Kiew: Laufen, weil man ohne stabiles Netz keinen Uber-Fahrer bestellen kann

450.000 Haushalte haben in der ukrainischen Hauptstadt keinen Strom. Der Rest der Stadt versinkt stundenweise in Dunkelheit. Wie halten die Kiewer durch?

Der Kiewer Clubbesitzer Stanislav Grigorenko hinter der Theke. Jeder Gast, der eine Powerbank oder Kerzen vorbeibringt, bekommt einen Shot.
Der Kiewer Clubbesitzer Stanislav Grigorenko hinter der Theke. Jeder Gast, der eine Powerbank oder Kerzen vorbeibringt, bekommt einen Shot.Cedric Rehman

Die japanische Nudelsuppe wärmt den Bauch. Die kleine Portion in der Asia-Kette China Ma unweit des Kiewer Pivdennyi-Bahnhofs regt den Appetit eher an, sie stillt den Hunger nicht. Kaum ist das Smartphone in der Hand, um den QR-Code für die Speisekarte zu öffnen, wird es dunkel. Nur das Handy spendet bläuliches Licht. Mitarbeiter schneiden auf einer Theke Sushi-Rollen zurecht. Die Küche bleibt jetzt kalt.

Gäste stehen vor dem China Ma auf dem unbeleuchteten Gehsteig. Nicht nur die Nacht ist finster, sondern der ganze Innenstadtbezirk. Uber und andere Online-Vermittlungsdienste zur Beförderung haben in Kiew schon vor Jahren Taxis verdrängt. Ohne stabiles Netz bleibt vielen aber nur der Gang zu Fuß. Vielleicht findet sich eine bessere Internetverbindung auf dem Weg, die es erlaubt, einen Fahrer zu bestellen. Leuchtende Handydisplays verbreiten sich wie ein Schwarm von Glühwürmchen in alle Richtungen.

Nacht und Novembernebel liegen wie Watte über den Straßen. Die Straßenleuchten funktionieren nicht. Einige Passanten tragen Stirnlampen. Häuserblocks mit bis zu zwanzig Stockwerken ragen wie finstere Stalagmiten in die Höhe. Fotos von Überlebenspaketen mit Wasserflaschen, Keksen und Riegeln in Aufzügen machen in Kiew die Runde. Aufmerksame Nachbarn haben sie dort für ihre Hausgemeinschaft deponiert.

Russische Raketen vom Typ Kalibr trafen am 10. Oktober um 8 Uhr die Innenstadt, mitten im morgendlichen Berufsverkehr. Sieben Menschen starben, 49 wurden verletzt. Die Geschosse zielten auf Relaisstationen, Kraftwerke und Versorgungsunternehmen in der Hauptstadt. Raketen schlugen an diesem Oktobertag in Kraftwerken in der ganzen Ukraine ein. Als die Angriffe drei Stunden später abebbten, hatten sie nach Angaben der Regierung in Kiew 30 Prozent der für die Stromerzeugung notwendigen Einrichtungen beschädigt.

Militärschläge gegen Kraftwerke und Umschaltstationen in der Ukraine

Eine zweite Welle von Angriffen am 17. und 18. Oktober richtete noch einmal so viel Schaden an wie die ersten Attacken. Ein dritter Schlag gegen Kraftwerke, Leitungen und Umschaltstationen folgte am 31. Oktober. Leicht manövrierbare Drohnen aus dem Iran wichen dabei immer wieder der Luftabwehr aus. Mit Strom betriebene Wasserpumpen fielen in ganz Kiew aus. Fast alle Leitungen blieben trocken.

Ihor Shary, stellvertretender Einsatzleiter des staatlichen ukrainischen Rettungsdienstes, erinnert sich an den Lärm der Drohnen, die am 17. Oktober Kiew angriffen. „Sie machen das gleiche Geräusch wie ein Scooter. Wir nennen sie iranische Scooter.“

Ihor Shary, 50 Jahre alt, trägt eine dunkelblaue Uniform mit dem blau-gelben Wappen der Ukraine und schwere Sicherheitsschuhe. Er war bei einem Einsatz in einem Gebäude in der Innenstadt von Kiew, nachdem Drohnen eingeschlagen waren. Da hörte er eine weitere Schar „iranischer Scooter“ in der Luft. „Ich gab das Signal an alle, sofort in den Keller zu gehen. Aber meine Kollegen waren im ganzen Haus verteilt“, erinnert sich Shary. Einen Moment später schlug die zweite Salve ein. Als der Staub sich legte, suchte Shary nach seinem Team. „Nur ein Kollege hatte sich den Arm gebrochen“, erzählt der Retter.

Iranische Drohnen überfallen ukrainische Städte im Schwarm

Das Problem mit den Drohnen sei, dass sie im Schwarm über Städte herfallen, erklärt der Einsatzleiter. Einsatzkräfte müssten am Einschlagsort immer damit rechnen, dass den ersten Drohnen weitere folgten.

Behörden begannen bereits nach dem 10. Oktober mit der Reparatur der Schäden. Sie schütteten Krater in den Straßen zu und flickten Leitungen. Aber erneute Angriffe zerstörten wieder, was Ingenieure wiederherstellt hatten. Inzwischen sind laut Angaben der Regierung 40 Prozent der Energieinfrastruktur der Ukraine beschädigt. Viereinhalb Millionen Menschen sind ohne Strom. Fast eine halbe Million sollen es in Kiew sein.

Die circa 3000 Einsatzkräfte des Rettungsdienstes müssen jetzt auch ausrücken, um Menschen aus feststeckenden Aufzügen zu befreien. Shary erinnert sich an einen Einsatz, bei dem eine Frau in Panik am Handy nur ihre Adresse nannte. Das Haus hatte aber vier Eingänge und 14 Stockwerke. „Oft bricht irgendwann der Handyempfang in den Aufzügen ab. Wir waren froh, dass wir die Frau vorher gefunden haben“, sagt der Einsatzleiter.

Was käme auf seine Mannschaft zu, sollten Strom, Wasser und Heizung ganz ausfallen? Shary gibt sich bedeckt. „Das wäre eine komplizierte Lage. Wir bereiten uns darauf vor“, sagt er. Vom Strom unabhängige Wasserreservoirs zum Löschen von Bränden seien auf jeden Fall vorhanden.

Die Behörden wollen den Blackout verhindern. Sie schalten in Kiew jedem Haushalt vier Stunden pro Tag den Strom ab; es gibt dafür einen Wechselmodus zwischen den Distrikten. Das Netz soll stabil gehalten werden, indem nicht alle Verbraucher gleichzeitig Licht einschalten oder im Internet surfen können. Ob die Rationierung Erfolg haben wird, ist unklar. Der Strom bleibt auch nach dem Ende der geplanten Abschaltungen immer länger weg.

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko schließt einen kompletten Ausfall in den kommenden Tagen und Wochen nicht mehr aus. Die Kiewer sollten für den Fall Vorräte anlegen und sich überlegen, ob sie die Stadt verlassen können, verkündete Klitschko. Die New York Times berichtet, dass laut dem Leiter des Zivilschutzes, Roman Tkachuk, die Drei-Millionen-Stadt bei einem Kollaps der Systeme evakuiert werden soll. Tkachuk dementierte den Bericht. Es ist auch fraglich, wo die Behörden Millionen Kiewer unterbringen könnten. Energie ist in anderen Teilen der Ukraine genauso knapp.

Die Kiewer Behörden schalten jedem Haushalt vier Stunden pro Tag den Strom ab; es gibt dafür einen Wechselmodus zwischen den Distrikten.
Die Kiewer Behörden schalten jedem Haushalt vier Stunden pro Tag den Strom ab; es gibt dafür einen Wechselmodus zwischen den Distrikten.Cedric Rehman

Bürgermeister Klitschko plant die Einrichtung von 1000 öffentlichen Wärmeräumen

Ohne Strom wird in Kiew das Fernwärmenetz ausfallen. Der November zeigt sich noch von seiner milden Seite. Bei den ersten Minustemperaturen jedoch drohen kalte Heizrohre zu platzen. Hochhäuser aus Stahl und Beton und die oft schlecht isolierten Wohnhäuser aus Backstein würden auskühlen, bis sie Gefrierschränken gleichen. Klitschko plant deshalb die Einrichtung von 1000 öffentlichen Wärmeräumen. Sie sollen mit Generatoren ausgestattet werden.

Die Physiotherapeutin Viktoriia Chala, 28, macht sich in beneidenswert aufrechter Haltung in einer Filiale von Bucks Coffee Roasters im Kiewer Szeneviertel Podil Gedanken über ihre Pläne B und C. Sie würde zunächst Klitschkos Rat folgen und mit ihrem Ehemann Kiew verlassen, erzählt sie bei einem Latte macchiato. „Meine Schwiegereltern wohnen auf dem Land. Sie haben noch einen alten Ofen, der mit Holz geheizt wird.“

Plan C wäre für Chala die Flucht ins Ausland. 90 Prozent ihrer Klienten seien ohnehin nach Polen, Deutschland oder Israel geflüchtet. Sie bringt ihnen online bei, wie sie ihre Muskeln entspannen oder durch besondere Bewegungsabläufe Schmerzen bekämpfen können.

Die Physiotherapeutin verbringt seit dem 10. Oktober viel Zeit mit der Suche nach Netzempfang in Kiew. Das WLAN in Bucks Coffee Roasters sei verlässlicher als das mobile Netz ihres Handys. Sie komme deshalb oft hierher. Ihre Kurse so zu legen, dass sie nicht in die geplanten Abschaltungen für ihren Wohnbezirk fallen, sei sinnlos. „Der Strom fällt auch so häufig aus“, sagt sie. Aber noch hat Chala zumindest Arbeit.

Die wirtschaftlichen Aussichten für die Ukrainer sind düster. Und mit jedem Tag ohne stabile Stromversorgung sieht es schlechter aus für das Land. Der Direktor der Denkfabrik Centre for Economic Strategy (CES), Hlib Vyshlinsky, empfängt in einem alten Bankgebäude. Seine Mitarbeiter tippen am späten Nachmittag ihre Berichte in ihre Rechner. Ein Generator aus den 90er-Jahren fand sich im Keller der Bank. Stromausfälle waren kurz nach 1991, als die Ukraine von der Sowjetunion unabhängig geworden war, keine Seltenheit. „Wir haben Glück“, sagt der Direktor.

In ukrainischen Fabriken wird jetzt oft nachts gearbeitet

Weiten Teilen der ukrainischen Wirtschaft wird dagegen gerade der Stecker gezogen. Mitarbeiter arbeiten in Fabriken nun oft nachts, um Aufträge zu erfüllen, berichtet Vyshlinsky. Der Strom sei in den Nachtstunden seltener abgestellt, erklärt der Experte.

Der produktivste Sektor der ukrainischen Wirtschaft, die IT-Branche, steht vor einer Herausforderung. Ukrainische IT-Spezialisten deckten sich nun mit Generatoren und Powerbanks ein. Doch ein Ausfall des Internets lässt sich mit Notstrom nicht überbrücken. Wie anderswo in Osteuropa ist die Digitalisierung in der Ukraine weit fortgeschritten. Nun geht es nicht mehr nur um die Zerstörung von Fabriken. Die russischen Angriffe entziehen der ukrainischen Wirtschaft Energie und die digitale Grundlage.

Das CES prognostizierte vor den Angriffen am 10. Oktober einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 30 Prozent in den ersten neun Kriegsmonaten. Sollte die Ukraine die Energiekrise bald in den Griff kriegen, würde das BIP nur um weitere fünf Prozent schrumpfen. Andere Szenarien seien aber auch denkbar, meint der Experte.

Stanislav Grigorenko träumt von einer Tauschwirtschaft, um seinen Club in Podil im gleichnamigen Kiewer Szeneviertel über den Winter zu retten. Schon jetzt verdiene sich jeder Gast, der eine Powerbank oder Kerzen vorbeibringt, einen Shot. Grigorenko holt einen Kirschlikör vom Regal und lässt kosten. „Die Kirschen kommen aus dem Garten meiner Oma“, sagt er.

Der Clubbesitzer trägt einen Fedora wie Humphrey Bogart und lächelt verschmitzt hinter den Kerzen, die seine Theke beleuchten. Falls es schwierig werde, Getränke mit Geld zu bezahlen, könnten Gäste etwa eine Schicht hinter der Theke übernehmen. Grigorenko denkt an Menschen, denen das Ausgehen angesichts einer Inflation von 30 Prozent in der Ukraine zu teuer geworden ist. Ohne Strom funktionieren auch Geldautomaten nicht mehr. Die Bargeldversorgung wird schwierig.

Grigorenko hat in dem für seine Kneipen und Clubs berühmten Viertel eine Selbsthilfe der Barbesitzer ins Leben gerufen. Hat die eine Kneipe keinen Strom, schickt die andere Eiswürfel vorbei. Einige Bars und Restaurants haben sich mit Generatoren ausgerüstet. Sie könnten zusehen, wie ihre Konkurrenz an den Schwierigkeiten durch den Strommangel scheitert und ihr Umsatz steigt, weil vom Essen und Trinken in der Dunkelheit genervte Gäste lieber bei ihnen das Summen der Notstromgeräte ertragen. Die Situation schweiße aber zusammen, meint Grigorenko. „Wir kennen uns alle in Podil“, sagt er.

Barbesitzer: „Die Gäste sind hier sicher vor Raketen“

Grigorenko hat seinen Club als Veranstaltungsort nach dem Beginn des russischen Angriffs am 24. Februar in einem Keller gegründet. Er diente während der Belagerung von Kiew im März als Bunker. Grigorenko scheint es an Zuversicht nicht zu mangeln. „Ohne Strom könnten Musiker immer noch Live-Gigs mit Schlagzeug oder Gitarre spielen und die Gäste sind hier sicher vor Raketen“, sagt er. Und der Likör aus Omas Kirschen schmeckt auch bei Kerzenschein.

Die Kiewer Lehrer Ivan Vereshaka und Liudmyla Tabolina müssen zu früh aufstehen, um abends noch ein Konzert in Podil besuchen zu können. Der Unterricht beginnt für sie morgens um 8 Uhr in ziemlich finsteren Klassenzimmern. Schulen werden zwar wie Krankenhäuser mit Priorität versorgt. Strom sparen müssen sie dennoch. „Wir haben eine LED-Girlande aufgehängt. Dabei ist noch gar nicht Weihnachten“, sagt Tabolina. Sie trifft ihren Kollegen im Büro von Yaroslava Mozgova von der Nichtregierungsorganisation Osvitoria. Die NGO unterstützt Bildungsreformen in der Ukraine.

Wie in der Ukraine das Schuljahr 2022/2023 aussehen soll, sei im Sommer noch nicht klar gewesen, meint Liudmyla Tabolina, Direktorin einer privaten Grundschule in Kiew. In Regionen, die als sicherer als Kiew gelten, sollte wieder in Präsenz unterrichtet werden, entschied das Bildungsministerium. Die Luftangriffe im Oktober und die neuen Gefahren für Kiew durch iranische Kamikazedrohnen waren zum Start des Schuljahrs im September noch nicht abzusehen. Viele ukrainische Lehrer kritisieren nun, die Regierung habe es versäumt, für verschiedene Szenarien zu planen. Denn auch das Homeschooling ist wegen Strom- und Internetausfällen keine Alternative mehr.

Die beiden Kiewer Lehrer sagen, dass der Präsenzunterricht in der jetzigen Lage die beste der schlechten Alternativen sei. „Schulen haben Luftschutzkeller. Da sind Kinder besser aufgehoben als im zehnten Stock bei ihnen zu Hause“, berichtet Tabolina.

Kinder und Jugendliche lernen in Kiew im Licht von LED-Leuchten für die Schule

Sie und ihr Kollege haben mit Erstaunen beobachtet, wie ihre Schüler sich im funzeligen Licht von LED-Leuchten über ihre Hefte beugen oder gelassen in die Bunker hinabsteigen. Manchmal erschreckt es sie auch, wie der Krieg für Kinder und Jugendliche zum Alltag geworden ist. Yaroslava Mozgova von der NGO Osvitoria berichtet, dass Unicef die Ukraine bei der psychologischen Hilfe für Schüler berate. „Das hat bei uns leider keine Tradition“, sagt sie.

Ihr Kollege Ivan Vereshaka unterrichtet an einer öffentlichen Schule in Kiew Mathematik. Er floh im Sommer aus dem besetzten Cherson in die Hauptstadt. Wie er entkommen ist und warum er flüchten musste, will er nicht erzählen. Der Mathematiklehrer spannt seine Glieder an, als er nach den Schülern in der Heimatstadt gefragt wird. Er habe zunächst VPN-Verbindungen genutzt, um heimlich weiter Unterricht zu geben. „Jetzt gebe ich am Handy einem ehemaligen Schüler Instruktionen, damit er unterrichten kann“, sagt Vereshaka. Er muss dafür sein Smartphone aufladen können. Die Zukunft hängt nicht immer an einem seidenen Faden. Manchmal ist es auch ein Handykabel.