Karl Lauterbach (SPD) kritisiert, das Beherbergungsverbot binde wichtige Corona-Testkapazitäten und im Vergleich zu anderen Maßnahmen nicht wichtig.
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BerlinFür Karl Lauterbach, den Gesundheitsexperten der SPD, gehen die Beschlüsse des Corona-Gipfels von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder nicht weit genug. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung fordert der Epidemiologe ein bundesweites Bußgeld von 250 Euro für Maskenverweigerer sowie ein Ende des Beherbergungsverbots und erklärt, wieso das Tragen vom Masken auch im Freien sinnvoll sein kann. 

Berliner Zeitung: Wie bewerten Sie die Beschlüsse des Corona-Gipfels? Sind die Maßnahmen ausreichend?

Karl Lauterbach: Es wurde nicht mehr beschlossen als unbedingt notwendig. Wir werden in den nächsten Wochen sehen, ob es ausreicht oder nicht. Viel weniger hätte man nicht beschließen dürfen. Ich schau mal auf das Positive: Man hat sich dafür entschieden, auf die Infiziertenzahlen zu schauen und diese gering zu halten.

Was wäre das Optimum an Maßnahmen?

Ich hätte mir eine Regelung gewünscht, die bei privaten Feiern weniger Ausnahmen zulässt. Ich persönlich hätte es auch richtig gefunden, wenn wir beim Verstoß gegen die Maskenpflicht ein einheitliches Bußgeld von 250 Euro bekommen hätten. Auch wie wir mit dem Beherbergungsverbot umgehen, ist ungelöst. Wir haben nach wie vor das Problem, dass wertvolle Tests in den Hotspot-Regionen verbraucht werden, um touristische Reisen vorzubereiten, die wir anders viel sinnvoller einsetzen könnten.

Das Beherbergungsverbot ergibt aus Ihrer Sicht also keinen Sinn.

Es ist kein großer Beitrag zur Pandemiebekämpfung und im Vergleich zu anderen Maßnahmen nicht wichtig. Die Pandemie wird nicht durch die Reisen getrieben. Für die Frage, ob wir in wenigen Wochen 10.000 Fälle haben, hat es keinerlei Bedeutung.

Hat es aber eine Bedeutung für die Akzeptanz der Maßnahmen? Viele Menschen können es nicht nachvollziehen.

Das stimmt. Aber wenn die Akzeptanz der Maßnahmen nicht greift, werden wir nicht drumherum kommen, mit Bußgeldern zu arbeiten.

Einigen konnte man sich hingegen auf eine verschärfte Maskenpflicht. In einigen Städten wie Stuttgart gilt sie schon jetzt auch im Freien. Ist das sinnvoll?

Wenn man eng beieinander steht und laut spricht, kann es je nach Höhe der Infektionszahlen sinnvoll sein. Wenn Sie beispielsweise in Neukölln auf gedrängtem Raum stehen und es unterhalten sich 20 Leute, ist das Infektionsrisiko sogar draußen sehr hoch.

Warum wurden Ihrer Meinung nach keine härteren Maßnahmen beschlossen? Angela Merkel hat immerhin mit Michael Meyer-Hermann einen Experten vom Helmholtz-Institut eingeladen, der den Anwesenden den Ernst der Lage nochmals deutlich machte.

Ich sehe es so wie Christian Drosten. Wir hatten in den letzten Wochen das, was er „Irrlichter“ nennt. Es gab immer wieder Stimmen, die sagten, wir könnten uns 20.000 Infektionen am Tag leisten. Oder die Situation sei so, dass Leute zwar erkrankten, aber nicht sterben. Oder wir müssten lernen, ewig mit dem Virus zu leben. Solche störenden Stimmen haben die Hoffnung in der Bevölkerung bedient, dass das Ganze jetzt vorbei ist. Dass Angela Merkel Michael Meyer-Hermann die Gelegenheit gegeben hat, beim Gipfel vorzutragen, war ein kluger Schachzug. Er hat die Lage so beschrieben, wie sie ist. Davon hätte man vor ein paar Wochen gern mehr gesehen.

Halten Sie es angesichts der steigenden Infektionszahlen für realistisch, dass wir Weihnachten mit der Familie feiern können? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte, dass das möglich ist.

Wir haben es noch in der Hand. Denn wir haben das Glück, dass sich die Pandemie in anderen Ländern schneller entwickelt als bei uns. Daher sind wir erneut in der privilegierten Situation, etwas abwenden zu können, was woanders nicht mehr abwendbar ist. Man muss aber Folgendes beachten: Wenn wir die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau halten wollen, müssen wir die jetzigen Maßnahmen beibehalten. Wir werden also ein halbes Jahr lang sehr diszipliniert leben müssen.

Viele Oppositionspolitiker fordern eine stärkere Beteiligung der Parlamente bei der Corona-Bekämpfung und sprechen von „Klüngelei“ zwischen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten. Was halten Sie davon?

Das ist aus meiner Sicht eine unsinnige Forderung. Wir brauchen schnelle Beschlüsse. Wir können uns da keine wochenlangen Debatten im Bundestag erlauben.

Über Karl Lauterbach

Karl Lauterbach wurde im Februar 1963 in Düren geboren. Der ausgewiesene Epidemiologe und Universitätsprofessor ist seit 2005 für die SPD im Deutschen Bundestag. Seit dem ist er als Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln beurlaubt. In der Corona-Krise tritt er immer wieder als Mahner auf und warnt davor die Gefahr der Pandemie nicht zu unterschätzen.