Acht Monate ist es nun her, dass Kevin Spacey zum letzten Mal vor der Kamera stand und in die Rolle von Frank Underwood schlüpfte, um sich mit einer kryptischen Botschaft an seine Fans zu wenden. „Ihr wartet doch nur darauf, dass ich alles zugebe, was über mich gesagt wird und dass ich das bekomme, was ich verdiene“, sagte Spacey alias Underwood damals in seinem selbst gemachten Youtube-Clip. „Wäre das nicht herrlich einfach. Aber so einfach ist das Leben nicht.“

In der Tat stellt sich das Leben als deutlich komplizierter heraus. So steht das Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gegen Spacey in Massachusetts kurz davor, eingestellt zu werden. Der Star der Kultserie „House of Cards“ ist nach der Welle der Anschuldigungen gegen ihn weit davon entfernt, seine Schuld einzugestehen oder gar dafür belangt zu werden. Wie konnte es dazu kommen? Eigentlich schien die Angelegenheit vollkommen klar und eine Verurteilung unvermeidlich.

Kevin Spacey soll 18-Jährigen sexuell missbraucht haben

Der Prozess gegen Spacey, der seit Beginn des Jahres vor einem Bezirksgericht auf der Ferieninsel Nantucket geführt wird, hatte alle Zutaten dazu, eines der Schlüsselverfahren der MeToo-Bewegung zu werden. Der Superstar, dessen Karriere seit über 30 Jahren nur steil nach oben führte und der sich im Filmgeschäft und offenbar auch im Privatleben alles erlauben konnte, war nun in einem Provinznest, auf einer kleinen Insel im Atlantik an seinem Tiefpunkt angelangt: Nachdem rund 30 zumeist junge Männer öffentlich berichtet hatten, Spacey habe sie missbraucht, hatte ein 21 Jahre alter Mann wegen eines Vorfalls auf Nantucket vor drei Jahren eine Klage eingereicht.

Spacey, so die Klage, habe den damals 18-Jährigen, der seinerzeit als Aushilfskellner in einem Restaurant auf Nantucket gearbeitet hatte, zum Trinken verleitet und ihn dann minutenlang missbraucht. Es schien wie ein klarer Fall sexueller Gewalt. Doch in diesem Juni nahm der Fall dann eine eigenartige Wendung. Das Mobiltelefon des vermeintlichen Opfers, ein zentrales Beweisstück, verschwand unter kuriosen Umständen.

Der Kläger hatte behauptet, während der Begegnung mit Spacey mehrere Kurznachrichten an eine Bekannte geschickt zu haben, darunter auch Fotos. Die Nachrichten sollten lückenlos das Geschehen jenes Nachmittags dokumentieren. Doch als der Richter darum bat, das fragliche Telefon vor Gericht vorzulegen, war es plötzlich nicht mehr auffindbar. Ein Polizist gab an, dem Vater des Klägers das Handy nach Auswertung der Daten zurückgegeben, aber keine Empfangsbestätigung verlangt zu haben. Der Vater wiederum bestreitet die Übergabe. Auch nach intensiver Suche sei das Handy nicht auffindbar, sagte die Familie aus, legte aber schließlich ein Backup, eine Kopie der Daten, vor.

Kläger zieht Anklage zurück

Das Hin und Her rief Spaceys Anwalt auf den Plan, der die Herausgabe des Telefons verlangte. Er vermutet, es seien Kurzbotschaften gelöscht worden, die zeigten, dass es sich um einen einvernehmlichen Flirt zwischen Spacey und dem Kläger handelte. Tatsächlich räumte dessen Mutter die Löschung einiger Fotos auf dem Handy ein, bevor es der Polizei übergeben wurde, bestritt aber, Daten im Zusammenhang mit Spaceys mutmaßlichem Übergriff gelöscht zu haben. Spaceys Anwalt äußerte nun die naheliegende Vermutung, die Mutter oder das mutmaßliche Opfer hätten die Daten auf dem Telefon manipuliert. Nachdem der Richter den Kläger darauf hinwies, dass eine solche Manipulation von Beweisen eine Straftat sei, zog dieser seine Klage zurück.

Somit ist das Zivilverfahren gegen Spacey zu Ende. Das Strafverfahren ist zwar noch nicht geschlossen, doch der Richter zieht in Erwägung, auch dieses Verfahren einzustellen. Gänzlich vorbei wären die juristischen Schwierigkeiten für Spacey damit allerdings noch nicht. Die Londoner Polizei ermittelt noch immer in sechs Fällen der mutmaßlichen sexuellen Belästigung in Spaceys Zeit als Direktor des Old Vic Theaters zwischen 2003 und 2015.

Keine Strafverfolgung für Spacey?

Die Tatsache, dass das Verfahren gegen Spacey in den USA so sang- und klanglos zu Ende geht, ist dennoch eine Enttäuschung für die MeToo-Bewegung. Nachdem Harvey Weinstein sich mit 30 seiner mutmaßlichen Opfer auf einen Vergleich geeinigt hatte, ist dies der zweite Fall einer Hollywood-Größe, die möglicherweise der Strafverfolgung entgeht. Tröstlich für die MeToo-Kämpferinnen in Hollywood ist indes, dass Spaceys Karriere wohl auch in dem Fall zu Ende wäre, wenn seine Vergehen nicht justiziabel sind. Spacey wurde sowohl von der Serie „House of Cards“ abgezogen als auch von dem Spielfilm „All the money in the world“, in dem er durch Christopher Plummer ersetzt wurde.

Ein neues Engagement hat er seitdem nicht erhalten, und auch ein Comeback als Frank Underwood ist eher unwahrscheinlich. Es sei denn, Spacey dreht weiter private Youtube-Videos in seiner einst erfolgreichsten Rolle.