Berlin - Zu den wichtigsten Merkmalen des Selbstverständnisses der Katholischen Kirche gehört die seelsorgerische Funktion. Deren Repräsentanten sollen und wollen nicht nur Orientierung in Glaubensfragen geben, sondern auch Rückhalt sein in sozialen Konflikten und seelischen Notlagen. Die hervorgehobene Bedeutung als Staatskirche wird nicht zuletzt durch diese Arbeit legitimiert. Die wesentliche Ressource dafür ist Vertrauen, gerade dieses aber hat die Katholische Kirche zuletzt in hohem Maße verloren. Die Vorwürfe und offenkundigen Fälle des sexuellen Missbrauchs wurden von kirchlichen Amtsträgern bis zuletzt eher vertuscht als aufgeklärt. Das Versagen der Katholischen Kirche als moralische Institution wird längst nicht mehr nur als Ressentiment von antiklerikalen Kräfte artikuliert, viele Gläubige selbst haben zuletzt ihrer spirituellen Heimat den Rücken gekehrt.

Systemisches Versagen

Vor diesem Hintergrund ist es ein ebenso dramatisches wie mutiges Zeichen, dass Reinhard Marx, der  Erzbischof von München und Freising, Papst Franziskus einen Brief geschrieben hat, in dem er den Verzicht auf sein Amt anbietet. Im Kern gehe es für ihn darum, schreibt Marx in dem Brief, „Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“. Ferner ist auch von institutionellem und systemischem Versagen die Rede.

Der 67 Jahre alte Marx gilt in Deutschland als aufgeschlossenster Vertreter seiner Kirche. Im Kampf um deren Selbsterhaltung scheint es einer symbolischen Flucht nach vorn gleichzukommen, wenn er angesichts einer scheiternden Erneuerung der römisch-katholischen Kirche seine Demission in den Raum stellt. Papst Franziskus ist indes kein neutraler Adressat. Vielmehr ist er trotz aller Modernisierungsbemühungen ein Scheiternder vor dem Beharrungsvermögen restaurativer Kräfte.