Berlin - Es sind die nachdrücklichsten Worte, die der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in seiner Regierungserklärung am Mittwoch zu den Vorfällen in Chemnitz in den Landtag ruft: „Es gab keinen Mob, es gab kein Pogrom, es gab keine Hetzjagd – und es ist wichtig, dass man das in dieser Regierungserklärung auch ganz klar sagt.“

Zuvor hatte er Hitlergrüße und Hass auf Chemnitz Straßen verurteilt, auch Angriffe auf Journalisten und ausländisch aussehende Bürger als nicht akzeptabel bezeichnet. Er rief dazu auf, „mit aller Kraft“ gegen Rechtsextremismus vorzugehen, der aus seiner Sicht „größten Gefahr für die Demokratie“.  Von „Mobs“ und „Hetzjagden“ jedoch will Kretschmer nichts wissen.

Damit widerspricht der Ministerpräsident nicht nur der Einschätzung des Regierungssprechers und seiner eigenen Parteichefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die zuvor gesagt hatte: „Wir haben Videoaufnahmen darüber, dass es Hetzjagden gab, dass es Zusammenrottungen gab, dass es Hass auf der Straße gab, und das hat mit unserem Rechtsstaat nichts zu tun.“

Experten: „Der Mob ist durch die Stadt gezogen“

Auch die Experten der Chemnitzer Opferberatung bewerten die Lage anders als Kretschmer. Sie haben intensiv mit Betroffenen gesprochen und Videos ausgewertet. Die Faktenlage zu klären, sei nicht leicht und beanspruche Zeit. Oft meldeten sich Betroffene nicht direkt bei der Polizei.

Inzwischen aber ziehen die Experten das Fazit: „Der Mob ist am Sonntag durch die Stadt gezogen, hat gezielt die Plätze angesteuert, wo sich Geflüchtete aufhalten und ist auf die Leute los“, sagt André Löscher dieser Zeitung. „So dass die Menschen keine andere Chance hatten als zu fliehen.“

Sechs Attacken gegen Migranten gemeldet

Fünf Körperverletzungen und eine Nötigung hat die Opferberatung inzwischen in Bezug auf den vorvergangenen Sonntag registriert, als nach Schätzungen der Polizei 800 Menschen kurze Zeit nach dem Totschlag an dem 35-jährigen Daniel H. mit rechtsextremen Sprechchören durch die Innenstadt zogen. Alle Attacken seien gegen Migranten gerichtet gewesen. Ob man das nun „Hetzjagd“ oder „Jagdszenen“ nennen wolle, ist in Löschers Augen Wortklauberei: „Beides trifft, was dort passiert ist“, sagte er.

Beifall erhält Kretschmer mit seiner entgegengesetzten Einschätzung von der AfD, die nach seiner Rede eine Entschuldigung der Kanzlerin und die Entlassung des Regierungssprechers forderte. Die Bundesregierung bekräftigte ihre Kritik jedoch. „Da gibt es nichts kleinzureden“, so die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Die Ereignisse verlangten nach Distanzierung.

Kretschmer: AfD ist mitverantwortlich für Spaltung

Kretschmer scheint dazu nicht gewillt – zumindest nicht vollumfänglich. Vielmehr kritisierte er die Medien, die zum Teil „hart, pauschal und unfair“ sowie geprägt von „Überheblichkeit“ gegenüber Ostdeutschland über Chemnitz berichteten. Im Internet kursierten außerdem „Falschinformation, Lügen, Propaganda“, die die Stimmung befeuerten. Auch die AfD trage eine Mitschuld an den Geschehnissen in Chemnitz, so Kretschmer, sie sei mitverantwortlich für die „Spaltung in unserem Land“. 

Die massive Kritik am Umgang der CDU mit dem Thema Rechtsextremismus weist Kretschmer entschieden zurück. Die Christdemokraten haben seit der Wende jeden Ministerpräsident in Sachsen gestellt. Seit den 90ern beschäftige man sich im Freistaat mit dem Thema Rechtsextremismus, seit 2005 seien mehr als 40 Millionen Euro an Initiativen und Organisationen geflossen, 1000 neue Stellen bei der Polizei seien geplant.

Lange floss kein Geld an Integrations-Initiativen

Nur: Nach Informationen der Gewerkschaft der Polizei wurden in den vergangenen Jahren mehr als doppelt so viele - nämlich 2300 - Stellen bei der sächsischen Polizei gestrichen. Vertreter von in Chemnitz tätigen Nichtregierungsorganisationen, wie dem Sächsischen Flüchtlingsrat, kritisieren außerdem, dass erst die SPD vor vier Jahren in die Regierungskoalition eintreten musste, damit zum ersten Mal Geld an Initiativen floss, die sich mit dem Thema Integration beschäftigen.

Auch Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hat in der „Süddeutschen Zeitung“ scharfe Kritik an der Landesregierung geübt. Die CDU würde „seit Jahren schulterzuckend daneben stehen“, wenn Rechtsextremismus in Sachsen sichtbar werde. Es sei „offensichtlich“, dass zumindest Teile der staatlichen Institutionen eher auf Seiten der Rechten stünden als auf Seiten des Rechtsstaats. „Es muss jetzt geprüft werden, ob es bereits eine rechte Unterwanderung der Polizei gibt“, so Eckardt.

Giffey fordert Gesetz zur Demokratie-Förderung

Familienministerin Franziska Giffey (SPD), die Chemnitz als bisher einziges Mitglied der Bundesregierung am Freitag besucht hat, hat derweil in einem Interview mit der „Welt“ (kostenpflichtiger Inhalt) ein Gesetz zur Förderung der Demokratie in Deutschland gefordert, das klarmachen solle, dass es auch Aufgabe des Staates sei, die demokratische Bildung junger Menschen auf allen Ebenen zu organisieren.

In Chemnitz wurde vor rund anderthalb Wochen der 35-jährige Tischler Daniel H. erstochen – tatverdächtig sind zwei Asylbewerber, mutmaßlich aus dem Irak und Syrien. Einer von ihnen ist mehrfach vorbestraft und hätte nach Dublin-Regeln bereits abgeschoben werden können. Seitdem rufen rechte und rechtsextreme Gruppen zu Demonstrationen auf, auch Bürger folgen ihnen. Am Sonntag und Montag kam es dabei zu Ausschreitungen, die Polizei war mit zu wenig Mann vor Ort – was auch Kretschmer am Mittwoch erstmals einräumte.