarer Fall, wie es schien. Es folgte 2018 ein engagierter Artikel in der Washington Post, in dem Heard über Gewalt gegen Frauen schrieb. Der Name von Johnny Depp fiel zwar kein einziges Mal, doch lag der Bezug zu ihm nahe: „Vor zwei Jahren wurde ich eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die stellvertretend für den häuslichen Missbrauch stand, und ich spürte den machtvollen Zorn unserer Kultur gegen all jene Frauen, die den Mund aufmachen … Ich hatte die seltene Gelegenheit, in Echtzeit zu sehen, wie die Institutionen solche Männer schützen, denen Missbrauch vorgeworfen wird … In den letzten Jahren hat uns die MeToo-Bewegung gezeigt, wie diese Macht funktioniert, nicht nur in Hollywood.“

In London kam es am Montag nun endlich zu dem insbesondere vom Boulevard ersehnten, da auflagenträchtigen „Showdown“ des Paares. Jedenfalls indirekt. Heard sollte neben anderen Zeugen die in der Sun erhobenen Gewaltvorwürfe gegen Depp bestätigen helfen, in einer schriftlichen Stellungnahme schreib sie von ihrer Todesangst: „Depp hat mir viele Male explizit damit gedroht, mich zu töten.“ Das Spektrum habe von Anschreien über Treten bis Würgen gereicht. Depp macht demgegenüber allerdings geltend, dass seine Ex Frau der „aggressive Teil“ ihrer konfliktreichen Beziehung sei. Durch ihre Gewaltvorwürfe sei ihm zudem ein enormer beruflicher Schaden entstanden, nicht zuletzt sei ihm die einträgliche Hauptrolle als Pirat Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe weggenommen worden. In den USA hat Depp deswegen ein separates Verleumdungsverfahren gegen Heard angestrengt.

Beweismittel vor Gericht: Das Gesicht Johnny Depps weist Verletzungen auf, die er durch seine Ex-Frau Amber Heard erlitten haben soll.
Foto: dpa/London High Court

Glamour trifft Justiz – es geht um 50 Millionen Dollar Schadenersatz. Dabei kann sich Depp durchaus Chancen ausrechnen. Denn unanfechtbar ist Heard keineswegs. Bereits Anfang des Jahres tauchten Audiomitschnitte auf, die aus einer Therapiestunde des Paares im Jahr 2015 stammen und der Daily Mail zugespielt worden sein sollen. Zu hören ist, wie sie zugibt, ihren Ex-Mann geschlagen und mit Gegenständen beworfen zu haben. Heard scheint sich des Problems ihrer Gewalt gegen Depp durchaus bewusst zu sein: „Ich kann dir nicht versprechen, dass ich perfekt bin. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht wieder handgreiflich werde. Gott, ich werde manchmal so wütend, dass ich die Fassung verliere.“

Nicht genug damit, wurden kurz darauf weitere Aufnahmen publik, in denen die Schauspielerin ihren Ehemann zu verhöhnen scheint: „Johnny, sag der Welt … Ich, Johnny Depp, ein Mann, auch ich bin ein Opfer häuslicher Gewalt – und schaue, wie viele Menschen dir glauben oder auf deiner Seite stehen.“ In Hinblick auf ein Gerichtsverfahren scheint Heard sich ganz sicher zu sein: „Du bist größer und stärker“, sie selbst sei dagegen nur eine „zierliche Frau“, und das werde sicherlich Eindruck auf die Geschworenen machen. „Du willst vor Gericht aufstehen, Johnny, und sagen: ,Sie hat angefangen?‘ Wirklich?“ Heard weiß die Umstände, den Zeitgeist auf ihrer Seite und ist offenbar gewillt, das zu nutzen.

Mit diesen Enthüllungen ist allerdings noch kein Urteil gesprochen. Jede der Streitparteien nutzt sie auf eigene Weise. So erklärte Depps Anwalt Adam Waldman gegenüber USA Today: „Die Aufnahmen decken auf, dass Frau Heard immer wieder Gewalt gegen Herrn Depp begangen hat und dann einen aufwendigen Missbrauchsschwindel erfunden hat, um dies zu vertuschen.“ Die Anwältin von Amber Heard, Roberta Kaplan, konterte in dem Magazin so: „Die Tatsache, dass eine Frau kämpft oder Widerworte gibt, bedeutet nicht, dass sie nicht wiederholt häuslicher Gewalt und Misshandlung ausgesetzt war. Es ist ein Mythos zu sagen, dass Frau Heard, wenn sie ihn schlug, nicht auch ein Opfer sein kann.“

Beweismittel vor Gericht: Das Gesicht Amber Heards weist Verletzungen auf, die sie durch ihren Ex-Mann Johnny Depp erlitten haben soll.
Foto: AP/London High Court

Unabhängig davon wird – vielleicht nur eine tragische Randnotiz – in den Aufnahmen auch das Bemühen der offenbar konfliktfreudigen, aber streitunfähigen Eheleute deutlich, die Beziehung zu retten. Das spielt in der öffentlichen Wahrnehmung des Falls allerdings keine Rolle. Hier will man Köpfe rollen sehen. Und hier gibt es nicht nur die ParteigängerInnen auf Seiten Amber Heards. Vielmehr regt sich auch die Gegenseite auf, bei Twitter etwa finden sich die Hashtags #JusticeforJohnnyDepp oder #AmberHeardIsAnAbuser. Und auf Change.org wurde die Forderung aufgesetzt, Heard nicht mehr im zweiten Teil der Filmreihe „Aquaman“ zu besetzen. Mittlerweile haben über 460.000 Menschen unterschrieben.

Der Londoner Prozess geht jetzt in die dritte und damit in seine letzte Woche. Einige delikate Details werden wohl noch zutage kommen und den Boulevard befeuern. Die Frage, wer hier gegen wen Gewalt geübt hat, ist allerdings von politischer Bedeutung, auch wenn er für eine private Tragödie steht.