Karl Lagerfeld - ein Nachruf auf den Modeschöpfer: Aus dem Vollen

Paris - Er barst vor Mitteilungsbedürfnis. Aus einem sehr einfachen Grund: So verhinderte er, dass er sich langweilte. Dazu neigte er nämlich sehr. Schon wenn jemand langsam sprach, konnte es passieren, dass er weiterging und den netten, aber von Karl Lagerfelds Gegenwart sichtlich überforderten Menschen einfach stehen ließ. Lagerfeld war aber auch neugierig. Es war also nicht allzu schwer, seine Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn man etwas mitzuteilen hatte.

Als ich am Dienstag das erste Mal hörte, er sei gestorben, dachte ich: Das Gerücht hat er selbst gestreut. Irgendwo sitzt er und wartet ab, denn er will wissen, was Freund und Feind über ihn schreiben. Vierzig Minuten später wird die Todesnachricht auch von Chanel bestätigt. Aber ich werde die Vorstellung nicht los, er beobachtete uns weiter. Einfach aus Neugierde.

Karl Lagerfeld wird bewundert für das, was er gemacht hat, für die Unermüdlichkeit, mit der er fünfzig Jahre lang jedes Jahr bis zu 16 neue Kollektionen entwarf. Es gibt kaum jemanden, der es, schon was die bloße Arbeitskraft angeht, mit ihm aufnehmen könnte. Darüber muss ich noch sprechen.

Aber zunächst einmal möchte ich daran erinnern, dass das alles unmöglich gewesen wäre ohne seine Lust an der Beobachtung, am Zuhören. Man übersieht das oft. Man sieht nur den schaffenden Berserker, nicht den, der sich von Ferne ansieht, was die anderen – die Lebenden und die Toten – machen.

Die Älteren von uns sind aufgewachsen mit Dagobert Duck. Wir haben nicht vergessen, mit welcher Wonne er im Geld badete. So spezialisiert war Karl Lagerfeld nicht. Aber auch er liebte die Fülle. Lagerfeld schwamm von Kind auf im Geld. Aber er schwamm auch in Ideen, in Büchern und Bildern, in Möbeln und in Schmuck, in Kleidern und Entwürfen.

Heute schön, morgen hässlich

Ich sah einmal Fotos seiner Bibliothek – wohl eine der größten Privatbibliotheken der Welt. Bildbände über alle Epochen, Literatur aus aller Herren Länder. Im Steidl-Verlag erscheint die Buchreihe LSD ( Lagerfeld, Steidl, Druckerei).

Jeder Titel, so hieß es, wurde von ihm persönlich abgenickt. Es sind schöne, kluge Bücher zum Teil von sehr umstrittenen Autoren. Ich empfehle Annie Leclerc. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lagerfeld den Band „Die Kunst des Mittagsschlafs“ von Thierry Paquot wörtlich nahm. Ich stelle mir Lagerfeld als schlaflos schön vor. Aber er interessierte sich für ein Lob der Faulheit. Ein Gegenentwurf zu seiner eigenen Existenz.

Es gibt einen Film, in dem sieht man, wie Karl Lagerfeld am Morgen die Ringe aussucht, die dutzendweise seine Hände bevölkerten. Er greift in eine Schatulle und nimmt mehrere Handvoll heraus, dann zieht er einen nach dem anderen über die Finger, lässt den einen oder anderen fallen. Aber stellen Sie sich nicht vor, er würde jeden der Ringe begutachten. Nein, das geht ratzfatz und schon sind die Finger bestellt, und Lagerfeld geht weiter. Es geht nicht um die Addition von Einzelheiten. Es geht um die Herstellung eines Gesamteindrucks. So lässt sich schnell entscheiden, was zu ihm passt und was nicht.

Die Masse macht’s. Aus dem Vollen schöpfen. Lagerfeld konnte sparsam, und er konnte verschwenden. Er konnte Rüschen, und er konnte sie verachten. Was heute schön war, war morgen hässlich und er lebte und arbeitete lange genug, um zu erkennen, dass überübermorgen das von vorvorgestern wieder ging. Nicht mehr als Look, aber doch als Element in einem neuen Look. Alles, was Menschen gedacht und entworfen, was sie getragen und zu tragen verworfen hatten, war in seinem Kopf und von dort aus trat es eine Reise an, in deren Verlauf es sich und ein wenig die Welt veränderte.

Er, der alles sammelte, liebte es wegzuwerfen

Ein Kollege erzählte mir, als Karl Lagerfeld angefangen habe, Modefotografien zu machen, habe es in Paris ein eisernes Gesetz gegeben: Keine Mode vor grünem Hintergrund. Lagerfeld brach es. Kleinigkeiten, die den überwiegenden Teil der Menschheit nicht interessieren. Zu recht nicht. Dennoch sind es diese Gesten, die den Lagerfeld-Stil ausmachen.
Sonst gab es keinen. Er, der alles sammelte, liebte es wegzuwerfen. Nichts überflüssiger als der Blick zurück auf die Kollektion des vergangenen Halbjahres. Er hasste Langeweile und sich selbst zu langweilen, ging ihm gewaltig gegen die Natur. Also immer nach vorne, immer etwas Neues.

Das hat etwas Manisches. Zumal es ja zusammenging mit einem Grad an Angepasstheit, der schwer zu ertragen ist. Wie kann man Caroline von Monaco zu seiner persönlichen Freundin ernennen? Wie von Claudia Schiffer aufrichtig begeistert sein? Nun ja, Adorno hatte eine Schwäche für Damen des christlichen Hochadels, da wollen wir Karl Lagerfeld nicht seine geschmacklichen Ausschweifungen vorwerfen, was das andere Geschlecht, das sicher nicht das von ihm bevorzugte war, angeht. Aber sein gänzliches Desinteresse an einer Veränderung des gesellschaftlichen Status quo, sein Beharren darauf, dass es mit dessen Dekoration getan sein sollte, macht ihn und seine spezifische Art der Rebellion zu einer der zentralen Figuren des in den Achtzigerjahren einsetzenden Rollback.

Betrachten Sie das kleine Foto. Es zeigt Claudia Schiffer in Lagerfelds modernisierter Version eines Chanel-Kostüms. Das tiefe Dekolleté, die verkürzte Rocklänge weisen deutlich über den Klassiker seiner Lehrmeisterin hinaus. Aber das Interessanteste ist das Lachen der Claudia Schiffer. Das war wirklich etwas Neues. Es war die in Szene gesetzte, akribisch genau hergestellte „Natürlichkeit“.

Karl Lagerfeld war nicht der Einzige, der diesen Schwenk machte. Er schwenkte mit der Epoche. Das war seine Begabung. Er wird es als Tanz betrachtet haben, als eine Bewegung, die ihn mal näher an die Welt brachte, mal weiter von ihr entfernte. Niemals aber brach der Kontakt ab. Man kann auch an Akrobaten denken, die am Trapez durch die Luft schwingen und mal der eine den anderen, mal der andere den einen auffängt.

Ein Genie des Geschäfts

Das ist aber nur die eine Seite des Lagerfeld'schen Genies. Die andere ist das Bodenständige, das er auch hatte, ohne das er nicht ein halbes Jahrhundert in dem Affenzirkus der Haute Couture hätte überleben können. Er war auch ein Genie des Geschäfts. Mal tat er so, als verachtete er die Massen, aber – fast – immer traf er ihren Geschmack. Er konnte das nur tun, weil er ihnen ähnlicher war, als er wollte. Aber sagen wir es doch, wie es ist: Die Welt wurde in den letzten fünfzig Jahren ein Lagerfeld. Das war von ihm nicht zu planen. Das war sein Glück.

Ich rede hier immer von Karl Lagerfeld, aber natürlich war Karl Lagerfeld eine Marke. So wie Peter Paul Rubens eine Marke war oder Charles Dickens. An den Romanen des letzteren schrieb ein halbes Dutzend ungenannt gebliebener Autoren mit. An den Gemälden des ersteren waren zig Maler beteiligt. Das waren Werkstattbetriebe, in denen die historische Forschung in mühsamer Arbeit damit beschäftigt ist, die Hände zu scheiden. Irgendjemand sollte uns das jetzt für Karl Lagerfeld besorgen. Karl Lagerfeld war viele.

Das schmälert nicht seine Leistung, sondern es würde deutlich machen, wie sehr sie im Zusammenführen bestand. Niemand wundert sich darüber, dass er erkennt, dass das Furtwänglers oder Soltis Einspielung der Neunten ist. Niemand wundert sich auch, dass er den Klang der Wiener oder Berliner Philharmoniker durch Furtwängler und Solti hindurch hört. Nicht anders erginge es – davon bin ich überzeugt – wirklichen Modekennern, wenn sie eine Kollektion von Karl Lagerfeld betrachten. Nicht immer und nicht bei jeder, aber doch immer mal wieder.

Die romantische Vorstellung, Stil sei eine Sache der Persönlichkeit, bekam durch Lagerfelds Auftritte Auftrieb, gleichzeitig aber hat kaum jemand durch sein Werk diese Illusion so zerstört wie er. Sich selbst hatte er strenger entworfen als seine Mode.

Über Jahrzehnte war er nicht abgewichen von Sonnenbrille und Zopf, und als er nach dem Tod seines Freundes zugenommen hatte und nur noch in weiten Umhängen von Yamamoto zu sehen war, sagte er sich: Du musst dein Leben ändern. Innerhalb von dreizehn Monaten, so weiß Wikipedia zu berichten, verlor er 42 Kilogramm. Er erzählte, er habe das Gewicht abgetanzt. Ich glaubte und glaube ihm kein Wort.

Man darf Lagerfelds Äußerungen nicht glauben. So, wie er die Welt über sein Geburtsdatum – 10. September 1933 – belog, so wird er auch den Rest seiner Lebensgeschichte sich zurechtgebogen haben, wie es ihm gerade in die blitzschnell zugeflogene Pointe floss. Er wollte nicht gelangweilt werden, und er wollte nicht langweilen. Ohne Langeweile aber ist die Wahrheit, so aufregend sie dann auch sein mag, nicht zu haben. Man muss Akten wälzen, nachschlagen, Gehörtes, Erlebtes hinterfragen.

Riesige Buchstaben, handschriftlich

Ich erinnere mich noch an die Nächte bei der deutschen Vogue in München. Lagerfeld saß in seinem Büro in Paris und schickte uns Faxe. Manchmal gab es eine Pause, weil ihm noch etwas anderes eingefallen war, das er hinzufügte. Alles handschriftlich. Riesige Buchstaben, die in null Komma nichts aus einem kurzen Text einen Roman machten. Wir schrieben das alles hübsch auf, redigierten es – d.h. wir fügten hier ein Verb hinzu, das er vergessen hatte, monierten das Fehlen uns wesentlicher Angaben. Er antwortete immer sofort und gegen ein Uhr nachts war alles fertig. Niemals kommentierte er, was wir aus seinen Faxen gemacht hatte.

Damals dachte ich: Er sieht sich das nicht an. Inzwischen denke ich, er hatte den Text so großzügig und so rücksichtslos, was grammatikalische Konventionen anging, in die Welt geworfen, er wäre sich kleinkariert vorgekommen, nachträglich daran rumzuzicken. Es wäre ein Blick zurück gewesen.

Dies hier muss ein Blick zurück sein. Ein Blick zurück in die Jahre der Restauration. Ich habe kein Wort verloren über den Prozess, in dem unter tätiger Mithilfe Karl Lagerfelds aus einer bereits fast abgewirtschafteten Marke wie Chanel – dank einer neuen Produktpalette – ein Milliardenunternehmen wurde. Ich habe nichts über die gescheiterten Unternehmen Lagerfelds, über seine Kooperationen mit Quelle, Hilfiger usw. geschrieben.

Die Luxusindustrie und das Finanzkapital

Lagerfelds Geschichte ist eingebettet in die des Luxus, wie er sich Ausgang des 20. Jahrhunderts wieder in einem Umfang etablierte, den in den Sechzigerjahren niemand vorausgesehen hatte. Die Luxusindustrie und das Finanzkapital – das wäre die Überschrift über diesem ganz anderen Blick auf diese Zeit.

Es war eine Zeit, in der noch einmal Paris die Mode machte, nachdem London ihr das Geschäft schon abgenommen zu haben schien. Wird die nächste Modehauptstadt der Welt Schanghai sein oder doch noch Tokio?

Niemand kennt die Zukunft, und es kommt immer alles anders, als man denkt. Aber vieles spricht dafür: Der Tod von Karl Lagerfeld markiert das Ende einer Epoche.