Katholische Laiengemeinschaft: Die guten Menschen von Trastevere

Rom - Der Saal singt „Tanti auguri a te, tanti auguri, caro Claudio“, – zum Geburtstag viel Glück. Der Refrain erklingt ein wenig heiser aus 200 Männerkehlen. Für einen Augenblick ist es fast andächtig still in dem hohen, weiß gekachelten Raum. Die Geräusche an der Essenausgabe verstummen. Halb gerührt, halb verlegen nimmt Claudio, ein hagerer, blasser Mann, eine kleine Torte mit Kerzen entgegen. Auch ein Geschenk fehlt nicht. Unter Beifall packt er es aus: ein paar hübsch verpackte Kosmetikartikel – für die meisten im Saal unerschwinglich.

Es herrscht großer Andrang in der Via Dandolo in Roms Stadtteil Trastevere, erst recht an klammen Winterabenden. Das fünfstöckige Wohnhaus sieht unscheinbar aus, Touristen, die sich ein paar Straßen weiter durch Roms Ausgehviertel schieben, verirren sich hierher nur selten. In Rom aber ist die Via Dandolo 10 eine Adresse, die viele kennen, vor allem die, die die Gesellschaft ausgespuckt hat. Drei Mal pro Woche öffnet abends die Mensa von Sant’Egidio im Erdgeschoss ihre Tore für alle, die bedürftig sind. Hier bekommen sie ein warmes Essen, können sogar wählen zwischen mehreren Gerichten.

Man kennt sich, manche kommen seit Jahren her. So wie Ruggiero. „Für mich ist das hier auch ein Stück zu Hause geworden“, sagt der 66-Jährige, der schon länger auf der Straße lebt. Zwischen 800 und 1000 Essen geben die Mitarbeiter jeden Abend aus, mehr als 2 000 in der Woche, seit fast 25 Jahren. Die Via Dandolo ist die älteste Kantine ihrer Art und hat Schule gemacht in anderen italienischen Städten.

„Wir können nur selbst etwas tun“

Vom Staat hat man in Italien in einer sozialen Notlage nicht viel zu erwarten, jahrelange Sozialhilfe wie in Deutschland gibt es nicht. Eine umso wichtigere Rolle spielen die Familie, die Kirche – oder Organisationen wie Sant’Egidio. Allein in Rom betreut die katholische Laiengemeinschaft mehr als 10 000 Menschen. Dabei baut sie auf die Mitarbeit von Freiwilligen. In ganz Italien sind es 25 000, die sich in ihrer Freizeit engagieren. Ärzte sind darunter, Lehrer, Verkäuferinnen, Rentner, Studenten. Sie sind Teil jener immer noch starken Zivilgesellschaft, die auch ein Silvio Berlusconi in den vielen Jahren als Regierungschef nicht zerstören konnte. Sie sind Teil jenes anderen, besseren Italien, das abseits der Politik selbstverständlich hilft, egal, ob es um Erdbebenopfer in den Abruzzen geht oder gestrandete Elendsflüchtlinge aus Afrika. Allein in der Via Dandolo arbeiten zwischen 400 und 500 Freiwillige aus allen Bereichen der römischen Gesellschaft, sie tun es mit sehr viel Überzeugung – und unentgeltlich.

Mirella zum Beispiel hat vor einem halben Jahr eine ihrer Töchter verloren. Sie starb an Brustkrebs, hinterließ zwei Kinder und eine Mutter, die vor Schmerz nicht mehr wusste, wie sie weiterleben sollte. „Ich musste etwas tun, sonst wäre ich verrückt geworden“, sagt Mirella. Das Leben geht ja weiter, und man muss doch helfen, gerade in Zeiten wie diesen, in einem Land, wo die Politik so komplett versagt hat und immer mehr Menschen in die Armut abzurutschen drohen.

Filippo, ein junger Student, der ebenfalls in der Via Dandolo hilft, erwartet von der italienischen Politik wie viele seiner Generation rein gar nichts. „Wir können nur selbst etwas tun, um an den Zuständen etwas zu ändern“, sagt er. Das hier – er holt aus und zeigt auf den Saal – könne in Italien schnell jedem in seinem Alter passieren. Immerhin sind knapp 28 Prozent der Jugendlichen ohne Job, im Süden Italiens sogar fast 39 Prozent. Filippo hebt an zu einer Rede über dieses großartige, schreckliche Land, das eine ganze Generation um ihre Zukunft gebracht hat, weil es keine Arbeit und keine Perspektiven gebe.