Köln - Werner Becker dachte an Heinz Rühmann und die „Feuerzangenbowle“, als er 1960 auf eigenen Wunsch von Köln nach Bad Münstereifel ins Erzbischöfliche Collegium Josephinum kam. Doch statt Internatsseligkeit erwartete den 17-Jährigen ein Höllensturz. Der damalige Direktor Otto K., ein Priester, verging sich sexuell an ihm, wie auch an Beckers Mitschülern. Reden konnte er über den Missbrauch mit niemandem: ein Priester als Täter? Undenkbar! „Meine Eltern hätten mich windelweich geprügelt, wenn ich so etwas behauptet hätte.“ Doch weil sie sahen, dass ihr Sohn – warum auch immer – „einging wie eine Primel“, nahmen sie ihn nach zwei Jahren aus dem kirchlichen Haus heraus, das 1997 geschlossen wurde.

Fast 50 Jahre vergrub Becker das Erlebte tief in seinem Inneren. Sechs Semester Psychologie zur Selbsttherapie waren ihm keine Hilfe, die Besuche bei einem Therapeuten beendete er bald wieder.

Als dann 2010 der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufflammte, lag der Professor für Zahnmedizin mit gebrochenem Oberschenkelhals in einer Kölner Klinik. Er fragte nach einem Seelsorger. Die beiden begannen zu reden. Als plötzlich die Erinnerungen hochkamen und Becker sie in Worte zu fassen begann, wurde der Geistliche immer stiller und sagte schließlich: „Ich kenne das. Ich war selber auch dort.“

Diese Begegnung und diese Schicksalsverbundenheit trieben Becker in die Öffentlichkeit. Er wandte sich an das Erzbistum, erzählte seine Geschichte, ging auf der Suche nach anderen Betroffenen an die Presse. „Es war, als wäre eine Frucht geplatzt.“ Vier ehemaligen Schülern des Josephinum ging es offenbar ähnlich. Auch sie meldeten sich als Opfer sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt und berichteten, wie das Erzbistum jetzt mitteilte, „von einem System des Machtmissbrauchs und der Begünstigung, aber auch des Wegsehens“.

Werner Becker hofft auch jetzt, dass weitere Opfer von damals den Mut finden, sich zu offenbaren, um sich so von „dem ganzen Ballast befreien“ zu können. Deshalb wirkt er in einem Modellprojekt des Erzbistums mit, das Opfern aus dem ehemaligen Collegium Josephinum die Chance bieten will, von ihren Erfahrungen zu erzählen und „möglichst Entlastung, Hilfe und Unterstützung zu erfahren“, so das Bistum.

Becker verfolgt ein weiteres erklärtes Ziel: „Die Verlogenheit gewisser kirchlicher Oberer knallhart entblößen.“ Die Reaktionen der Kölner Bistumsleitung auf seinen Fall seien extrem unterschiedlich gewesen: Von Kardinal Joachim Meisner, in dessen Amtszeit die Initiative für die Studie fällt, „habe ich mich nie wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen gefühlt“, sagt Becker, der regelmäßig zur Kirche geht und in seiner Gemeinde in Köln-Niehl den Küsterdienst versieht. „Er hat mir sogar einmal vor allen Leuten den Handschlag verweigert.“

Dagegen spricht er in höchsten Tönen von Meisners Generalvikar Stefan Heße. „Der hat sich Zeit genommen ohne Ende, und als ich fragte, ob er denn als »Alter Ego« des Erzbischofs überhaupt mit mir reden dürfe, hat er geantwortet: »Alter Ego ist meine Position, mein Name ist Stefan Heße«.“

Im ersten langen Gespräch, damals begleitet von seinem Sohn, einem Anwalt, gingen Becker die Erinnerungen an Otto K., seine nächtliche Annäherungen im Schlafraum und „seine verschwitzte Haut auf meinem Gesicht“ so nahe, dass er plötzlich zu weinen begann. „Mein Sohn sagte, »das habe ich bei meinem Vater im ganzen Leben noch nie gesehen«.“

Kardinal macht Thema zur Chefsache

Als Zeichen „echter Größe“ empfindet Becker auch die Entschuldigung des neuen Erzbischofs Rainer Woelki bei den Opfern und den Einsatz für die Forschungsarbeit, für deren Leitung die Pädagogin Claudia Bundschuh vorgesehen ist. „Der Kardinal hat das gleich zur Chefsache gemacht.“ Nach Woelkis Worten „übernimmt das Erzbistum mit der Ermöglichung eines wissenschaftlichen Projekts Verantwortung für die Taten.“

Und das Erzbistum will gemeinsam mit den Betroffenen Wege einschlagen, die so noch von keiner anderen deutschen Diözese gegangen wurden. Den Charakter eines Modellprojekts „mit und für Betroffene“ bestätigen auch Experten, die sich für die Deutsche Bischofskonferenz um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche kümmern. Dessen Ausmaß kam vor fünf Jahren ans Licht, nachdem der Jesuit Klaus Mertes zahlreiche Übergriffe von Geistlichen auf Schüler am Berliner Canisiuskolleg und die anschließende Vertuschung der Vergehen durch den Orden öffentlich gemacht hatte.

Heute ist es dem Erzbistum mit Blick auf die Projektarbeit wichtig, dass die Verantwortung bei externen Experten liegt. Die Wahl Bundschuhs gehe auf eine Empfehlung durch den „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs“, Johannes-Wilhelm Rörig, zurück. Dem fünfköpfigen Lenkungsausschuss unter Leitung von Bistumsjustiziarin Daniela Schrader gehören drei nicht-kirchliche Mitglieder an. Damit im Zweifel klar ist, wer die Mehrheit und damit das Sagen hat.