Der australische Kardinal George Pell verließ am Dienstag das Gefängnis im Autokonvoi. 
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MelbourneIn dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten – diesem juristischen Grundsatz verdankt Kardinal George Pell, dass er jetzt nach 13 Monaten seine Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis nahe Melbourne verlassen durfte. Sechs Jahre hätte der ehemalige Finanzchef des Vatikans nach dem Urteil eines australischen Gerichts hinter Gittern sitzen sollen. 2019 hatten es die Geschworenen als erwiesen angesehen, dass der heute 78 Jahre alte Pell sich in den 90er-Jahren an zwei Chorknaben sexuell verging. Pell, die frühere Nummer drei des Vatikans und ein Vertrauter von Papst Franziskus, ist unter den katholischen Geistlichen, die weltweit wegen Kindesmissbrauchs ins Visier der Justiz kamen, der ranghöchste.

Am Dienstag aber sprach ihn der australische High Court völlig überraschend frei, in letzter Instanz. Die sieben Richter schlossen sich den Argumenten von Pells Verteidigern an. Die hatten in der Berufungsklage argumentiert, die Aussage eines der früheren Chorknaben, auf die sich das Urteil stützte, reiche nicht, um die Schuld zweifelsfrei zu belegen. Pell war damals Erzbischof von Melbourne. Und der Zeuge, heute Mitte dreißig, wirft ihm vor, ihn und den zweiten Jungen in der Sakristei der Kathedrale missbraucht zu haben. Der andere mögliche Zeuge war vor Ermittlungsbeginn an einer Überdosis gestorben.

Konservativer, der gegen Homosexuelle wettert 

Pell, ein konservativer katholischer Traditionalist, der gegen Homosexuelle wettert und in der Jugend Profi-Rugby-Spieler war, hat seine Unschuld stets beteuert. Er verließ das Gefängnis kommentarlos im Autokonvoi und veröffentlichte dann eine Erklärung. Er habe unter der „schweren Ungerechtigkeit“ gelitten, hege aber keinen Groll gegen seine Ankläger, versicherte er. Der Prozess gegen ihn sei auch kein Referendum über die Kirche gewesen.

Franziskus hatte trotz der schweren Vorwürfe lange gezögert, bis er Pells Mitgliedschaft im Kardinalsrat suspendierte, seinem neunköpfigen Beratergremium zur Kurienreform. Am Dienstag betete der Papst in seiner täglichen Morgenmesse im vatikanischen Gästehaus Santa Marta in Rom für die unschuldig Verurteilten: „Für alle Menschen, die eine ungerechte Strafe aus Verbissenheit erleiden“ – das spielte wohl auf Pell an.

Dass der australische Kardinal nach Rom zurückkehrt, ist aber fraglich. Voll rehabilitiert ist er mit dem Freispruch nicht, es laufen auch zivilrechtliche Klagen. Pell soll als Bischof in Australien Missbrauchsvorwürfe gegen pädophile Priester vertuscht haben. Erst vor wenigen Tagen ist zudem ein neuer Missbrauchsvorwurf gegen ihn öffentlich geworden. Ein heute 53-Jähriger sagte dem australischen Sender ABC, dass Pell, damals ein junger Priester, ihn in den 70er Jahren in einem Waisenhaus missbraucht habe.