Köln - Der Kardinal steht vor einer Mauer. Er trägt Schal und Mantel und sieht aus wie ein begossener Pudel. Ernst und schuldbewusst spricht er in die Kamera. Dann Schnitt aufs Gesicht. Nahaufnahme. Und nun die Frage, die sich zurzeit viele Menschen in Deutschland stellen. Nicht nur in Köln. Warum?

Das Video, in dem Kardinal Rainer Maria Woelki, der Kölner Erzbischof, sich selbst eindringlich Fragen stellt, steht in diesen Tagen auf der Internetseite des Bistums. Es soll eine versöhnliche Botschaft senden: Ja, ich habe verstanden, die Lage ist ernst. Aber vor allem auch: Habt Geduld.

Das Filmchen wird wohl nicht reichen. Nicht in einer Lage, in der dem Kardinal bereits das Erzbistum um die Ohren fliegt, die Basis auf den Barrikaden ist und er selbst kurz vor dem Rauswurf steht. Das kleine Video kann den Sturm nicht aufhalten, der durch sein Bistum fegt und die katholische Kirche in Deutschland durchschüttelt. Ironischerweise hat Woelki den Sturm selbst entfacht.

Erzbistum Köln: Missbrauch und der Vorwurf der Vertuschung

Es geht um Missbrauch und den Vorwurf der Vertuschung. Der Kölner Kardinal Woelki verhindert seit Monaten die Veröffentlichung einer Untersuchung zum Umgang der Verantwortlichen in der Kirchenleitung mit Meldungen sexualisierter Gewalt im Kölner Erzbistum. Er hat sie 2018 selbst in Auftrag gegeben.

Die katholische Kirche und die Missbrauchsdebatte – es ist eine nicht enden wollende Geschichte. Seit 2010, seit erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt wurde, bemüht sich die Institution um Aufarbeitung. Das gelingt mancherorts besser, andernorts schlechter. So ein Desaster wie in Köln hat es allerdings noch nicht gegeben.

Debatte um Woelki: Termine für Kirchenaustritte bis Ende April ausgebucht

Mittlerweile verlassen Gläubige im Bistum massenhaft die Kirche. So viele Menschen wollen gerade gleichzeitig austreten, dass die Bürokratie in die Knie geht. In Köln sind die Termine für Austritte aus der katholischen Kirche bis Ende April ausgebucht. Getreue wenden sich ab. Dutzende Pfarrer schreiben öffentliche Brandbriefe. Aus Reformbewegungen in der Kirche, aber auch von anderen Bischöfen sind Rücktrittsforderungen zu hören. Der eigene Diözesanrat verweigert dem Bischof die Gefolgschaft. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken spricht von intransparenten Vorgängen.

Kardinal Rainer Maria Woelki.

Rainer Maria Woelki ist 64 Jahre alt. Er stammt aus einer Familie, die vom katholischen Glauben geprägt ist. Aufgewachsen ist er in Köln-Mülheim. Steil ging seine Karriere in der katholischen Kirche aufwärts. Nach der Priesterweihe 1985 wurden ihm schnell weitere Funktionen und Titel übertragen: Erzbischöflicher Kaplan und Geheimsekretär von Joachim Kardinal Meisner, ein päpstlicher Ehrentitel, Weihbischof in Köln. 2011 wurde er zum Erzbischof von Berlin ernannt. In der Hauptstadt verursachte das erstmal aufgeregte Debatten, vor allem weil Woelki an einer vom erzkonservativen Opus Dei geführten Universität promoviert hatte und ihm schwulenfeindliche Positionen nachgesagt wurden.

Geprägt war die Berliner Zeit letztlich aber positiv von Woelkis zugewandtem Auftreten. Er bezog eine Wohnung in Wedding und nicht im Bischofshaus hinter der St.-Hedwigs-Kathedrale in Mitte, wo sein Vorgänger Kardinal Sterzinsky gewohnt hatte. Er traf Vertreter des Lesben- und Schwulenverbands, feierte in der Gastwirtschaft Ständige Vertretung mit, kam mit der Politik und den Medien ins Gespräch. Abseits vom offiziellen Programm erzählte er manchmal Details aus seinem Privatleben und schien darauf zu vertrauen, dass die Journalisten damit verantwortungsvoll umgehen würden. Er wirkte unverstellt und nahbar, ohne dass ihm das geschadet hätte. 2012 wurde Woelki mit 55 Jahren zum jüngsten Kardinal der Welt geweiht. Seine Rührung und die fast kindliche Freude seiner Eltern beim Festgottesdienst in Berlin erzeugten ein menschliches Bild von Kirche.

Zwei Jahre später schickte ihn der Vatikan als Erzbischof nach Köln - als Nachfolger des zuletzt umstrittenen Kardinals Meisner. Dort lief es von Anfang an konfliktreich. Eine Rolle mag die neue Bedeutung gespielt haben. Aus Kirchenperspektive ist Berlin ein Zwerg und das Kölner Bistum mit fast zwei Millionen Katholiken der Platzhirsch in Deutschland. Aber Woelki machte auch Fehler.

Ein Gutachten zur Verantwortung der Kirchenleitung bleibt geheim

Das aktuelle Desaster begann, als er im vergangenen März die Veröffentlichung jenes Gutachtens, von dem er in dem Video spricht, absagte. Die Gutachter von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl hatten untersucht, wie sich die Verantwortlichen in der Kirchenleitung im Umgang mit den dem Bistum gemeldeten Fällen von sexuellem Missbrauch in den vergangenen Jahren verhalten hatten. Das Erzbistum befürchtete auf einmal Rechtsstreitigkeiten mit ehemaligen oder aktiven Entscheidungsträgern, deren Namen in der Studie auftauchen. Bekannt wurde zum Beispiel, dass der frühere Kölner Personalchef und heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße rechtliche Bedenken gegen die Münchner Ausarbeitung erhoben hat.

Es entwickelten sich rasch Nebenkriegsschauplätze. Statt schnell und radikal reinen Tisch zu machen, beauftragte das Erzbistum Kanzleien mit der Überprüfung des Gutachtens. Sie sollten kontrollieren, ob die darin Beschuldigten ausreichend mit den Vorwürfen konfrontiert wurden. Auf die vorgesehene Veröffentlichung seien Grundsätze der Verdachtsberichterstattung wie im Medienrecht anzuwenden, teilten die neuen Rechtsanwälte mit. Dem halte das Gutachten nicht stand. Es sei nicht gerichtsfest. Neben äußerungsrechtlichen Bedenken fanden die neuen Anwälte auch Mängel bei der Methodik, im Aufbau und bei der Herangehensweise. Die Kanzlei protestierte, aber das nützte nichts.

Ende Oktober landete die Untersuchung im Giftschrank und ist bis heute unter Verschluss. Kardinal Woelki gibt an, dass er das Gutachten nicht gelesen habe und beauftragte einen weiteren Rechtsanwalt mit einer vollkommen neuen Untersuchung.

Seitdem ist das Kirchenvolk auf den Barrikaden. Aus Kirchenkreisen ist mancherorts zu hören, Woelki habe das System herausgefordert, als er sich als großer Aufklärer gerierte. Und jetzt schlage das System zurück. In dieser Darstellung wäre Woelki nur ein gescheiterter Aufklärer.

Er ist aber auch einer jener Akteure, denen ihr Handeln in der Vergangenheit vorgeworfen wird. Nach Medienberichten soll er einen inzwischen gestorbenen Priester nicht an den Vatikan gemeldet haben, der sich vor Jahrzehnten an einem Kind vergangen haben soll. Bei einem zweiten Geistlichen, der gestanden haben soll, über viele Jahre Kinder missbraucht zu haben, soll er erst nach Jahren Strafanzeige erstattet haben.

Das Erzbistum weist darauf hin, dass eine Meldung nach Rom deshalb nicht erfolgte, weil der betreffende Pfarrer nicht vernehmungsfähig gewesen sei, weshalb der Fall nicht aufzuklären war. Im zweiten Fall gibt das Erzbistum an, es sei deshalb keine Strafanzeige erfolgt, weil die Taten bereits zum Zeitpunkt des erstmaligen Bekanntwerdens seit Jahrzehnten verjährt waren und die Anzeige erkennbar aussichtslos gewesen wäre.

Bistum Köln: Es gibt Hunderte Verdachtsfälle von sexueller Gewalt

Die neue Untersuchung liegt in den Händen des Kölner Strafrechtsexperten Björn Gercke. Er begutachtet mit einem Team noch einmal den Umgang mit Hunderten Verdachtsfällen. Dazu sind ebenfalls Hunderte Personalakten und Interventionsakten auszuwerten. Es gibt 243 Beschuldigte und 386 von sexueller Gewalt Betroffene. Gercke kündigt an, dass er am 18. März Ergebnisse präsentieren will. Danach werde auch das erste Gutachten „erst den Betroffenen, dann auch Journalisten und allen anderen, die das möchten“ zur Einsicht freigegeben, versichert Woelki in einer Erklärung. Es geht um die Möglichkeit der Einsichtnahme, nicht um eine Veröffentlichung. Die Bedingungen dafür werden bisher nicht genannt.

Mittlerweile hat sich im Erzbistum derart viel Frust aufgestaut, dass man von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Kirchenleitung und Kirchvolk ausgehen kann und eine weitere Zusammenarbeit unmöglich scheint. Seit Oktober sprechen immer mehr Menschen von Vertuschung. Opferbeauftragte fordern die Offenlegung des ersten Gutachtens. Pfarrer und einfache Kirchenmitglieder schreiben Protestbriefe. Das Thema beschäftigt die Deutsche Bischofskonferenz und den Vatikan.

Kein Tag vergeht, an dem sich nicht weitere Kirchenrechtler, Historiker, andere Bischöfe zu Wort melden. „Die stockende Aufarbeitung bedaure ich sehr“, sagt etwa Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Woelki habe auch die Krise danach „nicht gut gemanagt“. Der oberste katholische Vertreter in Bonn, Stadtdechant Wolfgang Picken, sagt, dass für einen glaubwürdigen Neubeginn auch der Rücktritt von Bischöfen notwendig sei. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx spricht von einem großen Schaden für die katholische Kirche.

Woelki hat unterdessen dem Papst einen Brief geschrieben und ihn gebeten zu prüfen, ob er kirchenrechtlich in der Missbrauchssache alles richtig gemacht habe. Nach Informationen der Katholischen Nachrichtenagentur entlastet der Vatikan Woelki. Darauf reagiert der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller scharf und lässt sich mit den Worten zitieren: „Das ist Willkürjustiz, die den Namen ‚Recht‘ nicht mehr verdient.“

Kardinal Woelki äußert sich zerknirscht, spricht von Fehlern und Vertrauen, das verloren ging. Er will es mit dem zweiten Gutachten zurückgewinnen. „Ich stehe zu meinem Wort, dass dann Namen genannt werden. Das habe ich den Betroffenen versprochen und das wird auch so sein“, sagt er.

Theologin Julia Knop: Im Erzbistum Köln blockieren sich alle gegenseitig

Fragt man die Erfurter Theologin Julia Knop nach einer Einschätzung, ist das erste Wort, das ihr zu der Kölner Lage einfällt „Groteske“. „Es ist grotesk, wie sich alle untereinander blockieren“, sagt sie. Geradezu entlarvend sei, dass sich der Streit um Rechtssicherheit drehe und nicht um Moral und Aufklärung. Das Kölner Desaster habe seinen Anfang bereits bei der Beauftragung des Gutachtens genommen, weil hier der Bischof als Repräsentant der Institution, um die es geht, den Auftrag erteilt, das eigene Handeln in der Vergangenheit zu beleuchten und dann auch noch entscheidet, wie das Ergebnis zu deuten ist und wie damit umgegangen wird. Ob überhaupt veröffentlicht werden darf. „Kein weltliches Gericht würde das so machen“, sagt Julia Knop.

Das Problem dahinter sieht sie in der strikt hierarchischen Struktur der Kirche, bei der alle Macht vom Bischof ausgeht. Es zähle dabei überhaupt nicht mehr, welche Erwartungen die Menschen haben und was Recht und Anstand gebiete. Auffällig findet die Theologin, dass Woelki sich als Ehrenmann geriere, der den Gläubigen, besonders den Betroffenen, sein Ehrenwort gegeben habe, aufzuklären. „Er verlangt von den Gläubigen, dass sie ihm vertrauen. Aber dass dies längst nicht mehr der Fall ist, dass die Menschen ihm reihenweise das Vertrauen entziehen, hat auf sein Handeln überhaupt keinen Einfluss“, sagt Knop. Auch die Tatsache, dass der Bischof den Gläubigen gegenüber nicht rechenschaftspflichtig ist, sieht sie problematisch. Das müsse sich ändern, sagt Julia Knop.

In Köln ist die Gemengelage extrem. Probleme mit der Aufarbeitung gibt es aber auch in anderen Bistümern. Der „Synodale Weg“ mahnt jetzt mit Blick auf „krisenhafte Zuspitzungen“ in Köln Veränderungen an. Das Gesprächsformat unter diesem Namen bemüht sich um Reformen und Aufarbeitung von Fragen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. In der Erklärung des Präsidiums rund um den Kardinal Georg Bätzing heißt es gerichtet an alle Bistümer, Strukturen der Vertuschung müssten aufgedeckt und beseitigt, die Namen der Verantwortlichen genannt, die Ergebnisse der Untersuchungen öffentlich gemacht werden. Verantwortliche müssten Konsequenzen ziehen. „Alle Bischöfe müssen verbindliche Verfahren etablieren, um vor dem Kirchenvolk öffentlich Rechenschaft ablegen zu können“.

Eine solche Selbstverpflichtung von Bischöfen wäre ein Versuch, das System innerhalb des Systems zu verändern. Ein sicherlich sehr langfristiger Prozess. Aber vielleicht eine Chance.

In einem neuen Video steht Woelki im verschneiten Bischofsgarten. Er spricht über Corona, den ausgefallenen Karneval und die bevorstehende Bußzeit. Aber es wirkt, als spreche er auch über das Kölner Desaster. Woelki sagt, er wolle sich Gedanken machen, „wie wir in Zukunft miteinander reden können“. „Ich möchte Menschen noch mehr zuhören“, sagt Woelki. Ums Zuhören allein geht es allerdings längst nicht mehr.

Anmerkung: Der Artikel wurde um eine Stellungnahme des Kölner Erzbistums zum Umgang mit zwei Priestern ergänzt, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde.