Herr Kardinal, ist es angebracht, Ihnen als Teilnehmer der Wahl zu gratulieren?

Doch, schon. Wir sind alle glücklich und zufrieden mit dem Ausgang des Konklaves.

Sind die fünf Wahlgänge für Sie erkennbar auf Kardinal Bergoglio zugelaufen?

Sie wissen ja, dass die Verletzung der Vertraulichkeit den Ausschluss aus der Kirche samt Exkommunikation zur Folge hat. Das können Sie nicht wollen, oder?

Nein, aber wie zu hören ist, hatte Kardinal Bergoglio von Anfang an eine ansehnliche Zahl von Stimmen.

Sagen wir so: Es war kein Spitz-auf-Knopf-Entscheid.

Ist den „gut informierten“ Kreisen, die Bergoglio nicht wirklich auf der Liste hatten, etwas aus dem Präkonklave entgangen?

Nein, der Gang der Dinge war auch für die Kardinäle überraschend. Ich kenne niemanden unter uns, auf dessen Liste Bergoglio ganz oben gestanden hätte. Seine Wahl ist für mich auch eine Antwort auf die Fragen, wie man sich das „Wirken des Heiligen Geistes“ denn vorstellen soll und ob so ein Konklave nicht doch eine politische Veranstaltung ist, bei der Leute die Köpfe zusammenstecken, sich absprechen und untereinander verständigen. Stattdessen kann ich als Teilnehmer sagen: Es wurde nicht groß palavert, auch der Name Bergoglio wurde nicht etwa diskutiert. Sondern in einer für mich beeindruckenden Dynamik lief es auf einmal auf diesen Mann zu.

Hatte er sich im Präkonklave besonders hervorgetan?

Er hat sehr klar die Situation der Kirche, speziell auch der Kurie umrissen. Pointiert brachte er zum Ausdruck, dass in der Kirche eine größere Schlichtheit und Einfachheit vonnöten sei. Das war eine Intervention unter vielen anderen. Aber augenscheinlich hat sie die Kardinäle beeindruckt.

Worauf zielt diese Dynamik hinsichtlich der Erwartungen an Papst Franziskus?

Gleich in den ersten Stunden des neuen Pontifikates ist das in vielen kleinen Zeichen sichtbar geworden. Sofort nach der Wahl müssen ja die Kardinäle vor den Papst treten und ihm ihren Gehorsam zum Ausdruck bringen. Der Papst lehnte den Thronsessel ab, den man ihm dafür schon zurecht gerückt hatte. Sondern er stand einfach vor uns, umarmte jeden Einzelnen und versuchte auch zu verhindern, dass Kardinäle vor ihm auf die Knie fielen. Er war „Bruder unter Brüdern“. Einem Kardinal, der krank ist und schlecht laufen kann, ging er entgegen, damit dieser sich nicht mühsam zu ihm hinbewegen müsste, und umarmte ihn. Und er kam auch nicht mit roter Mozzetta, dem Schultercape, und päpstlicher Stola ausstaffiert, sondern schlicht in der weißen Soutane. Genau wie er sich dann auch auf dem Balkon des Petersdoms gezeigt hat.

Was hat Sie noch beeindruckt?

Im Gästehaus Santa Marta ist er abends nicht in das für ihn vorbereitete päpstliche Gemach umgezogen. Nein, nein, das brauche er nicht, hat er gesagt. Er bleibe bis zur Amtseinführung in dem Zimmer, das ihm vor dem Konklave zugelost worden war. Das hat die Sicherheitsleute, die Schweizer Garde und das Zeremoniell schwer verwirrt.

„Bruder unter Brüdern“ – wird das auch die Amtsführung des neuen Papstes bestimmen und seinen Umgang mit den Ortskirchen in aller Welt?Ich glaube schon, zumal ein kollegialer Führungsstil auch im Vorkonklave immer wieder als wünschenswert und erforderlich für die heutige Zeit bezeichnet wurde.

Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat das Konklave mit einem Besuch beim Zahnarzt verglichen. Wie war es für Sie?

Momentan fühle ich mich ziemlich leer und irgendwie müde. Es waren schon Tage der Anspannung, in denen ich das Konklave als sehr ernstes und vor allem geistliches Tun erlebt habe. Ich habe eine betende Versammlung kennengelernt, und das nicht nur punktuell, sondern eigentlich über die gesamte Zeit hinweg.

Und wie war die Stimmabgabe vor Michelangelos Fresko vom „Jüngsten Gericht“?

Das ist mir schon durch Mark und Bein gegangen, gerade bei der Eidesleitung, wenn man vor Gott schwört, denjenigen zu wählen, den man für den Besten hält. Zudem hatte ich die Sixtinische Kapelle bisher nur als Tourist unter Hunderten anderer Touristen gekannt. Jetzt habe ich sie zum ersten Mal nicht wie ein Museum besucht, sondern als Kirche.

Das Gespräch führte Joachim Frank.