Keine Lust auf Rente: Babyboomer wollen länger arbeiten

Die Wirtschaft leidet unter Fachkräftemangel. Abhilfe könnten Arbeitnehmer schaffen, die bald in Rente gehen. Laut einer Umfrage wollen viele im Job bleiben.

Im Alter nur entspannen? Das können sich viele künftige Rentner nicht vorstellen.
Im Alter nur entspannen? Das können sich viele künftige Rentner nicht vorstellen.ZB

Rund zwei Drittel der über 50-jährigen Arbeitnehmer in Deutschland können sich vorstellen, im Rentenalter weiterhin zu arbeiten – auch wenn es nur wenige Stunden pro Woche sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey, die vom Wirtschaftsforum der SPD in Auftrag gegeben wurde. Dabei gaben fast 30 Prozent der Befragten an, dass sie im Alter bis zu 20 Stunden arbeiten wollen.

Die repräsentative Umfrage, die das SPD-Wirtschaftsforum auf seiner Homepage veröffentlichte, ist in Wochenarbeitszeiten untergliedert. Demnach sagten knapp 13 Prozent der über 50-Jährigen, dass sie in Vollzeit arbeiten wollen würden. Knapp acht Prozent bevorzugten bis zu 30 Stunden pro Woche. Gut zwölf Prozent gaben bis zu zehn Stunden an und fast sechs Prozent bis zu fünf Stunden.

In einem Positionspapier des SPD-Wirtschaftsforums heißt es dazu, dass das Thema Arbeiten im Alter bislang von jenen Rentnern dominiert worden sei, „die aufgrund drohender Altersarmut zum Zuverdienst gezwungen waren“. Nun aber zeige sich „ein interessantes und verblüffendes Bild“: Fast drei Fünftel der Befragten wollen freiwillig länger arbeiten. Für die Umfrage hat Civey 10.000 Personen befragt. Ein gutes Drittel der über 50-jährigen Erwerbstätigen gab dabei an, im Rentenalter nicht weiter arbeiten zu wollen.

Lücke im Arbeitsmarkt wird immer größer

Hinzu kommt: Laut der Umfrage können sich viele Unternehmen vorstellen, ältere Arbeitnehmer weiter zu beschäftigen. Gut zwei Drittel der befragten Personalverantwortlichen gaben an, dass sie Personen im Rentenalter in Arbeit halten wollen würden. Fast 46 Prozent würden Arbeitnehmer im Rentenalter rekrutieren.

„Das ist Ausdruck der Wertschätzung älterer Berufstätiger und ihrer langjährigen Berufserfahrung, und es bedeutet eine Abkehr vom Prinzip der Jugendorientierung im Arbeitsleben“, sagte der Schatzmeister des SPD-Wirtschaftsforums, Heiko Kretschmer, zu den Ergebnissen. Allerdings zeige sich auch, „wie stark der Druck auf Unternehmen ist, geeignete Fachkräfte zu finden“.

Laut dem Arbeitgeberverband BDA klafft in wenigen Jahren eine gewaltige Lücke im Arbeitsmarkt. Demnach werden bis zum Jahr 2030 fünf Millionen Menschen mehr in den Ruhestand gehen, als Personen eine Arbeit aufnehmen. Die meisten dieser künftigen Rentner gehören der Generation der sogenannten Babyboomer an.

SPD will längeres Arbeiten erleichtern

Für das Positionspapier hat das SPD-Wirtschaftsforum auch beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen nachgefragt. Dabei fielen die Antworten der 172 Personalberater, also unter anderem sogenannter Headhunter, deutlich zurückhaltender aus. So glaubten nur sieben Prozent der Personalberater, „dass Fachkräfte über 60 Jahre ein geeigneter Vorschlag für Konzernunternehmen sind“. Bei Personalvorschlägen für den Mittelstand liegt die Zustimmung bei 24 Prozent. Das SPD-Wirtschaftsforum erklärt sich die vergleichsweise niedrigen Werte unter anderem damit, dass Personalberater vor allem hochrangige Arbeitnehmer vermittelten.

„Das Wirtschaftsforum der SPD fordert nicht die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters oder gar die generelle Anhebung des Eintrittsalters“, heißt es zu den Ergebnissen der Umfrage im Positionspapier. Vielmehr ginge es um eine „Flexibilisierung und Entbürokratisierung der freiwilligen Längerarbeit“. Sie könne auch mit steuerlichen Anreizen gefördert werden, schreiben die Autoren. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sei das jedoch nur ein Weg unter mehreren. Weiterhin brauche es etwa mehr Digitalisierung und ein höheres Bildungsniveau.

Das SPD-Wirtschaftsforum ist nach eigenen Angaben „ein unabhängiger unternehmerischer Berufsverband und hat als eigenständig eingetragener Verein keine finanziellen, personellen oder strukturellen Verbindungen zu einer politischen Partei“. Der Verein organisiert demnach „in erster Linie den Austausch mit den sozialdemokratischen Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträgern“ in der Politik.