Köln - Dass die Weltgemeinschaft – nein, nicht nur die Amerikaner –, den drohenden Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten verhindern muss, scheint sich in diesen Tagen als ein zivilisatorischer Konsens herauszukristallisieren. Sowohl die amerikanische wie auch die iranische Regierung liefern Waffen an die Kurden, die sich gegen den „Islamischen Staat“ stemmen, und die Erzfeinde unterstützen auch gemeinsam den designierten Premierminister Haider al-Abadi bei seinem Versuch, in Bagdad endlich eine überkonfessionelle Regierung zu bilden.

Die europäische Außenpolitik hat sich überraschend umstandslos aus den Fesseln ihrer notorischen Uneinigkeit befreit, indem sie sich selbst für bedeutungslos erklärte und den nationalen Regierungen freie Hand gab, einzugreifen oder nicht oder nur ein bisschen. In Deutschland sind sich grundverschiedene Politiker wie Gregor Gysi, Cem Özdemir und Elmar Brok einig, dass die Gegner des „Islamischen Staates“ militärische Unterstützung benötigen, wohlgemerkt auch aus Deutschland.

Es kann nur der Anfang sein

Dabei waren ausgerechnet die Grünen, die mit der Friedensbewegung entstanden sind, die erste Partei, die die amerikanischen Luftanschläge auf Stellungen des „Islamischen Staates“ ausdrücklich begrüßte – und zwar mit dem bemerkenswert selbstreflexiven Hinweis, dass man Terroristen nicht auf Jogamatten und in Gesprächsrunden besiegen könne, sondern „so, wie es die Amerikaner machen“. Es gibt Gründe zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig genug eingreift, um humanitäre Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen und den Fall der kurdischen Städte wie Erbil, die zu Zufluchtsstätten der verfolgten Minderheiten geworden sind, zu verhindern. Aber reicht das?

Nein, das kann nur der Anfang sein. Mit amerikanischen Luftanschlägen und Waffenlieferungen an die Kurden wird man die Offensive des „Islamischen Staates“ bremsen, womöglich aufhalten können – eine Millionenstadt wie Mossul wird man damit nicht befreien. Weder die künftige Regierung im Irak noch die Weltgemeinschaft dürfen sich damit abfinden, dass eine Terrorgruppe von hochgeschätzt 20 000 Mann ein Gebiet von der Größe der Bundesrepublik beherrscht, es ethnisch und religiös brutal säubert, auch die eigene verbliebene Bevölkerung tyrannisiert und demnächst, mit größeren Erfolgsaussichten als in Kurdistan, dauerhaft in die sunnitischen Gebiete im Norden des Libanon eindringt und mit Tripoli eine weitere Großstadt einnimmt. Dann würde von den Grenzen Irans bis an die Küste des Mittelmeers eine Pol-Pot-Version des Islam herrschen.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, warum Navid Kermani dafür plädiert, dass der Kampf gegen den Extremismus ein Kampf der Muslime insgesamt sein muss.