Kardinal Gerhard Ludwig Müller.
Foto: Imago Images

Als „Hans-Georg Maaßen der katholischen Kirche“ hat ihn ein ARD-Kommentator recht treffend bezeichnet. Denn wie Maaßen als Verfassungsschutzchef wurde auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation unsanft aus dem Amt befördert. Und beide finden sie Zustimmung bei Erzkonservativen und Rechtspopulisten.

Anlass für die ungewöhnliche Etikettierung des Kardinals ist ein Schreiben, das Müller als prominentester von einem Dutzend Kirchenmännern unterzeichnet hat. Die Corona-Pandemie solle für eine Verschwörung zur „Schaffung einer Weltregierung“ genutzt werden, warnen sie darin. Es gebe Kräfte, die daran interessiert seien, Panik zu erzeugen, „um eine hasserfüllte technokratische Tyrannei“ zu schaffen. Das sind Theorien, die auch unter AfD-Anhängern und auf Hygienedemos kursieren.

Initiiert hat das Schreiben der frühere päpstliche Botschafter in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò . Er gehört einer ultrakonservativen Anti-Papst-Front an, die den in ihren Augen zu liberalen Franziskus aus dem Amt zu kegeln versucht. Auch der 72 Jahre alte deutsche Theologe Müller sieht wegen Franziskus’ Reformbestrebungen die Glaubenslehre in Gefahr. Der Papst hatte ihn 2017 als obersten Glaubenshüter und drittmächtigsten Mann des Vatikans ohne ein Dankeswort abgesetzt. Es war eine kränkende Degradierung für Müller, dem ein beträchtliches Maß an Eitelkeit nachgesagt wird.

Von den kruden Thesen, die er und seine Mitstreiter nun verbreiten, distanzierte sich die deutsche Bischofskonferenz umgehend. Klaus Pfeffer, Essener Generalvikar, sprach von „rechtspopulistischer Kampfrhetorik“, die beängstige. Müller sucht die Verteidigung im Angriff. Der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost sagte er, interessierte kirchliche Kreise hätten versucht, aus dem Schreiben „Empörungskapital“ gegen vermeintliche Gegner zu schlagen. „Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker.“ Er stehe zu Unrecht im Zentrum der Kritik. Sein Augenmerk habe auf der teils unzulänglichen Reaktion der Kirche auf die Corona-Einschränkungen gelegen. Müller kritisierte wiederholt, dass Gottesdienste untersagt waren. Der Papst hingegen rief die Katholiken zu solidarischem Distanzhalten auf.

Übrigens sind ungewöhnliche Etikettierungen für den Kardinal nichts  Neues. Die vom Partygirl zur traditionalistischen Katholikin mutierte bayrische Adlige Gloria von Thurn und Taxis nannte ihn einmal „den Donald Trump der katholischen Kirche“. Und das war als großes Lob gemeint: Der US-Präsident und Müller seien „die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die uns heute Klarheit geben“, befand sie.