Karl Lauterbach bei Markus Lanz: „Die Legalisierung dient der Einschränkung“

Trotz Staatsbesuch in China und Energiekrise in Krankenhäusern: In der Sendung verirren sich Lanz und Lauterbach in der Diskussion ums Kiffen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht über die geplante kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene in Deutschland. (Archivbild)
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht über die geplante kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene in Deutschland. (Archivbild)dpa/Kay Nietfeld

Ob es nun die deutsche Wirtschaft ist, die Gefahr läuft, sich chinesischen Staatskonzernen hinzugeben, oder ob es Jugendliche sind, die dem Konsum von Cannabis verfallen – thematisch stand in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz am Dienstagabend alles unter dem Zeichen und Fragen von Abhängigkeiten. Zurück aus einer „kurzen Zwangspause“, nachdem der Moderator eine Sendung in der vergangenen Woche wegen Heiserkeit hatte ausfallen lassen, eröffnete Lanz seine Wiederkehr in einer für ihn bequemen Runde, saßen da gleich drei Gäste aus seinem Metier: zwei ZDF-Korrespondenten und die Journalistin Kerstin Münstermann – und dazwischen der Talkshow erfahrene, in dieser Runde etwas eingeklemmte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Denn den angekündigten Fragen, ähnlich solchen, mit denen sich Lauterbach in der Vergangenheit in Talkshows eher hervorgetan hat, etwa: Wie geht es weiter in der Pandemie? Wie kommen die Krankenhäuser in der Energiekrise durch den Winter? – überließ Moderator Lanz einen nicht erwähnenswerten Bruchteil des Sendeplatzes. Die Anmoderation verrät dagegen schon, es ist der zweite Teil der Sendung, der Lanz bewegt, er teasert, immerhin wolle die Regierung die „EU vernebeln“. Es gebe ja viel Wichtiges zu diskutieren, findet er, aber die Ampel rede bloß übers Kiffen. Doch um dorthin zu kommen, muss Lanz noch durch den ersten Teil der Sendung galoppieren, vom Hamburger Hafen zu Miriam Steimer, der Leiterin des ZDF-Büros Peking, in die Videoschalte.

Die „vertrauliche“ Debatte über den China-Deal

Wird die innerdeutsche Debatte um den Hamburger Hafen in China wahrgenommen? Ja, „die Chinesen“ setzten aktuell große Hoffnungen in Olaf Scholz und die SPD, sagt Steimer vom Bildschirm aus. Der Bundeskanzler wird als erster europäischer Regierungschef seit Ausbruch der Corona-Pandemie Ende dieser Woche nach Peking reisen. Ja, Scholz würde in manch einer Publikation im Land als Held gefeiert, sagt Steimer, und Lanz stellt mehr fest, als dass er fragt: Ein Propagandasieg!? – die Runde im Studio in Deutschland nickt einhellig.

Wie das Bundeskabinett China und das Hafenterminal Hamburg debattiere, fragt Lanz nun den Gesundheitsminister – und lässt den so für die erste Irritation der Sendung sorgen. Der sagt nämlich: „Vertraulich“. Und sonst nichts. Wenigstens zuerst. Die wenigen Sekunden der Stille halten aber weder Lanz noch Lauterbach gut aus, und beginnen ein Pingpong-Spiel, das sie im Verlauf der Sendung wieder und wieder spielen werden. Lauterbach sagt, der Deal sei harmlos, der Anteil am Hafenterminal keine Gefahr, es sei höchstens „symbolisch eine unvorteilhafte Komponente“ gewesen, dass der Kanzler ausgerechnet jetzt nach China reise. Wäre die Reise nicht belastet gewesen, sinnlos sogar, wenn der Hafen-Deal kurz zuvor geplatzt wäre? „Jetzt haben Sie laut gedacht!“, jauchzt Lanz, hat Lauterbach ertappt, will doch etwas Kabinetts-Wissen aus ihm herauskitzeln, doch der Gesundheitsminister murmelt einen Widerspruch.

Also springt Lanz zum anwesenden ZDF-Korrespondenten Nummer zwei, Elmar Theveßen, schnell in die USA, springt von „den Chinesen“ zu „den Amerikanern“ – und setzt mit diesen Begriffen die Bilder, die die weitere Debatte bestimmen, Bilder, in denen die beiden Mächte sich beinhart gegenüberstehen. Oder? Nein, Nein, sagt Theveßen, Leiter des ZDF-Studios in Washington, „die Amerikaner“ betreiben weiter „intensiven Handel“, schließen aber die Bereiche aus, in denen China seine Partner „nötigt und erpresst“.

Deutschland müsse deshalb also wieder „Selbstversorger“ werden in den kritischen Bereichen, findet Theveßen, und da sagt Lauterbach nun noch einmal, das alles sei gar nicht so dramatisch, wie diese Töne suggerieren. Denn aus der Wissenschaft in China komme quasi nichts, die europäische Industrie könnte „mühelos“ ihre eigenen Wirkstoffe herstellen, er sagt sogar: „Der Chinese“ sei nicht in der Lage, irgendetwas zu machen, was wir nicht auch könnten. „Der Westen“ sei nicht auf China angewiesen.

So weit, so viele Abhängigkeiten. In den letzten 40 Minuten der Sendung, nun hat Lanz das Ziel seines Talk-Galopps erreicht, das Thema, das er – mangels Ernsthaftigkeit? Aus zu großer Ernsthaftigkeit? – „Kiffen für alle“ nennt. Die mäßigen Wortspielen werden noch mal ausgepackt, es ist so weit: Wie läuft das mit dem Cannabis denn in den USA, Herr Theveßen?, fragt Lanz. „Berauschend“, sagt der. Wie auch sonst. Lanz dreht sich in seinem Stuhl, jetzt kann er endlich feuern: „Herr Lauterbach, diese Cannabis-Geschichte. Haben wir keine anderen Probleme? Warum müssen wir jetzt Kiffen freigeben?“

„Die Legalisierung dient der Einschränkung“

Der Gesundheitsminister präsentiert den Plan: Cannabishandel und Kriminalität soll der eindämmen, Konsum legalisieren. Und wieder springt der Pingpong-Ball zwischen Moderator und Minister, und produziert so ein Knäuel an Argumenten, das Expertise und Klarheit vermissen lässt. Lanz fragt: Sie wollen die Kinder schützen, indem sie den Eltern erlauben, zu Kiffen? Lauterbach sagt: Das ist eine polemische Zuspitzung. Lanz: Ne, das ist eine Beschreibung der Wirklichkeit. Lauterbach: Das ist nicht, was Ermittler, Experten und Studien uns zeigen.

Dem Gesundheitsminister – der nach eigener Aussage seit eineinhalb Jahren Legalisierungs-Befürworter ist, seit er Studien zu gestrecktem Gras gelesen und mit Experten gesprochen hat – geht es um Kontrolle. Des Schwarzmarktes, des Preises, des Anbaus, der Qualität, der Verkaufsstellen, des Konsums. „Die Legalisierung dient der Einschränkung“, sagt Lauterbach. Dem Moderator – der findet, dass Väter und Mütter ihre Glaubwürdigkeit gegenüber ihren Kindern verlören, wenn ihnen der Staat erlaube, „mit diesen Drogen zu experimentieren“ – geht es darum, dem Gesundheitsminister auszureden, dass er selbst von den Plänen seiner Regierung überzeugt sein kann. „Ich höre Ihnen jetzt seit 30 Minuten zu, und ich spüre regelrecht, wie sie die ganze Zeit gegen ihre eigene innere Überzeugung argumentieren“, sagt Lanz.

Lauterbach verneint, sagt, auf diese Weise sei es noch das „kleinere Übel“, und fragt nach einem Gegenvorschlag. Bisher habe die „gesellschaftliche Ächtung“ doch ganz gut als Prävention funktioniert, sagt dann Lanz. In aller Ernsthaftigkeit. Man soll ja aufhören, wenn’s am schlimmsten ist. Und so schließt Lanz die Sendung mit der Prognose: „Ich fürchte, das wird uns noch ein bisschen begleiten, und ich hoffe sehr, dass wir darüber noch eine wirklich ernsthafte Debatte kriegen.“ Das wäre tatsächlich zu hoffen.