Washington - Am Abend von Donald Trumps größtem Triumph stand die Folk- und Protestlegende Joan Baez aufgewühlt auf einer Bühne in Chicago. „Ich kann nicht singen, ohne den Elefanten im Raum anzusprechen“, eröffnete Baez ihr Konzert. „Der Mut dieser Frau. Gegen weiße Männer“, schoss es aus ihr heraus. Spürbar angewidert schleuderte sie noch eine Beschimpfung hinterher: „Nazi-Typen!“. Die Zuhörer applaudierten.

Im 900 Kilometer entfernten Kansas tanzte derweil ein gut gelaunter US-Präsident auf dem Podium einer Kundgebungshalle. „Wir sind sehr glücklich“, feierte Trump die Bestätigung seines Richterkandidaten Brett Kavanaugh durch den Senat. Wie ein siegreicher Boxer streckte er seine Fäuste in die Höhe. „Kav-a-naugh“, skandierte jubelnd die Menge.

Senat ist zum Schlachtfeld geworden

Die Berufung des umstrittenen Juristen Brett Kavanaugh an den höchsten Gerichtshof der USA treibt die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft auf die Spitze. Unversöhnlich und feindselig stehen sich Konservative und Liberale gegenüber. Vertreter der demokratischen Partei diskutieren bereits Strategien, den Richter möglicherweise abzuberufen und fordern öffentlich eine Revanche bei der Kongresswahl in vier Wochen. „Es herrscht Krieg“, kontert Trumps Sohn Donald jr. auf Twitter.

„Kaum jemand geht aus diesem Prozess unverändert oder unbeschädigt hervor“, hat die Washington Post festgestellt. Tatsächlich ist der Senat, einst wie der deutsche Bundesrat eher ein Ort der überparteilichen Kompromisssuche, zum politischen Schlachtfeld geworden. Der Supreme Court, der eigentlich über dem Parteienstreit stehen soll, ist nun das extremste Symbol der Polarisierung. Weil seine lebenslang berufenen demokratischen Mitglieder größtenteils sehr alt und die republikanischen Vertreter vergleichsweise jung sind, dürfte die nun erreichte konservative 5:4-Mehrheit auf Jahrzehnte halten. Damit könnten nicht nur liberale Abtreibungsgesetze zurückgedreht, sondern auch Vorhaben einer künftigen demokratischen Mehrheit etwa zur Ausweitung der Krankenversicherung blockiert werden.

Das alleine sind schon gewaltige Kräfteverschiebungen. Doch extrem aufgeheizt ist die Stimmung vor allem wegen der Vorwürfe zweier Frauen, dass Kavanaugh sie als Oberschüler und Student sexuell genötigt habe. Buchstäblich in letzter Minute hatte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein nach wochenlangem Taktieren eine Anklägerin in das Anhörungsverfahren eingeführt und sich damit angreifbar gemacht. Kavanaugh holte zum cholerisch-aggressiven Gegenschlag aus. Die von Trump angeordnete FBI-Untersuchung geriet zur Farce. Seither tobt ein erbitterter Kulturkampf im Zeichen der Me-Too-Bewegung. Die rechte Trump-Basis sieht die Attacken gegen Kavanaugh als Ausdruck eines überzogenen Political-Correctness-Wahns und einer parteipolitischen Verleumdungskampagne. Die Demokraten und vor allem viele Frauen fühlen sich verhöhnt und stemmen sich gegen einen rücksichtslosen gesellschaftlichen Roll-back.

Trumps rechte Basis ist euphorisiert

Entsprechend explosiv ist die Lage vor den Midterm-Wahlen am 6. November. Die Demokraten hatten gehofft, zwei Jahre nach dem Sieg von Trump mit erdrutschartigen Stimmenzuwächsen eine Gegenbewegung einleiten zu können, die den Präsidenten spätestens 2020 aus dem Weißen Haus vertreibt. Dabei schien die Kavanaugh-Affäre zunächst zu helfen. Doch irgendwann kippte die Stimmung: Die Umfragewerte der chancenreichen demokratischen Senats-Bewerber in konservativen Staaten wie Indiana, Missouri, Nord-Dakota und West-Virginia sind zuletzt regelrecht abgestürzt. Trumps Erfolg bei der Besetzung des Supreme Courts hat seine rechte Basis geradezu euphorisiert. „Wir haben uns gegen den Pöbel gestellt“, triumphierte der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell.

Derweil schwanken die Demokraten zwischen Frust und Wut. Doch der Widerstandsgeist wächst nicht nur bei den Demonstranten vor dem Kongress. Die Frage ist nun, wie sich das bei den Kongresswahlen auswirkt. „Wut hält länger als Freude“, glaubt die demokratische Meinungsforscherin Celinda Lake. Tatsächlich signalisieren Umfragen, dass die Demokraten bei den Frauen in den Vorstädten mobilisieren können. Das würde ihnen helfen, eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erobern. Im Senat, wo vor allem Posten in konservativen und ländlichen Staaten neu zu besetzen sind, haben hingegen die Republikaner Oberwasser.

„Kleine Erfolge, große Rückschläge“, rief Joan Baez ihrem überwiegend weiblichen Publikum in Chicago zum Abschied zu: „Gebt nicht auf!“. Viele Zuhörerinnen streckten die geballte rechte Faust in die Luft.