Wäre ein Brückeneinsturz wie in Genua auch in Deutschland denkbar? Albrecht Broemme, Präsident des Technischen Hilfswerks, hält es für möglich. Er habe seit Jahren mit so einer Katastrophe in Deutschland gerechnet. Die Retter seien auf solche Szenarien vorbereitet.

Herr Broemme, warum rechneten Sie mit so einem Einsturz ?

Wir haben uns beim THW vor zehn Jahren schon Gedanken gemacht, wie wir uns künftig aufstellen sollen. Schon damals habe ich gesagt, wir werden in Deutschland irgendwann einen massiven Brückeneinsturz haben. Man muss sich ja auf solche Katastrophen einstellen. Ich hatte so ein Szenario im Kopf wie in Genua. Das dortige Unglück ist der Beweis, dass so etwas auch eintreten kann. Das THW ist darauf vorbereitet.

Mancher Experte schließt ein solches Unglück in Deutschland aus.

Ich bin nahezu entsetzt, wenn Fachleute, wo immer diese auch herkommen, sagen, in Deutschland ist so etwas nicht möglich. Natürlich ist es das.

Wie kommen Sie darauf?

Italien ist nicht Hinterindien. Es liegt mitten in Europa. Als es massive Stromausfälle in Neuseeland gab oder in Italien, da sagten deutsche Experten: Keine Panik, das ist Neuseeland oder Italien. Dort sind die Stromnetze marode und die Masten knicken ab. Dann haben wir nach dem Schneechaos im Münsterland auch einen solchen massiven Stromausfall gehabt. Alle die, die vorher groß tönten, sagten plötzlich: Man kann sich auch mal irren.

Wie konnte es nach Ihrer Meinung zu dem Brückeneinsturz kommen?

Ich dachte zunächst, ein Fundament wäre weggerutscht, wie bei der Reichsbrücke in Wien vor 42 Jahren. Inzwischen habe ich mir die Bilder sehr oft angeschaut. Und es ist relativ klar zu erkennen, dass nicht der Pylon zuerst eingestürzt ist, sondern ein Brückenteil ist nach unten geklappt. Dadurch ist das ganze Bauwerk instabil geworden und zusammengefallen. Ich vermute, dass Teile der Stahlkonstruktion durchgerostet sind. Aber diese Vermutungen werden von Fachleuten auf solide Basis gestellt.

Hatten die Menschen auf der Brücke überhaupt eine Chance, dem Einsturz zu entgehen?

Sie fuhren nichtsahnend Auto, vielleicht hat es ein wenig gewackelt. Sie hatten keine Chance: Die Brücke stürzte in Sekunden ein.

Gibt es hier in Deutschland ähnlich gebaute Brücken?

Die Köhlbrandbrücke in Hamburg ist auch eine Schrägseilbrücke. Sie soll abgerissen und wieder aufgebaut werden, weil große Schiffe sie nicht passieren können. Man sollte sie vielleicht anders wiedererrichten.

Wie sollten nach Ihrer Ansicht Brücken gebaut werden?

Aus Stahl. Aber man kann Brücken auch so errichten, dass sie 2000 Jahre halten. In Trier gibt es so eine Steinbrücke, die die Römer gebaut haben. Die Römer haben gewusst, wie man eine Brücke errichtet, die Italiener haben es vergessen. Es gibt Eisenbahnviadukte, die genauso mit gemauerten Rundbögen gebaut sind. Wenn das Fundament ordentlich ist, hält so eine Brücke ewig.

Also keine Brücken mehr aus Beton?

Mit Beton hat die Menschheit keine 100 Jahre Erfahrung. Ein gemauertes Werk kennt sie hingegen schon seit Hunderten Jahren.

Es gibt Menschen, die den Einsturz der Brücke in Genua überlebt haben – und damit einen Sturz in 40 Meter Tiefe. Wie ist das möglich?

Das frage ich mich auch. Es ist ein Wunder an sich.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die noch Vermissten unter den Trümmern am Leben sind?

Betonteile können große Hohlräume bilden. Wenn man Glück hat, liegt der Verunglückte in einem solchen Hohlraum. Ersticken wird er darin nicht, und er hält es schon mal zwei Tage ohne Wasser aus. Man kann also nicht sagen, nach 24 Stunden gibt es keine Hoffnung mehr.

Das heißt, die Retter müssen schnell arbeiten?

Nein, sie müssen sehr sorgfältig arbeiten. Für einen Laien wirkt das Arbeiten unter solchen Bedingungen unendlich langsam.

Sind die Rettungskräfte gefährdet?

Keiner kann garantieren, dass nicht völlig unvermittelt noch das nächste Brückenteil einfällt.

Gibt es Möglichkeiten, die Gefahr für die Retter zu minimieren?

Mit Hilfe eines Einsatzsicherungssystems. Das ist ein Laser auf einem Stativ, der mit einem Motor hin- und herbewegt wird. Er scannt ein Bauwerk, das einsturzgefährdet ist, und schlägt Alarm, wenn sich ein Teil nur um einen halben Millimeter verschiebt.

Sie haben einmal gesagt, Ruhe wäre bei der Bergung wichtig.

Es muss immer mal totale Ruhe herrschen. Nur so hören die Retter das Klopfen oder Rufen von Überlebenden unter den Trümmern.

Hat Italien das deutsche THW um Hilfe gebeten?

Nein. Aber der italienische Zivilschutz und die Feuerwehren sind durch die Erdbeben in Mittelitalien leidgeprüft und sehr erfahren. Der Zivilschutz ist übrigens die Behörde, die in Italien bestens funktioniert.