BerlinAls ich klein war, hieß der Kinderarzt Doktor Koker. Er war schon der Kinderarzt meiner Mutter. Ich kann mich nicht erinnern, oft in seiner Praxis gesessen zu haben. Wenn ich erkrankte, ging meine Mutter zur Gaststätte gegenüber, um zu telefonieren. Ein eigenes Telefon hatten wir nicht. Sie rief Doktor Koker in der Kreisstadt an und im Laufe des Tages, manchmal in den Abendstunden, kam er mit seinem Auto vorbei. Er war ein großer, glatzköpfiger Mann, der mir damals schon uralt vorkam, obwohl er höchstens Ende vierzig war. Ich bilde mir ein, dass er einen großen ledernen Koffer trug. Er untersuchte mich, hörte mich ab, verschrieb Medikamente, beruhigte meine Mutter. Nach dem Besuch von Doktor Koker fühlte ich mich sofort besser. Ich kann mich nicht erinnern, dass er nach der Untersuchung Süßigkeiten verteilte, wie Ärzte das heute tun, um die Kinder für ihre Geduld zu belohnen. Mich beruhigte allein sein Besuch.

Ah, das ist wieder so eine nostalgische Ostgeschichte, mag mancher denken. Nein, ist es nicht. Es geht darum, warum es heute bestimmte Missstände oder Mängel gibt. Muss das so sein? Wie könnte man es besser machen?

Heute kommen Kinderärzte nicht zu Besuch, man kann froh sein, wenn man überhaupt eine Praxis findet, die neue Patienten aufnimmt. Eine Bekannte wandte sich neulich verzweifelt an mich. Ihr Bruder ziehe aus Süddeutschland in seine Heimat Pankow zurück und habe schon Dutzende Praxen im Bezirk und den angrenzenden Gegenden abtelefoniert. Patientenstopp, hieß es überall. Ich habe schon viele solcher Geschichten gehört, auch aus Treptow-Köpenick oder Marzahn-Hellersdorf. Eine andere Bekannte suchte nach einem Umzug nach Steglitz ein Jahr lang nach einem Kinderarzt. Das ist ein Desaster, wenn man bedenkt, wie oft man mit kleinen Kindern zum Arzt muss: Impfungen, Regeluntersuchungen, Infekte.

In der Zeitung las ich, dass die Kassenärztliche Vereinigung das Verteilungsverfahren ändern will, um mehr Fachärzte in den Osten zu locken. Von Kinderärzten, die nach Pankow kommen sollen, war allerdings nicht expliziert die Rede. Und man fragt sich, ob sich derzeit um den Mangel an Kinderärzten in der Stadt jemand kümmert oder ob alle mit Corona beschäftigt sind.

Einmal kam ein Kinderarzt zu uns zu Besuch. Da war meine Tochter gerade zwei Wochen alt, mein damals zweijähriger Sohn hatte Fieber und schrie vor Ohrenschmerzen. Es war Wochenende, ich war allein, ich konnte nicht aus dem Haus. Ich googelte einen Kinderarzt, der Hausbesuche macht. Es kam ein sehr netter Mann. Anschließend stellte er den Besuch mit 150 Euro in Rechnung. Ich hatte in der Aufregung nicht gesehen, dass ich einen privaten Dienst gebucht hatte.

Immerhin, die Wartezimmer als Virenschleudern fallen in diesem Winter offenbar weg. Ich erinnere mich, wie ich in den vergangenen Jahren jedes Mal nervös im Wartezimmer bei unserem Kinderarzt saß und fürchtete, dass sich die Kinder noch andere Viren einfangen. Neulich hatte mein Sohn einen Termin beim Kinderarzt. Vor der Tür warteten schon eine Reihe anderer Eltern mit ihren Kindern. Wegen Corona war das Wartezimmer auf die Straße verlegt worden. Drinnen frage ich den Arzt, wie das denn werden solle, wenn der Winter naht. Das Wartezimmer bleibe geschlossen, sagte er und empfahl, mit sehr kranken Kindern im Auto zu kommen und dann im Auto auf der Straße zu warten. Wahrscheinlich war mein Gesichtsausdruck ein bisschen skeptisch, jedenfalls sagte der Kinderarzt: „Aber immerhin haben Sie einen Kinderarzt, der ihre Kinder betreut.“ Da hatte er auch wieder recht.