Aachen - Die Botschaft war einfach, und sie war eindeutig: Europa, tu etwas. Sei mutig, sei tapfer und habe keine Angst, deine Rolle zu spielen in einer außer Rand und Band geratenen Welt. Fast gebetsmühlenartig wiederholte Emmanuel Macron  im Krönungssaal des Aachener Rathauses seinen Appell an die mitunter ein wenig zögerlichen Europäer. „Wartet nicht darauf, dass jemand für euch handelt. Steht zusammen und nehmt die Dinge selber in die Hand.“

Der französische Staatspräsident ist der diesjährige Träger des „Internationalen Karlspreises zu Aachen“ – eine Ehre, die vor ihm schon 52 Männern und fünf Frauen zuteil wurde.  Macron, so die Begründung des Karlspreis-Direktoriums,  sei „ein mutiger Vordenker für die Erneuerung des Europäisches Traums“.  Seine Leidenschaft, sein Mut und sein Eintreten für Zusammenhalt und Gemeinsamkeit seien zur Überwindung der europäischen Krise „vorbildhaft, wegweisend und im positiven Sinne ansteckend“. Macron, setzte der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp in seiner Begrüßungsrede noch einen drauf, sei „der größte Impulsgeber im heutigen Europa“.

Derweil schwenkten vor dem Aachener Rathaus Hunderte Atomkraftgegner gelbe „Stopp Tihange“-Plakate und stimmten ein fröhliches französisches Kinderlied an:  „Frère Jacques, dormez vous“ an – Bruder Jakob, schläft du?

Spannung vor Merkels Rede

Zur 20-minütigen Laudatio angetreten war Bundeskanzlerin Angela Merkel, Karlspreisträgerin des Jahres 2008. Bislang hatten Macrons Visionen von einer gemeinsamen europäischen Verteidigungs- und Asylpolitik sowie einer gemeinsamen Grenzsicherung nur wenig Beachtung gefunden im bundespolitischen Alltag, eine konkrete Antwort Merkels auf die Vorschläge des französischen Kollegen war weitgehend ausgeblieben. Umso gespannter war man in Aachen auf die Rede der deutschen Bundeskanzlerin.

Auch sie sei überzeugt, dass „dass wir Europäer nur gemeinsam in der Lage sind, die Herausforderungen der heutigen Zeit zu bestehen“, gab Merkel die Stoßrichtung vor. Und zeigte sich tief beunruhigt über die Iran-Krise. „Die Eskalation der vergangenen Stunden zeigt uns, dass es wahrlich um Krieg und Frieden geht“, sagte sie in Bezug auf die  nächtlichen Angriffe Israels auf iranische Stellungen in Syrien. In dieser „extrem komplizierten“ Situation sei das Gebot der Stunde für alle Beteiligten, Zurückhaltung zu wahren. Auch Deutschland, zeigte sie sich selbstkritisch,  müsse sich im Nah-Ost-Konflikt „direkt vor unserer Haustür“ stärker einbringen und eine gemeinsame Lösung in Syrien finden.  

In einem vier-Punkte-Programm präzisierte sie, wie sie sich die Zukunft Europas vorstellt, und zeigte sich darin in vielen Punkten einig mit den Ideen Macrons: gemeinsame Investitionsstrategie zwecks wirtschaftlicher Stärkung, gemeinsame Migrations-, Asyl-,  Außen- und Sicherheitspolitik. Zudem sei eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion nötig, um die Eurozone zu kräftigen. In diesem Bereich, räumte sie ein, gebe es noch schwierige Fragen zu klären. „Aber wir werden Fortschritte machen.“  Sie kündigte Lösungen bis zum Juni an.

„Seien wir nicht schwach“

Macron, der in diesen Tagen ein Jahr im Amt ist, griff in seiner Rede im Krönungssaal vieles auf, was er am 26. September 2017 an der Pariser Sorbonne  in seiner wegweisenden Rede „Initiative für Europa“ als Richtschnur für die  Neubegründung eines „souveränen,  geeinigten und demokratischen Europa“  formuliert hat. „Seien wir nicht schwach“, beschwor er unter enthusiastischem Beifall der rund 850 Gäste die Stärke der Europäer. „Wir werden bedroht von manchen, mit denen wir früher gemeinsam gegangen sind.“ Und: „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass andere über uns, unser Klima und unsere Wirtschaft entscheiden.“ Auch er ging kurz auf die Iran-Krise ein: „Unsere Aufgabe ist es, Frieden und Stabilität im Nahen Osten zu schaffen.“  

Empathisch warb er für ein Vier-Punkte-Schnellverfahren, das die Souveränität Europas stärken und stabilisieren soll: gemeinsam handeln, sich nicht aufspalten lassen, keine Angst haben. Und bloß nicht warten. „Wir haben in der Vergangenheit vielleicht manche Gelegenheit zu handeln verpasst. Heute haben wir nicht mehr das Recht dazu. Die Zeit drängt. Wir müssen uns nicht mal immer einig  sein. Wir müssen erst einmal etwas wollen. Und danach ohne zu zögern handeln.“

Macrons Botschaft kommt an

Das ist nicht neu, doch im vollbesetzten Krönungssaal kam die Botschaft gut an. Standing Ovation von einem internationalen Publikum,  zu dem neun Regierungs- und Staatschefs, darunter König Felipe VI. von Spanien, der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko und mehrere Preisträger und Preisträgerinnen aus den vergangenen Jahren zählten. Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker saßen im Publikum.