Berlin - Am Sonntagabend sieht alles schon wieder besser aus. Punkt 18 Uhr flimmern die ersten Prognosen aus Schleswig-Holstein über den Bildschirm in der Berliner Parteizentrale der Grünen. Die Kameras sind auf die Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, Parteichefin Simone Peter und Bundesgeschäftsführer Michael Kellner gerichtet. Und als der grüne Balken auf über 13 Prozent springt, geht der erwartbare Jubel angesichts eines erwartbaren Wahlergebnisses los. Alle Beteiligten wissen: Dieser Jubel wird bald selbst im Fernsehen zu sehen sein. Also jubeln sie. So ist das Spiel, das auch die einst Unangepassten längst beherrschen.

Kurz darauf geht Göring-Eckardt ein paar Meter weiter auf die Bühne. Sie sagt: „Ihr seid großartig, Ihr seid wunderbar.“ Wahrscheinlich werde die Regierungsbildung schwierig. Schließlich ist die SPD geschlagen. Es bleibt nur noch eine Ampel mit SPD und FDP oder, noch heikler, Jamaika mit CDU und FDP. Aber „über Koalitionen reden wir nicht heute Abend“, fährt die Grüne fort.

Teil der Verabredung ist nämlich, dass sich zunächst die Parteifreunde in Kiel äußern und alle Beteiligten bis zur Wahl in Nordrhein-Westfalen ansonsten den Ball flach halten. Die Grünen an Rhein und Ruhr wollen Jamaika ja nicht. Das scheinbar Spontane ist bis in die Wortwahl choreografiert.

Tags drauf sagt Co-Spitzenkandidat Cem Özdemir: „Wir fühlen uns im Kurs der Eigenständigkeit bestätigt.“ Was vor dem Sonntag noch als großes Manko der Grünen wirkte, wirkt plötzlich wieder wie eine Tugend: Beweglichkeit nach allen Seiten. Das wiederum mindert den Druck nicht. Zumindest in Nordrhein-Westfalen und im Bund waren die Umfragen zuletzt so schlecht, dass die Grünen fast mit dem Slogan hausieren gehen könnten: „Hauptsache, eine Fünf vor dem Komma.“

Göring-Eckardt würde für schlechtes Wahlergebnis verantwortlich gemacht

Özdemir wird deshalb immer wieder danach gefragt, ob der daheim sehr populäre schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck nicht mehr Gewicht bekommen müsse. Und aus der Bundestagsfraktion verlautet, wenn die Bundestagswahl richtig schief gehe, dann trage natürlich auch Göring-Eckardt dafür Verantwortung. Die hängt sich entsprechend rein.

Unlängst in Berlin haben sich die Grünen ein Heimspiel organisiert. Morgens um halb zehn wartet Göring-Eckardt auf der Wiese vor dem Reichstag. Sie trägt ein rotes Jackett über einem weißen T-Shirt, dazu eine graue Hose und rote Wildleder-Schuhe – und hält in der Hand einen gelben Schirm mit dem Signet der Anti-Akw-Bewegung. Zwar ist das Atomthema so gut wie abgeräumt, seit Kanzlerin Angela Merkel nach dem Fiasko von Fukushima den Ausstieg einläutete. Doch gibt es jenseits der Grenze zu Belgien noch umstrittene Reaktoren wie Tihange und Doel. Und weil dorthin Brennstäbe aus Deutschland geliefert werden sollen, wollen die Grünen daraus nun Honig saugen.

Grüne Aktivisten aus Aachen haben sich nachts um 0 Uhr mit dem Bus gen Berlin aufgemacht. Und als sie nach beinahe zehnstündiger Fahrt aus demselben fallen, steht die Spitzenfrau mit dem Schirm in der Hand da und streicht ihnen liebevoll über den Rücken. Göring-Eckardt sagt: „Wir müssen raus aus der Atomkraft, damit das Risiko endlich aufhört.“ Später ruft sie ins Mikrofon: „Was wollen wir mit Tihange?“ Und die Parteifreunde, darunter Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel, skandieren zurück: „Abschalten! Abschalten!“ Das Fernsehen ist zum Glück auch da.

Nach 30 Minuten ist das Happening vorüber. Göring-Eckardt schlendert in den Reichstag, wo jetzt die Debatte über den Brennelemente-Export folgen soll. Im Reichstags-Café sagt ein Mitarbeiter der Bundesregierung, der Export von Brennstäben lasse sich rechtlich gar nicht unterbinden. Dann fährt er fort: „Ich weiß auch nicht, warum es den Grünen so schlecht geht.“ Es klingt ratlos und mitleidig.

In Schleswig-Holstein ist Göring-Eckardt ebenfalls mit von der Partie – wie die Visite im schönen Ratzeburg zeigt, wo eine grüne Wahlhelferin nach der Ankunft fragt: „Noch ein kurzer Boxenstopp?“, und sie erwidert: „Nein, kein Boxenstopp.“ Auf geht‘s.

Spitzenkandidatin auf Haustürwahlkampf

So übt sich Göring-Eckardt zunächst im Haustürwahlkampf. Während aus dem Himmel über Ratzeburg, das von Seen umgeben ist, Nieselregen fällt und Möwen kreischen, klingelt die Prominente aus der Hauptstadt hier und da. Und wenn sich keine Tür öffnet, dann steckt sie die Flyer wortlos in die Briefkästen. Daneben läuft der örtliche Landtagskandidat Burkhard Peters, ein sehr humorvoller Mann, und trägt den grünen Stoffbeutel mit dem Werbezeug und der Aufschrift: „Geiler Sack“.

Mehrere Bürger geben umstandslos zu Protokoll, dass sie die Grünen wählen wollten oder das per Briefwahl schon getan hätten. Ein Rentner betont auf der Treppe: „Ich wähle immer die Grünen, sowieso.“ Andere nehmen die Broschüre indes lediglich wortlos in Empfang und machen die Tür dann wieder zu. Begeisterung, dass da jemand klingelt, den sie sonst lediglich im Fernsehen zu sehen kriegen, ist nirgends spürbar. Wenn der Bürger die geforderte Bürgernähe geboten bekommt, dann – so scheint es – schlägt er sie gern mal aus.

Göring-Eckardt lehnt Obergrenze für Flüchtlinge ab

Um 19 Uhr folgt ein Town Hall-Meeting im Segelzentrum des Christlichen Vereins Junger Menschen mit Blick auf Wasser und Boote. Town Hall-Meeting heißt: Politiker halten hier keine Reden, denen Bürger nur zuhören können. Im Gegenteil: Bürger fragen, Politiker antworten. Und wenngleich die Stimmung unter den rund 20 Anwesenden freundlich ist und das „Du“ vorherrscht, so sind die Fragen gleichwohl unbequem. Die Leute wollen nicht wissen, wer nach der Bundestagswahl die Regierung bildet. Auch innergrüne Personalquerelen sind kein Thema. Thema ist die Flüchtlingspolitik.

Eine Frau betont, Deutschland könne nicht unbegrenzt Asylsuchende aufnehmen. Eine andere Frau möchte wissen, wie sich Straftäter unter ihnen besser abschieben ließen. Ein Mann beklagt das „plötzliche Anfluten von ganz vielen Menschen“ und eine deutsche Kluft zwischen „Hyper-Toleranz“ einerseits und „totaler Ablehnung“ andererseits. Er möchte Grenzen setzen, „ohne den Rechtsnationalen auf den Leim zu gehen“. Ein weiterer Mann berichtet, dass er mit einer Muslima verheiratet sei, Muslime ihm als Christen aber ablehnend gegenüberstünden. Die Skepsis ist unüberhörbar. Es mutet wie ein Auswärtsspiel an.

Göring-Eckardt entgegnet, eine Obergrenze lehne sie weiter ab. „Mit einer Obergrenze gehe ich nicht in eine Regierung.“ Auch wolle sie gern unterscheiden zwischen dem Islam und dem politischen Islam. Zugleich stellt die Besucherin klar, dass Gefährder das Land verlassen müssten und dass man „mit der freiwilligen Ausreise mehr Leute wegkriegt“ als mit Abschiebungen. Im Kern plädiert Göring-Eckardt für legale Flüchtlings-Kontingente. „Es ist kompliziert, aber es kann gehen.“ An Stellen, wo sie nicht weiter kommt, führt sie ihr Publikum ins Dickicht der Details, in dem es nicht folgen kann.

Die Grüne gilt als vertrauenswürdig und sachlich

Dabei fällt wieder eines auf: Göring-Eckardt ist, egal wo, immer gleich – gleich kontrolliert, gleich sachlich, gleich freundlich-zugewandt. Sie fällt nie aus der Rolle. Und sie sagt nie ein falsches Wort. Darum gilt die Spitzenkandidatin als vertrauenswürdig – und neuerdings als langweilig. Das wiederum hat auch mit dem Umstand zu tun, dass die 51-Jährige seit bald 20 Jahren zum Mobiliar der Republik gehört.

Nach den Wendewirren über die Thüringer Landes- in die Bundespolitik gekommen, ist die rot-grüne Koalition für Göring-Eckardt die große Bewährungsprobe. Gleich nachdem sie 1998 in den Bundestag einzieht, wird die Tochter eines Tanzlehrers Parlamentarische Geschäftsführern und vier Jahre später Vorsitzende der Fraktion.

Die einstige Theologie-Studentin zählt zum Realo-Flügel, war Mitarbeiterin des Abgeordneten Matthias Berninger, der später zum Lebensmittelkonzern Mars wechselt, wohnt eine Weile mit Renate Künast zusammen und hat es vor allem mit dem im Zweifel sehr ungemütlichen Zampano der Grünen zu tun: mit Joschka Fischer.

Neben dem Ja zum Kosovo- und zum Afghanistan-Krieg ist es die Agenda 2010, die das Bündnis durchschüttelt. Göring-Eckardt ist für die Agenda. Doch während Fischer nach der Wahlniederlage 2005 das Feld räumt, bleibt sie im Rennen und wird Vizepräsidentin des Bundestages. „2003 war geprägt von Massenarbeitslosigkeit, verfestigter Armut, wirtschaftlicher Stagnation. Dagegen galt es vorzugehen“, sagt die Veteranin. Deshalb habe sie „die Agenda 2010 mitgestaltet“.

Schulversorgung mit Mittagessen im Hartz IV-Regelsatz sei „Granaten-Fehler“

„Neben vielem Richtigen, wie der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe und dem Prinzip des Förderns und Forderns, haben wir auch Fehler gemacht.“ Als „Granaten-Fehler“ bezeichnet Göring-Eckardt, die Schulversorgung mit Mittagessen in den Hartz IV-Regelsatz reingeschrieben zu haben. „Bis dahin war klar: Das zahlt das Amt. Nun war klar: Das zahlt nicht mehr das Amt. Hundertausende Kinder wurden daraufhin vom Schulessen abgemeldet. Das beschwert mich bis heute.“

Zehn Jahre nach Beginn der Agenda 2010, im Bundestagswahlkampf 2013, fahren die Grünen einen Kurs, der wie ein Kontrastprogramm anmutet – Göring-Eckardt an der Spitze. Sie wollen massiv Steuern erhöhen. Die Veggie-Day-Hysterie und der Pädophilie-Skandal kommen als Belastung hinzu.

Gemessen an den eigenen Erwartungen verlieren die Grünen krachend. Während diesmal ihr Co-Spitzenkandidat Jürgen Trittin die Konsequenzen zieht, bleibt Göring-Eckardt erneut am Platz und wird Fraktionsvorsitzende. Heute sagt sie, die Wahlkampfplanung sei „im Grunde schon fertig“ gewesen, „als ich auch für mich selbst überraschend Spitzenkandidatin wurde.“

Fischer war übrigens stocksauer, weil sich Göring-Eckardt vor der Bundestagswahl 2005 erlaubt hatte, zu sagen, die Grünen könnten auch in der Opposition eine wichtige Rolle spielen. Trittin warf sie im vorigen Sommer „klassisches Männergehabe“ vor – unter anderem weil er mit Oskar Lafontaine über Möglichkeiten einer linken Regierung gesprochen hatte.

„Hervorragende Managerin der Macht“

Weggefährten berichten, Göring-Eckardt sei eine „hervorragende Managerin der Macht“. Sie sei „immer die Ruhigste im Raum“, sehr kollegial, kenne Geburtstage von Mitarbeitern und wisse, was in deren Familien los sei. Ihre Religiosität sei „keine Show“. Gleichwohl wisse man oft nicht: „Wofür steht sie?“ Gerade gegenüber Trittin hätte Göring-Eckardt, so heißt es, mutiger sein können – vor der Wahl. Über den Parteilinken befindet sie heute, er sei „ein Überzeugungstäter“.

Das klingt so wie das Gegenteil dessen, was sie ist und sein will. Unterdessen sind die Ansprüche an die Grünen widersprüchlich. Sie sollen links und moralisch sein, aber nicht zu links und nicht zu moralisch; sie sollen flippig sein, aber nicht ausflippen. Nicht zu vergessen: Die Grünen machen Politik in einer Zeit, in der sich gerne alle alles offen halten. Auch die Wähler.

Tatsächlich ist die engagierte Protestantin - die in ihrer unaufgeregten, unprätentiösen und bei Bedarf unbestimmten Art oft an Merkel erinnert - beinahe perfekt. Sie ist Mutter und Großmutter. Sie raucht nicht, trinkt nicht, joggt und betet. Ihre Garderobe ist stets dem Anlass angemessen: von elegant bis lässig. Ein Skandal ist nicht erinnerlich – wohl aber Ordnungsrufe ihrerseits, wenn Parteifreundinnen sich rhetorisch vergaloppiert hatten. Das hat dann was von Musterschülerin.

„Ich habe ein paar Steher-Qualitäten."

Eine persönliche politische Niederlage: Fehlanzeige. Seit Göring-Eckardt 1989 beim Demokratischen Aufbruch einstieg und 1990 zu den Grünen ging, lief alles wie am Schnürchen. Der Aufstieg zur Ministerin wäre der nächste und wohl letzte Karriereschritt.

Die grüne Spitzenkandidatin sagt im Segelzentrum von Ratzeburg: „Ich habe ein paar Steher-Qualitäten. Ich kann einstecken. Und ich habe gelernt, auszuteilen, wenn es nötig ist.“ Im Übrigen wollten die Leute „Politiker, die sich auskennen und wissen, was sie tun“. Katrin Göring-Eckardt weiß das ganz gewiss. Und so lange sie Erfolg hat, wird man ihr alles andere nachsehen.