Berlin - Zumindest Aldi zieht seine Lehren aus der Corona-Pandemie. Künftig will der Discounter frühzeitig für unruhige Zeiten gewappnet sein, wie die Lebensmittel-Zeitung berichtet. Demnach fordert Aldi-Süd in einem Brief seine Lieferanten dazu auf, Vorräte vorzuhalten, sollte es zu Pandemien, sozialen Unruhen oder gar Krieg kommen. Im vergangenen Jahr hatte es wegen Corona Hamsterkäufe etwa bei Toilettenpapier und Mehl gegeben.

Auch andere Unternehmen, Organisationen und Behörden wollen sich besser auf künftige Krisen vorbereiten. Schon warnen Virologen davor, dass Seuchen und Pandemien uns auch in Zukunft beschäftigen würden. Die Gefahr resultiere aus Globalisierung, wachsender Weltbevölkerung und weiterem Vordringen des Menschen in die Natur. Nicht nur die Weltgesundheitsorganisation hat die Weltgemeinschaft aufgefordert, sich besser auf künftige Pandemien vorzubereiten. WHO-Direktor Michael J. Ryan nannte die Corona-Pandemie „einen Weckruf“. Man müsse sich auf etwas vorbereiten, das vielleicht noch heftiger sei. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates rief dazu auf, sich besser auf Pandemien vorzubereiten. Pandemien gehörten zur neuen Normalität, sagte er der Süddeutschen Zeitung. „Eine künftige Pandemie könnte zehnmal so schlimm sein.“ Darauf müsse es eine globale Antwort geben.

Solche Befürchtungen existieren schon länger. Schon 2012 schrieb das Robert-Koch-Institut auf Grundlage der Erfahrungen mit den Coronaviren Sars und Mers eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“. Diese Drucksache (17/12051) des Deutschen Bundestages erreichte die Abgeordneten, Ministerien und die Länder. Es enthielt konkrete Empfehlungen – und wurde abgeheftet.

Eine Milliarde Euro eingeplant

Eindringliche Warnungen aus Wirtschaft und Wissenschaft gibt es reichlich. Was schon 2012 nach der Risikoanalyse des RKI hätte getan werden können, will die Bundesregierung jetzt nachholen: Bis 2023 will sie an 19 Standorten eine nationale Gesundheitsreserve aufbauen, wo Schutzausrüstung, Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Medikamente gelagert werden. Im Notfall sollen Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen mit Ausrüstung aus der eigenen Reserve unterstützt werden können. Dafür ist im Haushalt eine Milliarde Euro einkalkuliert. Auch das Technische Hilfswerk ist dabei, Zentrallager für Ausrüstung anzulegen.

Allein das Einlagern von Material in großen Mengen reiche nicht, sagt Albrecht Broemme. Der 67-Jährige war langjähriger Chef der Berliner Feuerwehr und danach bis 2019 Präsident des Technischen Hilfswerks. Jetzt ist er Chef des Zukunftsforums öffentliche Sicherheit, einem Thinktank aus Fachleuten aus Katastrophenschutz, Politik und Sicherheitsbehörden. „FFP2-Masken und Medikamente können nicht ewig eingelagert werden, weil sie ein Verfallsdatum haben“, so Broemme. Man müsse sich vielmehr im Klaren sein, wo welche Lieferketten sind. „Wenn ein bestimmter Rohstoff für ein Medikament ausschließlich aus China kommt, ist das keine sichere Lieferkette – nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch wegen der Entfernung.“

Nach den Bekundungen der Bundesregierung soll das Schutzmaterial vor allem aus inländischer Produktion und aus EU-Ländern kommen. Mit 250 Millionen Euro soll das Wirtschaftsministerium nun die inländische Produktion dieser Güter fördern.

Bundeseinheitliche Kriterien sind nötig

Nach Einschätzung des Katastrophenschützers Broemme fehlt es auch bei der Ausstattung der Gesundheitsämter. „Für diese hat sich nie jemand interessiert“, sagt er. „Die Amtsärzte haben keinen guten Stand. Die Ausstattung der Ämter war politisch uninteressant“, sagt er in Hinblick auf die zahlreichen Verzögerungen beim Melden der Infektionszahlen, die auch dadurch zustande kommen, dass die Ämter unterschiedliche Software benutzen, um die Daten zu Corona-Infizierten und deren Kontaktpersonen zu verwalten.

Verschiedentlich werden Stimmen laut, denen zufolge der Föderalismus in dieser Frage gescheitert sei und die sich über den „föderalen Flickenteppich“ lustig machen. Dies hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der 1000. Sitzung des Bundesrates zu der Feststellung veranlasst, dass sich der deutsche Föderalismus gerade in Krisenzeiten, in denen 16 Länder mit 16 Corona-Verordnungen auf die Herausforderung der Epidemie antworteten, „unter verschärfter Beobachtung“ befinde.

Doch ebenso wenig wie Steinmeier halten auch Katastrophenschützer nichts von einer bundeseinheitlichen Katastrophen- und Pandemiesteuerung: „Man kann nicht unbedingt sagen, dass alles besser läuft, wenn es zentral gesteuert ist“, sagt Broemme. „Am leistungsfähigsten sind auch nicht die Länder, sondern die Landkreise. Es sollten aber bundeseinheitliche Kriterien existieren, die regional vollzogen werden, etwa bei den Inzidenzen.“

Am 8. Januar schrammte Europa an einem Blackout vorbei

Bei der für den 16. Juni geplanten Innenministerkonferenz (IMK) soll besprochen werden, wie Deutschland sich künftig besser gegen Pandemien und andere Katastrophen rüsten kann. Die Deutschen hätten nach dem Fall der Mauer vieles schleifen lassen – von den Sirenen bis zur privaten Vorsorge für den Katastrophenfall, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) der Deutschen Presse-Agentur. Er gehe davon aus, dass die Corona-Pandemie viele Maßnahmen nach sich ziehen werde.

Im Moment richte sich die Aufmerksamkeit auf die Pandemie, aus der dringend Lehren gezogen werden müssten, sagt Broemme. Doch er warnt davor, dass die anderen drei großen Problemfelder vernachlässigt werden: „ein drohender Stromausfall, der Zusammenbruch des Internets, der Klimawandel“.

Am Nachmittag des 8. Januar schrammte ganz Europa knapp an einem großen Stromausfall vorbei. In Rumänien war plötzlich weniger Strom erzeugt worden. Das löste einen europaweiten Abfall der Netzfrequenz aus.