Berlin - Der Sturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol in Washington ist eine Zäsur: Denn die Leute, die das streng bewachte und vielfach gesicherte Gebäude am Mittwochabend stürmten, sind eine andere Art von Amerikanern. Es sind nicht republikanische oder demokratische Patrioten. Es sind jene, die sich von der Politik in ihrem traditionellen Gewand längst abgewandt haben – weil eben diese Politik für sie zu wenig Interesse gezeigt hat. In den USA ist Politik ein Milliardengeschäft – seit Jahrzehnten. Die Bürger spielen eher die Rolle einer Komparserie. Am Mittwoch ist die Lage eskaliert. Noch ist unklar, wie sich der Aufstand weiter entwickelt.

Zeitgleich mit den Ereignissen in Washington stehen die Demokraten in Georgia vor einem historischen Sieg: Gewinnen sie, wie es sich jetzt abzeichnet, beide Senatorensitze, kann das Biden-Team durchregieren. Politische Blockaden, wie sie sowohl die Obama- als auch die Trump-Ära geprägt haben, werden dann der Vergangenheit angehören. Den Republikanern droht im Gegenzug ein beispielloser Machtverlust. Die Demokraten werden das politische Erbe Trumps rückgängig machen, soweit sie können.

In das Dilemma wurde die „Grand Old Party“ (GOP) ausgerechnet von Donald Trump gestürzt – ihrem erfolgreichsten Wahlkämpfer und Volkstribun. Trumps Versuch, den republikanischen Innenminister von Georgia zu einer Verdrehung des Wahlergebnisses zu nötigen, ist nach hinten losgegangen: Die Verwaltung in Atlanta hätte Trump sogar angehört. In den USA geht es bei allen Wahlen sehr schlampig zu – das weiß man seit Al Gores Niederlage gegen die Bush-Familie im Jahr 2000.

Doch statt diesen Missstand zu beheben, haben beide Lager im Land die Polarisierung vorangetrieben. Die Entfremdung vieler Amerikaner von ihren Politikern und ihren Institutionen hat sich im Sturm auf das Kapitol gezeigt. Amerika ist heute ein anderes Land als noch gestern. Die politische Auseinandersetzung ist gewalttätig, ungehobelt, rücksichtslos. Das ist das vergiftete Erbe von vier Jahren Trump. Und dieses Erbe bleibt.