Kanzlerin in Abu Dhabi: Merkel erkennt „eine gewisse Öffnung“ in Saudi Arabien

Dschidda - Angela Merkel hat sich keinen bodenlangen Mantel umgeworfen und kein Tuch um den Kopf geschlungen. In Hose und türkisfarbenem Blazer schreitet sie über den roten Teppich vor dem saudischen Königspalast in Dschidda, ein riesiger modernistischer Bau mit schwimmbadblauem Springbrunnen vor dem Tor.

Es hat gut 35 Grad in der Hafenstadt am Roten Meer, in der Spielplätze große Sonnendächer haben. Angenehme Temperatur, finden die Herren aus dem royalen Umfeld, besser als in der noch heißeren Hauptstadt Riad. Der König wird die nächsten vier Monate hier verbringen.

Merkel ist in jeder ihrer Wahlperioden einmal in Saudi-Arabien gewesen, die letzte Reise allerdings liegt nun schon ein Weilchen zurück, sieben Jahre genau. „Ein wichtiger politischer Akteur bei der Lösung uns alle bedrängender schrecklicher Konflikte“, sagt Merkel mit Blick auf die Bürgerkriege in Syrien und im Jemen, auf die Hungersnöte in Afrika. Aber das ist nicht alles.

„Eine gewisse Öffnung“

Sie kommt nicht nur als Präsidentin der aktuellen G20-Runde ins Land. „Saudi-Arabien ist in einer interessanten Phase“, sagt sie. Das verschlossene Land, das keine Touristen ins Land lässt, in dem Kino und Konzerte lange verboten waren, in dem Frauen nicht Autofahren dürfen und sich verhüllen müssen, eine absolute Monarchie mit dem Islam als Staatsreligion, scheint sich zu verändern. „Eine gewisse Öffnung“, stellt Merkel fest. Aber erst einmal ist sie beim König und da geht es vor allem um Tradition, von der kleinen Rolltreppe, die in den Palast geht, vielleicht mal abgesehen.

Drinnen sind in einem gut 100 Meter langen Saal blau gepolsterte Sessel an den Langseiten aufgereiht, goldene Kleenex-Boxen stehen auf den Tischen davor, ein Bediensteter hält einen dampfenden Weihrauchschüssel, von der Decke hängen schwere Kronleuchter. Minutenlang ziehen die Delegationen zur Begrüßung an Merkel und dem König vorbei, fast ausschließlich Männer in den traditionellen weißen kleidartigen Gewändern, manche tragen einen goldenen, manche einen schwarzen Umhang darüber. Palastwächter tragen goldene Säel. Das Mittagessen wird unter einem meterhohen Porträt von König Salman aufgetragen. Viele Schüsseln stehen auf den Tischen und in dichter Folge große Platten mit Lamm auf Reis. Die Stimmung ist freundlich.

Danach unterzeichnen beide Seiten Vereinbarungen. Es gibt diesmal keine Rüstungsprojekte, aber unter anderem will Deutschland Saudi-Arabien bei der Ausbildung von Militär und Polizisten helfen. Das Abkommen spricht ausdrücklich auch von Polizistinnen. Da ist die interessante Phase auf Schwarz-Weiß. In Person trifft sie Merkel an diesem Tag auch noch: Vize-Kronprinz Muhammad ist Anfang 30 und eine der derzeit zentralen Figuren des Landes. Er ist verantwortlich für Militärschläge im vom Bürgerkrieg zerrütteten Jemen, von denen die Kanzlerin ihn abbringen will. Aber Muhammad ist auch der Mister Reform des Landes. Sein Programm heißt „Vision 2030“. „Agenda 2030“ sagt Merkel, die offenbar an die deutsche Agenda 2010 denkt. Auch in Saudi-Arabien wird über die geplanten Reformen gestritten, die unter anderem das Ziel hat dass bis 2030 30 Prozent der Frauen berufstätig sind.

Sinkende Erdölpreise, wachsende Frauenrolle

Merkel trifft sich am Nachmittag mit Unternehmerinnen, einer Zeitungs-Herausgeberin, einer Prinzessin, die Frauensport fördert. Von Erfolgen spricht sie hinterher und sie sagt es liege an den sinkenden Erdölpreisen: Vor 15 Jahren habe man aus den Einnahmen noch das ganze Land bezahlen können. „Heute muss das Geld verdient werden.“

Die Vorstandschefin der saudischen Börse, Sarah Al Suhaimi, hat ihr Land gerade in einem Interview mit dem Spiegel verteidigt, als „Land mit alten Traditionen und Sitten“. Sie hat hinzugefügt, Saudi-Arabien werde sich ändern: „Wir werden uns in unserer eigenen Geschwindigkeit tun und nicht weil wir von außen belehrt werden.“ Und sie hat darauf hingewiesen, dass Frauen zwar nicht autofahren dürften, aber Männer und Frauen – anders als in Deutschland - exakt die gleichen Löhne erhielten.

Es gibt also Bewegung und es gibt sie auch wieder nicht. Merkel sagt, sie spreche mit den Saudis auch über Menschenrechte, über die Todesstrafe und über den Blogger Raif Badawi zum Beispiel, der wegen angeblicher Islambeleidigung zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde. „Wir werden an diesem dicken Brett weiter bohren müssen.“