Meine liebe Tochter,

dies ist ein Brief zu deinem Auszug. Ich habe viel über Familie nachgedacht in letzter Zeit. Ich bereue nichts, aber jetzt bin ich doch ganz schön platt. Es wird immer von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesprochen. In Hochglanz-Broschüren sieht das wunderbar aus und es hört sich auch gut an. Aber es wird viel gelogen dabei oder zumindest gewaltig beschönigt.

Diese Vereinbarkeit ist ein Mythos. Und der Preis ist hoch. So hoch, dass viele Frauen und Männer den Kampf darum, Familienleben und Job zu verbinden, mit mindestens einem Burn-out bezahlen, weil sie, so wie ich, dieselben hohen Ansprüche in beiden Bereichen anlegen.

Ich wollte nicht auf der Strecke bleiben. Und ich habe es genossen, mit euch Kindern zu basteln und abends im Bett Geschichten zu erzählen, die Wände zu bemalen, zu zelten und im Wald nach Spuren von wilden Tieren zu suchen. Aber ich wollte auch arbeiten, Menschen treffen, Geschichten recherchieren, Texte schreiben, wie es mein Beruf ist. Das geht gleichzeitig. Ich habe mir bewiesen, dass es geht. Irgendwie. Man kann dann allerdings seine Freunde nicht mehr treffen. Hobbys und Ruhephasen gibt es nicht – 20 Jahre lang.

dpa
Neue Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

Vielleicht wird es irgendwann viel besser. Denn es gibt ja eine Entwicklung. Ich will auch nicht nur jammern. Aber wir sind längst nicht dort, wo wir selbst glauben zu sein.

Ich war naiv, als ich Kinder bekam. Als du zur Welt kamst, meine Tochter, dachte ich, so schwer kann es ja wohl nicht sein, Kind, Karriere und Privatleben zu vereinbaren. Ich wollte mein Kind, meine beiden Kinder, einfach in mein Leben integrieren und keine Abstriche machen. Das war 2002. Es gab doch Kindergärten und Tagesmütter, Spielkreise und eine Gesellschaft, die das doch auch wollte, dachte ich.

Alle wollten doch, dass beides gleichzeitig geht, dass vor allem die Frauen nicht zurückfallen in eine Abhängigkeit von ihren Partnern. So wie es meiner Mutter passiert ist, die ihren Beruf als Architektin aufgab für mich, in der ebenfalls naiven Vorstellung, irgendwann zurückzufinden in die Berufstätigkeit. Erst ein fulminanter Einstieg, hart hatte sie dafür gekämpft, dann zwei Kinder und schließlich wieder Architektur.

Nach zwölf Jahren Erziehungszeit wollte sie aber einfach keiner mehr einstellen. Und als sie dieses Doppel – Familie und Beruf – erzwingen wollte, funktionierten wir Kinder nicht. Mein Bruder begann zu stottern. Ich boykottierte die Schule. Als die Ehe in die Brüche ging, stand sie vor dem Scherbenhaufen ihrer wirtschaftlichen Existenz. Sie hat es tief bereut, ihren Beruf aufgegeben zu haben, und mir eingeschärft, das niemals zu tun.

Das hatte Folgen. So werde ich nicht, habe ich mir geschworen, das passiert mir nicht. Natürlich nicht. Ich bin eine andere Generation.

Ich gehöre zu den Ende der 1960er-Jahre und in den 70er-Jahren Geborenen. Die Heldinnen meiner Kindheit waren Pippi Langstrumpf und die rote Zora. Sich niemals abhängig machen, ein selbst bestimmtes Leben und Verwirklichung im Beruf. Das hatten uns unsere Mütter eingebläut.

Die Hälfte von allem: Beruf, Geld, Familie, Haushalt

Und wir wollten die Welt ja auch erobern. Dringend sogar. Abitur machen, studieren und dann die Hälfte von allem: Beruf, Geld, Familie, Haushalt. Der Preis war allerdings unsere Überforderung, denn außer uns war niemand so weit, weder der Staat noch die Gesellschaft, nicht die Arbeitgeber und nicht unsere Partner.

Es gibt Hunderte Beispiel-Situationen, von denen man erzählen könnte, um die Zerrissenheit zu schildern. Wie man in Konferenzen sitzt, zu müde, um den Kopf zu heben, weil man in der Nacht nicht richtig geschlafen, sondern das Fieber eines Dreijährigen runtergekühlt hat. Wie man sich dann morgens mit dem Partner darüber gestritten hat, wer zu Hause bleiben muss, um das kranke Kind zu bewachen, und sich dann doch nicht konzentrieren kann, weil man die ganze Zeit denkt, hoffentlich geht das gut.

Wie es war, jede Woche wieder ins Gemeindeamt zu laufen, um die Mitarbeiterin, die für die Vergabe der Kitaplätze zuständig ist, an den Rechtsanspruch zu erinnern und mit fortgesetzter Penetranz dazu zu zwingen, einen der begehrten Plätze rauszurücken. Eigentlich, und das ist die Ironie an der Geschichte, hätte man gleichzeitig dort gar nicht sitzen dürfen. Denn dem Arbeitgeber hatte man doch versprochen, wichtige Aufträge abzuarbeiten.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mich gefühlt habe, als du, meine Tochter, mir beschrieben hast, dass du immer die Letzte bist, die aus der Kita abgeholt wird. Ich habe mir vorgestellt, wie du da sitzt in dem großen Spielzimmer – ganz allein mit zwei Kita-Tanten. Ich kann deren Vorwürfe nicht vergessen. Den demonstrativ strengen Blick auf die Uhr, der deutlich macht, dass gute Mütter für ihre Kinder da sind und schon um 15 Uhr kommen. Vollkommen egal, dass der Arbeitstag bis 18 Uhr ging, den Fahrweg nicht eingerechnet.

Von einer Kollegin, die mir einmal hinterhertelefonieren musste, habe ich gehört: Ich glaube, du bist überfordert und du tust uns anderen Müttern auch keinen Gefallen. Alle stünden nun durch mich als Überforderte da. Ich hätte den Ruf der arbeitenden Mütter verdorben.

Ich habe alles weggelächelt, die Schwierigkeiten und die Anwürfe. Wie so viele Frauen. Es macht uns gar nichts aus, es geht doch alles gleichzeitig. Federleicht.

imago/Maskot
Eine Mutter mit Kind

Wettrennen auf dem Flur im Büro und die Kollegen nerven

Dabei bin ich in Wirklichkeit hin  und her gerast zwischen Wohn- und Arbeitsort und hatte immer das Gefühl, zu spät zu sein, bei der Arbeit und zu Hause auch. Ich habe euch Kinder sonntags mit ins Büro geschleppt, weil ich Dienst und mein Mann Arbeit in seiner Firma hatte. Erinnerst du dich noch, wie ihr Wettrennen auf dem Flur und mit den Computern in der Polizei-Redaktion gespielt habt? Ich hoffte nur, dass wir nicht rausfliegen, weil wir die Nerven der Kollegen strapazierten.

Ich bin empfindlich geworden über die Jahre und habe mir alles gemerkt, was andere gesagt haben. Die Worte einer anderen Kollegin zum Beispiel, die fand, die heutigen Frauen wollten ja bloß Teilzeit arbeiten – also eben nicht so richtig. Sie seien doch selbst schuld daran, dass die Männer immer vorbeiziehen auf der Karriereleiter.

Es geht nämlich auch um Anwesenheit im Beruf. Man muss zur Stelle sein, wenn sich Gelegenheiten bieten. Kreativ muss man sein und allzeit bereit. Dabei kommt man gar nicht so einfach wieder heraus aus der Teilzeit, die man eigentlich nur am Anfang mit den kleinen Kindern brauchte. Eine Falle. Einen Rechtsanspruch gibt es zwar mittlerweile, aber nur für diejenigen, die nach 2019 befristet in Teilzeit gegangen sind.

Und die Männer, die Väter? Ständig haben wir zu Hause gestritten um die Aufteilung von Haushalt, Betreuung und Verantwortung. Natürlich hatte dein Vater auch Schwierigkeiten, Kinder und Arbeit zu vereinbaren, die Kita-Schließzeit zu schaffen, musste die Kinder mit auf die Baustelle nehmen und auf dem Spielplatz mit Kunden telefonieren. Er hat das alles nur nicht ganz so ernst genommen wie ich.

Was mich erstaunt hat in den vergangenen Jahren, ist, wie viel von all dem immer noch ein Problem ist. Wo sich doch angeblich so viel verändert hat. Auf der Internetseite des Familienportals des Bundes heißt es jetzt: „Die Mehrheit der Eltern möchte Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können. Dazu sind vor allem familienfreundliche Arbeitgeber, geregelte Kinderbetreuung und finanzielle Sicherheit wichtig. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen tragen viel dazu bei, dass Eltern Familie und Beruf miteinander vereinbaren können. Neun von zehn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Kindern sagen, dass ihnen familienfreundliche Angebote mindestens so wichtig sind wie die Höhe des Gehalts.“

Die Erkenntnis ist also da. Wo sind nur die Strategien?

Natürlich sind in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt worden. Das Familienministerium und der Industrie- und Handelskammertag haben ein Netzwerk gegründet, in dem sich Unternehmen und Institutionen zu einer familienbewussten Personalpolitik bekennen. „Wer Beschäftigte mit familiären Verpflichtungen gewinnen möchte, punktet vor allem mit familienbewussten Arbeitszeiten, denn für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist die Frage, wie sich der Alltag organisieren lässt, oft entscheidend“, heißt es bei der Behörde. Die Realität ist aber, dass man als faul eingestuft wird, wenn man um 15 Uhr los muss, weil der Kindergarten schließt.

Mittlerweile gibt es nach der Geburt eines Kindes immerhin ein Elterngeld, das mehr ist als nur ein Taschengeld. Es gibt auch mehr Kindergartenplätze und mehr Verständnis. Wer Studien aus verschiedenen Jahren vergleicht, sieht Fortschritte. Und doch ist noch viel Luft nach oben. Man hat es während der Pandemie gemerkt, als zuallererst die Frauen zu Hause geblieben sind, um die Kinder im Homeoffice zu betreuen. Wie früher.

Laut Unicef sind in Deutschland derzeit 70 Prozent der Mütter erwerbstätig. Von diesen arbeiten allerdings 69 Prozent in Teilzeit. Im Durchschnitt arbeitet eine Mutter nur 20 Stunden die Woche. Das Angebot an Betreuungsplätzen in Deutschland liegt unter der Nachfrage. Und nur wenige Kindergärten haben längere Öffnungszeiten. Die meisten öffnen um 8 Uhr und schließen um 16 Uhr.

Auch die Väter sind immer noch ein Problem. Nur 29 Prozent der Väter nehmen Elternzeit in Anspruch. Im Durchschnitt beträgt die Elternzeit der deutschen Väter 3,2 Monate. An der familiären Kinderbetreuung haben die Väter einen Anteil von etwa 30 Prozent. Aktiv berufstätig sind aber 86 Prozent der Männer – meist in Vollzeit.

In Deutschland arbeiten Mütter deutlich weniger als Väter. Irgendwie gelingt es den Paaren nicht, die bezahlte Arbeit zu gleichen Teilen untereinander aufzuteilen.

Das ist in anderen Ländern anders. In Dänemark zum Beispiel. Auch in Norwegen, Frankreich, Finnland und Belgien geht es nicht nur gerechter, sondern produktiver im Sinne des Arbeitsmarkts zu. In Deutschland schaffen es weniger als zwei Prozent der Paare, gleichermaßen 30 Stunden oder mehr in der Woche zu arbeiten.

Am familienfreundlichsten geht es wohl in Schweden zu. Dort sind 80 Prozent der Frauen berufstätig. Dort ist auch das Gefälle zwischen Männern und Frauen am niedrigsten. Schwedische Väter sind verpflichtet, eine 60-Tage-Elternzeit zu nehmen.

Kaum Unterschiede bei Männern und Frauen in Schweden

Schweden berichten, von Vätern werde erwartet, sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen. Es gibt kaum Unterschiede zwischen Frauen ohne Kinder und mit Kindern bei der Berufstätigkeit. Viel weniger Mütter arbeiten in Teilzeit. Während Mütter in Deutschland ihre Arbeitsstunden nach der Geburt drastisch reduzieren und das Arbeitspensum der Väter steigt, arbeiten in Schweden einfach beide weiter und reduzieren kaum.

Laut Unicef fördert der schwedische Staat die Erwerbstätigkeit von Eltern durch finanzielle Leistungen und gute Kinderbetreuung zu geringen Kosten. Flexible Arbeitszeiten gibt es auch viel häufiger.

Wenn ich all das zusammenzähle, kann ich dir nur eins raten: Geh nach Schweden oder akzeptiere, dass es noch dauern wird. Bis dahin bleibt es schwierig. Ich bereue nichts, habe ich am Anfang gesagt. Aber du wirst weiter daran arbeiten müssen. So wie ich.

Deine Mutter