Berlin - Die Zahl 20 schmerzt. Sie schmerzt Familienpolitiker, sie schmerzt Wissenschaftler und sie schmerzt vor allem Eltern und Kinder. Denn diese Zahl beschreibt einen erbärmlichen Zustand in unserer Gesellschaft, der seit Jahren stagniert: Denn in Deutschland sind 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet. Anders ausgedrückt: 2,8 Millionen junge Menschen haben schlechtere Zukunftsaussichten als reichere Gleichaltrige.

„Daran hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert. Es wird zwar drüber geredet, aber man tut viel zu wenig“, kritisierte Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), am Dienstagabend am Welttag der sozialen Gerechtigkeit in der Botschaft für Kinder in Berlin.

Scham ist bei vielen Menschen zu groß

Armut werde in Deutschland sozial vererbt. „Das beste Mittel gegen Kinderarmut ist die Erwerbstätigkeit der Eltern“, sagte sie. Zudem komme ein hoher Anteil „verdeckter Armut“. Dazu gehören Menschen, die Anspruch auf Sozialleistungen haben, aber die sie nicht einzulösen, aus Scham oder Unkenntnis. Nach Expertenschätzungen sind das rund 40 Prozent aller  Bedürftigen. „Es ist arrogant zu denken, dass diese Eltern und Kinder zu uns kommen müssen. Wir müssen sie abholen“, betonte Allmendinger.

Außerdem müsse man auch über die Definition von Armut nachdenken. „Es gibt einen Unterschied zwischen statistischer und gefühlter Armut. Es ginge nicht nur um finanzielle Armut, sondern auch und vor allen darum, dass Kinder keine Freunde, keinen Zugang zu bestimmten Zirkeln oder Geschäften hätten, erklärte Allmendinger. Und hier liegt ein weiteres Problem: Stereotype könnten nicht abgebaut werden, wenn man nicht miteinander spricht, weil jeder in seinem Umfeld bliebe. „Ich bin Verfechterin von Schulkleidung“, sagte die Soziologin. Dann könne man nicht an der Jeans erkennen, wie viel Geld die Eltern haben und die Kinder seien nicht von vornherein ausgeschlossen. „Die besten Kitas und Schulen müssen Kindern in Armut offen stehen. Und wir brauchen eine systematische, langfristige Betreuung für diese Kinder von Tag 1 an“, sagte sie.

Mehr Kindergeld ist keine Lösung

Allmendinger bemängelte außerdem, dass es zwar wissenschaftliche Forschungen gebe und für die Bekämpfungen von Kinderarmut viel Geld ausgegeben werde, aber  trotzdem zu wenig  passiere. Auch eine Kindergeld-Erhöhung werde an den Zuständen nichts ändern, prognostizierte sie. Das sei nur ein Gießkannen-Verfahren.

Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag auf eine Kindergeld-Erhöhung von 25 Euro geeinigt. Familienministerin Katarina Barley (SPD) verteidigte die Pläne, die Familienleistungen zu erhöhen. Auch der Kinderzuschlag für einkommensschwache Familien solle erhöht und der Kinderfreibetrag steigen. Kindergeld und Kinderzuschlag werden dann zusammen 399 Euro betragen. „Auch die Beantragung wird deutlich vereinfacht“, sagte Barley. „Kinder sind arm, wenn die Eltern arm sind“, sagte auch Barley, daher setze man auch auf die Kinderbetreuung. 3,5 Milliarden Euro habe man im Falle einer Großen Koalition für den Ausbau der Ganztagsbetreuung vorgesehen.

Politiker und Verbände fordern Kindergrundsicherung

Grüne, Linke und verschiedene Verbände fordern vor diesem Hintergrund schon länger eine Reform der Familienleistungen in Form einer Kindergrundsicherung, die eine feste Summe für jedes Kind vorsieht. „Eine Kindergeld-Erhöhung hat mit der Bekämpfung von Kinderarmut nicht viel zu tun“, sagte dazu auch Katja Dörner, Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik bei den Grünen. Das Geld komme nicht da an, wo es gebraucht werde. Das zeigten auch die stagnierenden Zahlen. „Wir brauchen einen neuen Ansatz. Die Erhöhungen der Leistungen werden zwar in der Breite einen positiven Effekt für Familien haben, aber als Mittel zur Bekämpfung von Kinderarmut kann man das nicht in Feld führen“, kritisierte die Grünen-Politikerin. Und dies sei eine falsche Prioritätensetzung.

Dörner plädierte dafür, dass zum Beispiel der Kinderzuschlag automatisch ausgezahlt werde und nicht erst nach Antragstellung wie es nun vorgesehen sei. So hatten das auch die Jamaika-Sondierer ausgehandelt. „Nur 30 Prozent der Berechtigten nehmen diese Leistungen in Anspruch, weil es entweder zu kompliziert ist oder sie es gar nicht kennen“, sagte Dörner und knüpfte damit auch indirekt an die Forderung von Allmendinger an, mehr auf die betroffenen Familien zuzugehen.