Katar-WM: „Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Fußball, etwas zu tun“

Zwei nepalesische Arbeitsmigranten berichten über ihr Leben in Katar und sagen, was schon besser geworden ist und noch besser werden muss.

Der Countdown läuft: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar beginnt am Sonntag.
Der Countdown läuft: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar beginnt am Sonntag.imago/Noushad Thekkayi

Die Berliner Zeitung konnte dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit zwei Nepalesen sprechen, die als Arbeitsmigranten langjährige Erfahrung in Katar haben. Beide wollten aus Furcht vor Repressalien nicht von vorne fotografiert werden.

Berliner Zeitung: Herr Shestra, Herr Khati, hat sich die Situation in Katar verbessert, weil die WM dort bald stattfindet und die ganze Welt nach Katar schaut?

Krihna Shestra: Ich würde die Frage zwiespältig beantworten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Katar sind noch immer schlecht. Aber nun, da wegen der Weltmeisterschaft das Spotlight auf Katar gerichtet ist und sich die Medien dieser Themen annehmen, ist etwas passiert. 2020 wurden ein Mindestlohn eingeführt und das Kafala-System abgeschafft. Arbeiter müssen nun nicht mehr ihren Pass abgeben und die Erlaubnis ihres Arbeitgebers einholen, wenn sie den Job wechseln oder wieder ausreisen wollen.

Jeeban Khati: Es hat sich etwas getan. Als ich hier im Jahr 2003 ankam, musste ich meinen Pass noch abgeben. Damals konnte ich auch nur mit Erlaubnis meines Arbeitgebers nach Nepal zurückkehren. Mir wurde das jedes Mal erlaubt. Ohne die WM hier und den Druck, der dadurch entstand, würde es das Kafala-System sicher noch geben. Katar ist ein etwas besseres Land als vor 20 Jahren. Aber es ist bei Weitem noch nicht gut genug. Die Zahl der Sicherheitsinspektoren auf Baustellen ist immer noch sehr niedrig, sie kommen sehr selten. Das wissen die Unternehmen und missachten die Arbeitsschutzgesetze. Manche Arbeitgeber geben keine Sicherheitskleidung heraus, wozu sie verpflichtet sind. Manche stellen noch nicht einmal Bauhandschuhe, Helme oder Schutzbrillen zur Verfügung oder streichen den Transport von den Unterkünften vor den Toren der Stadt zu den Baustellen. Wenn man auf diesen Baustellen arbeitet, kann dort sogar die Versorgung der Arbeiter mit Trinkwasser ein Problem sein.

Wie war die Situation vor Einführung des Mindestlohns?

Shestra: Jedes Unternehmen konnte selbst entscheiden, wie viel es wem zahlte. Die Unterschiede waren beträchtlich, je nachdem, aus welchem Land ein Arbeiter kam.

Was hat das für Sie als Nepalesen bedeutet?

Shestra: Am wenigsten haben die Arbeiter aus Bangladesch bekommen. Dann kamen wir aus Nepal. Philippinos bekamen schon beträchtlich mehr, Inder noch mehr. Es gab keinerlei Standardbezahlung. Mittlerweile beträgt der Mindestlohn 1800 Katar-Riyal, umgerechnet knapp 600 Dollar. 800 Riyal werden für Unterbringung, 300 Euro für die Betreuung durch die Agentur abgezogen. Es bleiben rund 275 Dollar pro Monat.

Wird der Mindestlohn tatsächlich ausgezahlt?

Shestra: Das klappt noch nicht überall zu hundert Prozent, aber weitgehend schon.

Recycling-Tonnen im Education City Stadion in Doha
Recycling-Tonnen im Education City Stadion in Dohawww.imago-images.de

Werden die Ruhezeiten im Sommer eingehalten?

Khati: Es ist von Juni bis zum 15. September strikt verboten, zwischen zehn Uhr morgens und 15.30 draußen auf Baustellen zu arbeiten. Aber einige der Arbeitgeber zwingen die Arbeiter, dennoch während dieser Zeit zu arbeiten. Es wird zu wenig kontrolliert.

Haben Arbeitsmigrant:innen inzwischen immer die Möglichkeit, ohne Erlaubnis des Arbeitgebers auszureisen?

Shestra: Ja. Sie erhalten Exit-Visa seit 2020 in der Regel problemlos. Mit dem Arbeitsplatzwechsel ist es schwieriger. Das Kafala-System ist zwar eigentlich abgeschafft, aber die Modalitäten, eine neue Arbeit anzunehmen, sind für viele Arbeiter viel zu kompliziert. Wer sich da nicht auskennt, ist oft verloren, auch aufgrund der Sprachbarrieren. Es gibt noch viel zu tun in Katar, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Funktionieren die sogenannten Migration Workers Centers, wo Arbeiter Beschwerde gegen Ausbeutung einlegen können?

Khati: Es gibt die Beschwerdestellen seit 2014. Dort sind sogar Dolmetscher tätig. Wenn die Fälle allerdings an die Gerichte weitergereicht werden, wird dort nur in arabischer Sprache ohne Übersetzer verhandelt. Entsprechend schlecht sind die Chancen der Arbeiter, ihre Rechte durchzusetzen.

Sollten die Fußballspieler selbst sich zu den Zuständen äußern?

Shestra: Das wäre sehr hilfreich. Die Spieler spielen in wunderschönen Stadien auf wunderschönem Rasen und bekommen große Unterstützung von den Fans. Was sie dafür anbieten können, sind Worte und Gesten, die den Respekt vor denjenigen ausdrücken, die diese Stadien gebaut oder gar ihr Leben dabei verloren haben. Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Fußball, etwas zu tun. Fußball ist doch längst viel mehr als bloß ein Spiel. Er ist eine gesellschaftliche Institution, die Druck auf die Regierung ausüben kann, damit die migrantischen Arbeiter ein besseres Leben leben können.

Khati: Vielleicht könnten die Spieler ja fünf oder zehn Prozent ihrer Prämien spenden. Das wäre ein gutes Zeichen.

Nutzt nur Druck etwas oder sind die Mächtigen in Katar auch selbst überzeugt, dass Reformen notwendig sind?

Shestra: Das ist ein kritischer Punkt. Ich habe immer wieder erlebt, dass Arbeiter, die bessere Bedingungen gefordert haben, umgehend zurück in ihre Heimatländer geschickt wurden. Von sich aus kommt da ohne öffentlichen Druck nichts von der Regierung.

Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn die WM vorbei ist?

Khati: Gute Frage, schwierige Frage. Wenn die Karawane der Teams und Medien nach dem Finale davongezogen ist, was wird dann passieren? Ich setzte weiter auf Verbesserungen und bin nicht pessimistisch.

Shestra: Die Teams und Journalisten werden abreisen. Die Party ist vorbei. Die Arbeiter bleiben. Deshalb bitte ich Sie und Ihre Kollegen: Fokussieren Sie sich nicht nur auf die Weltmeisterschaft, sondern bleiben Sie auch danach an den Themen dran.

Fürchten Sie, dass sonst Reformen zurückgedreht werden?

Shestra: Das glaube ich nicht. Und ich hoffe es nicht. Aber ich bin nicht sicher.

Warum?

Shestra: Es ist doch schon genug passiert: Tausende haben ihr Leben gelassen. Auch andere haben sehr gelitten. Wenn Katar Reformen wieder zurücknimmt, werden die Leute das nicht akzeptieren. Sie würden für ihre Rechte kämpfen.

Khati: Wir haben das gerade erlebt, als eine Firma sieben Monate lang keine Löhne ausgezahlt hat. Etwa 250 Arbeiter protestierten vor der Firmenzentrale. Das Unternehmen hat die Polizei gerufen. 50 oder 60 Arbeiter wurden erst in Gewahrsam genommen und dann in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Ich setze dennoch darauf, dass Arbeitsmigranten sich dennoch selbstbewusst für ihre Rechte einsetzen. Vor ein paar Jahren hätten sie sich nie und nimmer getraut zu protestieren.

Verschiedene Fanorganisationen in Deutschland rufen dazu auf, die WM in Katar zu boykottieren. Was halten Sie davon?

Ausländische Bauarbeiter in Doha
Ausländische Bauarbeiter in Dohadpa

Shestra: Ich kann das einerseits aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in Katar und der vielen verstorbenen Arbeitsmigranten nachvollziehen. Es gehen immer wieder Flugzeuge mit Särgen meiner Landsleute von Katar nach Nepal. Das ist Fakt, das hat sich niemand ausgedacht. Aus Respekt vor den Toten wäre ein Boykott tatsächlich gut. Für die Lebenden, die ihre Familien daheim unterstützen müssen, ist er aber wenig hilfreich. Dann wird es für die in Katar noch härter. Deshalb: Fliegen Sie mit kritischem Blick nach Katar.

Was erwarten Sie von der Fifa?

Shestra: Dass sie einen sozialen Dialog mit den Menschen führt und künftig bei der Vergabe von Turnieren darauf achtet, wie die Arbeitsbedingungen in Kandidatenländern aussehen. Um dann eine bessere Lösung zu finden als jetzt.

Waren Sie zufrieden, Herr Shestra, als Sie nach acht Jahren aus Katar heimkehrten?

Shestra: Ich habe auf alle Fälle meine finanzielle Situation verbessert und Geld sparen können.

Wie ist es bei Ihnen, Herr Khati?

Khati: In zwei oder drei Jahren möchte ich zurück nach Nepal zu meiner Familie und mir ein kleines Business aufbauen. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht so lange in Katar gewesen wäre. Ich bin dreimal zurückgekehrt. 2003 bis 2006, 2008 bis 2010, 2012 bis 2014 und 2015 bis heute.

Die Menschen in Katar interessieren sich kaum für Fußball. Bei Ligaspielen sind allenfalls ein paar Hundert in den Stadien. Welchen Sport lieben die Katarer?

Shestra: Weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich habe nie wirklich Kontakt zur Bevölkerung bekommen. Die Welten der Arbeitsmigranten und die der Einheimischen sind komplett getrennt. Es sind komplette Parallelwelten. Man wird dort nicht in eine Gemeinschaft aufgenommen. Es gibt keine Kommunikation auf einer menschlichen Ebene. Du siehst die Menschen in ihren großen Autos herumfahren und in die Shoppingmalls gehen. Und das war es schon.

Man trifft sich sicher auch nicht in Restaurants oder Klubs?

Shestra: Niemals. Dort kostet ein Essen so viel, wie wir in einem Monat verdienen. Es gibt kein soziales Miteinander, man hat nicht das Gefühl, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Hat nie mal jemand aus Katar in den acht Jahren, die Sie dort waren, mit Ihnen gesprochen oder gefragt, wie es Ihnen geht?

Shestra: Das ist niemals vorgekommen. Mit Katarern habe ich nur dann sprechen können, wenn ich in einer Behörde etwas benötigte oder erfragen musste.

Die Skyline von Doha im Nebel
Die Skyline von Doha im Nebeldpa/Yoan Valat

Konnten Sie in Katar mal ein Bier trinken?

Shestra: Das ist für Arbeitsmigranten praktisch unmöglich. Man braucht dafür eine Bestätigung vom Arbeitgeber, dass man umgerechnet ungefähr 1300 Dollar im Monat verdient. Das schafft jedoch keiner, der auf einer Baustelle arbeitet oder in einem Warenlager. Aber Alkohol ist sowieso sehr teuer. Und ich finde auch, dass man Alkohol im Leben nicht unbedingt braucht. Aber ich weiß natürlich, dass viele Fußballfans das anders sehen.

In Katar darf ein Mann nicht einen anderen Mann lieben oder eine Frau eine andere Frau. Wie ist es in Ihrer Heimat Nepal?

Shestra: Bei uns ist es per Gesetz erlaubt. Aber im echten Leben sieht man es nicht. Es ist sozial stigmatisiert. Schwule und Lesben werden stigmatisiert. Aber die jungen Menschen öffnen sich und demonstrieren für die Rechte der LTBTQ-Community. Das wäre in Katar undenkbar.

Wenn ein Freund Sie fragen würde, ob er zum Geldverdienen nach Katar gehen soll, was würden Sie ihm empfehlen?

Shestra: Ich würde ihm in aller Härte meine Geschichte erzählen und die Geschichten, die ich von Kollegen gehört habe. Und dann muss er seine eigene Entscheidung treffen.

Khati: Ich würde ihm empfehlen, nach Katar zu gehen. Er kann da viel lernen: über Organisation, über die Gesellschaft, über andere Kulturen.

Werden Sie die WM verfolgen?

Shestra: Ich werde dann in Nepal sein. Ich bin Fußballfan, aber ich werde mir die Spiele nicht anschauen.

Khati: Ich habe mir für zwei Spiele Karten gekauft. Jede Karte hat knapp 80 Dollar gekostet. Das konnte ich mir leisten. Ich bin Fan von Brasilien und Deutschland.

Zur Person: Krihna Shestra und Jeevan Khati
  • Krihna Shestra, 34, war bis vor anderthalb Jahren migrantischer Arbeiter in Katar. Er arbeitete dort acht Jahre lang für ein globales Unternehmen – ursprünglich, um sich sein BWL-Studium zu finanzieren –, ehe er in seine Heimat zurückkehrte. Er ist Mitgründer einer nepalesischen Selbstorganisation, die etwa Unterstützung bei Lohnraub anbietet. Shestra zog 2013 in die katarische Hauptstadt Doha und arbeitete für die Firma in der Warenausgabe. Um als Arbeitsmigrant dorthin zu übersiedeln, benötigte er eine Agentur, für die er nach eigenen Angaben rund 2000 Dollar zahlte. „Ich musste mir das Geld leihen und dafür 36 Prozent Zinsen zahlen. Bis ich das in Katar verdient hatte, benötigte ich acht Monate.“
  • Jeevan Khati, 42, zahlte im Jahr 2003 laut Selbstauskunft 1000 Dollar für seine Papiere, um in Katar arbeiten zu können. „Ich hatte Glück, dass ich in einer internationalen Firma arbeiten durfte, nicht in einem lokalen Unternehmen. Alles, was mir versprochen wurde, wurde eingehalten.“ Er verdiente als Sicherheitsoffizier umgerechnet rund 375 Dollar im Monat, „ungefähr das Sieben- bis Achtfache, das ich in Nepal ‚verdienen‘ würde“. Allerdings erlebte er auch eine Insolvenz seines späteren Arbeitgebers. Mehr als 1500 Arbeitsmigranten hatten laut Khati über acht Monate hinweg keinen Lohn mehr erhalten. In ihren kärglichen Unterkünften seien das Wasser und der Strom abgestellt worden, weil die Firma nicht mehr zahlungsfähig war. Khati ist Mitglied des Migrant Workers Network und Supervisor auf Baustellen in Katar.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.