Berlin - Die Union hat es besser als Deutschland. Ihr künstlicher Stillstand ist erst mal vorüber. Es wird sich jetzt noch ein paar Tage hinziehen, aber vermutlich heißt der Kanzlerkandidat von CDU und CSU schon am Ende dieser Woche wirklich Armin Laschet. Wenn es denn gutgeht. 

Die Union wollte so eigentlich den Grünen zuvorkommen, die ihre Kandidatin oder ihren Kandidaten fürs Spitzenamt erst am kommenden Montag präsentieren wollen. Ganz ruhig, ganz nach Fahrplan. Verrückte Welt: Bei der Ökopartei läuft alles wie am Schnürchen, bei den Konservativen geht es drunter und drüber. 

Monatelang hat Markus Söder nichts zu seinem Ambitionen sagen wollen, doch nun, wo die Wahrheit am Licht ist, hat er sich in das Ziel verbissen: Auch er will Kanzler werden. Und im Streit darum hat er am Montag bereitwillig die Samthandschuhe ausgezogen. Zwei Kandidaten und erst mal keine Lösung für das Dilemma. Man muss wohl schon Alexander Dobrindt heißen, um das klasse zu finden. Die Union habe gleich zwei tolle Kandidaten, die SPD habe nur Olaf, sagte er am Sonntag in die Mikrophone. Niemand lachte. Außer Ralph Brinkhaus, aber der kann leicht guter Laune sein, schließlich wurde sein Name ebenfalls ins Spiel gebracht. Brinkhaus fand das nett, winkte aber ab. Er weiß, dass die CDU einhellig hinter Laschet stehen muss, wenn sie nicht schon wieder einen neuen Parteivorsitzenden suchen will. Außerdem möchte er Fraktionsvorsitzender bleiben.

Dazu muss dann aber einer der beiden Herren, die um die Kandidatur streiten, möglichst ins Kanzleramt einziehen. Und da wird es dann schon ernst. Für die Union hat der Wahlkampf so oder so am Sonntag begonnen. Sie muss sich jetzt entscheiden, wie lang der innerparteiliche Streit um den Spitzenjob dauern darf. Eine Prognose an dieser Stelle: Sollte die Union das Thema nicht bis Ende der Woche abräumen, wird’s schmerzhaft.

Erst mal natürlich, weil der oder die grüne Spitzenkandidatin es sich am Montag nicht nehmen lassen wird, genüsslich darauf herumzureiten, falls die konservativen Schwesterparteien bis dahin noch keine Einigung erzielt haben. Schon jetzt schüttelt man in der Opposition den Kopf über das Theater in der Noch-Regierungspartei. Vor allem aber würde es den Unions-Kandidaten – egal welchen – selbst erheblich schwächen, wenn er seinen Kontrahenten erst nach einem Scherbengericht aus dem Weg geräumt hätte.

Die Sache ist nur in der Theorie einfach: Wenn sich die CDU hinter Laschet stellt, zieht Söder zurück. Das hat er selbst so gesagt. Am Montag nun kam das Votum für den NRW-Ministerpräsidenten aus dem Parteipräsidium. Aber natürlich zog sich Söder nicht zurück. Die CDU, hat er entdeckt, ist viel größer als deren Parteipräsidium.

Für einen Mitgliederentscheid reicht leider die Zeit nicht. Aber ein paar mehr Stimmen will der bayerische Ministerpräsident schon hören. Stimmen, die für ihn sprechen. Deshalb will er am Dienstag gerne noch mal mit der gesamten Bundestagsfraktion der Union beraten. Den Abgeordneten hat er am Montag schon mal erklärt, dass ein paar Prozent weniger viele ihrer Mandate betreffen könnte. Wenn sie sich allerdings auf den Kandidaten mit den besseren Umfrageergebnissen einließen ...

Die Seifenoper geht also weiter. Man könnte das bizarr finden, Oder lustig. Oder einfach nur spannend. Aber es gibt immer noch eine Pandemie zu bewältigen. Gut möglich, dass die Bürgerinnen und Bürger, die jetzt ein Jahr im Ausnahmezustand leben, wenig Verständnis für die künstlichen Probleme ihrer Volksvertreter haben. 

Wenn sich die Union schon mit eigenen Problemen befassen muss, dann doch besser mit ihren Abnutzungserscheinungen. Während Söder und Laschet alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, hat nämlich ein weiterer CDU-Bundestagsabgeordneter sehr überraschend und sehr schnell seine politischen Pläne aufgegeben: Dabei war Joachim Pfeiffer schon wieder für seinen Wahlkreis Waiblingen nominiert worden.

Der Spiegel schreibt, dass der Rücktritt nach einem Hacker-Angriff erfolgte, der Geschäftsbeziehungen offengelegt habe. Der 53-Jährige ist nur einer unter vielen Unions-Abgeordneten, deren Verhalten man als umtriebig bezeichnen kann. Wenn die Fraktionsführung es ernst meint mit ihrem angekündigten Kampf gegen Interessenkonflikte und Korruption, dann legt sie in diesem Bemühen besser noch einmal nach.

Die Union liegt nach ihrem phänomenalen Aufstieg in der ersten Phase der Pandemie mittlerweile nur noch bei 27 Prozent, Tendenz sinkend, vielleicht auch nicht. Die Grünen liegen bei 22 Prozent, Tendenz steigend, vielleicht auch nicht. Armin Laschet wird ziemlich sicher Kanzlerkandidat. Ob er auch Kanzler wird, ist noch lange nicht ausgemacht.