Kinder sind oft unbefangener, wenn es um den Tod geht. 
Foto: dpa / Bernd Thissen 

BerlinMit sicherem Schritt folgt das kleine Mädchen ihrer Mutter, als sie zu uns in den Laden kommen, um darüber zu sprechen, was denn mit ihrem verstorbenen Papa passieren soll, wie die Trauerfeier aussehen sollte und was wir noch alles an Papieren benötigen würden. Papa war zwar schon alt, der Tod kam aber doch mehr als überraschend. Während Mama und Tochter im Urlaub waren, ist er zu Hause gestürzt und gestorben. Beide wirken im ersten Augenblick dennoch relativ gefasst auf mich.

Während ich mit Mama über einige administrative Sachen sprach – die hake ich bei meiner Arbeit gerne als erstes ab –, beobachtete ich das kleine Mädchen.

Sie saß auf unseren Samtstühlen, die weniger samtig sind, als sie aussehen. Die Beine reichten wohl nicht ganz bis zum Boden. Stattdessen wackelte sie mit ihnen und schlug immer wieder ganz leicht gegens Stuhlbein. Wie man es eben so macht, wenn man mit den Beinen wackeln kann.

Während ihre Mama also Papiere las, blickte sie sich um und schaute immer wieder in den hinteren Bereich unseres Ladens, wo eine Kollegin von mir wohl etwas zu laut telefonierte. Ihr Hals wurde dabei immer länger.

„Musst du aufs Klo?“, fragte ich sie etwas offensiv. „Nein“, entgegnete sie mir, als wenn es das natürlichste auf der Welt ist, dass ich wissen müsste, wann und wie sie Toilettendrang hat.

„Willst du mal schauen, was da hinten ist?“ Die Augen werden groß, und als ob sie auf die Frage quasi als Aufforderung gewartet hat, springt sie vom Stuhl und marschiert mit ihrem kleinen Pappkoffer in der Hand nach hinten.

„Wo ist mein Papa?“, hörte ich sie meine Kolleginnen fragen, und ich konnte mir deren verdutzte Gesichter vorstellen. Weil die Verstorbenen nicht bei uns im Laden sind, sondern etwas weiter weg auf einem alten Pferdehof.

Ich ging zu der Kleinen, fragte, was sie denn bei ihrem Papa möchte, und daraufhin öffnete sie diesen kleinen Kinderkoffer. Unglaublich viel Krimskrams trat zu Tage. Steine, Streichhölzer, Plastikperlen, ein alter Kamm, Fotos. Teile fielen raus, sie kramte sie schnell wieder in den Koffer. „Mein Papa braucht doch seinen Kamm!“, sagte sie für ein Kind relativ bestimmt. Den Wunsch konnte ich ihr natürlich nicht abschlagen, also verabredeten wir uns gemeinsam mit der Mama am Sarg von Papa. Und was soll ich sagen, ich habe selten jemanden so entspannt und angstfrei an den Sarg eines Verstobenen treten gesehen wie dieses kleine Mädchen, die ihrem Papa den Kamm in die Hemdtasche steckte, wo er eben in all den Jahren immer seinen Kamm bei sich getragen hatte.

In einer langen Unterhaltung mit der Mama Wochen nach der Beerdigung wollte ich herausfinden, wie und warum das Kind so gefasst war und seine Wünsche so klar geäußert hatte. Die Mama wusste schon länger, dass Papa noch im Kindesalter seiner Tochter sterben würde, und sie hat ihre Kleine zum Teil bewusst, aber wohl auch manchmal unbewusst darauf vorbereitet. Als Papa durch sein Alter bedingt nicht mehr so viel mit ihnen reisen wollte, war es klar, dass es einen kleinen „Papa-Koffer“ gibt. Mit Dingen gefüllt, die die Kleine mit ihrem Papa verbindet. Steine von der Ostsee, Streichhölzer, die verwendet wurden, um die Weihnachtskerzen anzuzünden und Fotos von den beiden. So war Papa eben immer dabei. Die Mama hat mit zunehmender Krankheit des Vaters nie einen Hehl daraus gemacht, dass er krank ist und hat klar benannt, dass er sterben würde. Und irgendwie hat sie es dabei geschafft, die Kleine auf die Situation vorzubereiten.

Immer wieder wurde sie gefragt, was sie denn möchte, sie war dabei, als wir für die Urne die schönste Stelle der Welt aussuchten, und für mich hatte alles seinen emotionalen Höhepunkt, als die Kleine mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt am Tag der Beerdigung eine kleine Plasteschaufel mitbrachte, weil irgendjemand ja schließlich das Loch zumachen muss, in das die Urne kommt.

Warum ich in dieser Kolumne immer wieder von Kindern schreibe? Weil sie häufig nicht unmittelbar und ohne Bedenken ihre Wünsche äußern. Und bei jedem Erwachsenen, der in Trauer vor mir sitzt, hoffe ich, in ihm etwas von dieser kindlichen Unbefangenheit im Rahmen seiner Trauer zu sehen. Also traut euch!