Kinderkliniken an Karl Lauterbach: „Wir brauchen mehr Geld im System – jetzt!“

Eine Petition soll den Minister an sein Versprechen erinnern, für die Kinderheilkunde kurzfristig genug Geld bereitzustellen. Denn die Krise spitzt sich zu.

Eine Pflegekraft schiebt im Vivantes-Klinikum Neukölln ein Bett über den Gang.
Eine Pflegekraft schiebt im Vivantes-Klinikum Neukölln ein Bett über den Gang.Volkmar Otto

Da ist die Odyssee eines Achtjährigen, den die Intensivstation einer Berliner Kinderklinik nicht aufnehmen kann. Die Kapazitäten sind erschöpft, Betten wegen Personalmangel abgemeldet. Anderswo in der Stadt und deren Umland sieht es nicht besser aus. Ärzte und Pflegekräfte telefonieren Krankenhaus um Krankenhaus ab. Der Junge muss schließlich über die Autobahn nach Cottbus gebracht werden.

Da ist die Tortur eines Kindes mit schwersten Verbrennungen, das in der überlasteten Uniklinik Stuttgart nicht versorgt werden kann. Auch hier sucht das Personal lange, bis es den Patienten endlich im knapp 100 Kilometer entfernten Mannheimer Universitätskrankenhaus unterbringt. Alltag am Jahresende 2022 in Deutschland: Schwer erkrankte Kinder werden von Ort zu Ort transportiert. Operationen, geplant und zeitnah nötig, müssen wegen grassierender Infekte verschoben werden. Kinder leiden, Eltern verzweifeln – und Ärzte sagen jetzt: Stopp!

Sie haben eine Petition an den Bundestag aufgesetzt, Titel: „Versorgung kranker Kinder sichern – politische Versprechen halten – Kinderheilkunde stärken“ Mehr als 6700 Menschen haben binnen einer Woche bereits unterzeichnet. Das Quorum, um vor dem Petitionsausschuss gehört werden, liegt bei 50.000. Schon jetzt wollen die Ärzte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) an einen Satz im Koalitionsvertrag erinnern: „Kurzfristig sorgen wir für eine bedarfsgerechte, auskömmliche Finanzierung für Pädiatrie.“ Sie verweisen auf Vorschläge einer Regierungskommission, die Lauterbach eingesetzt hat und deren Ansätze sie für sinnvoll halten. In Angriff genommen wurde das Reformvorhaben bislang nicht, das ist der Vorwurf.

„Wir fordern mehr Geld im System. Woher dieses Geld kommt, muss die Politik klären“, sagt Jan Steffen Jürgensen, der die Petition mit angestoßen hat. Der Professor ist Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums Stuttgart, arbeitete zuvor 20 Jahre an der Berliner Charité, war somit für die beiden größten deutschen Kinderkliniken tätig. Jürgensen musste mit ansehen, wie binnen drei Jahrzehnten in der Pädiatrie hierzulande 40 Prozent der Krankenhausbetten abgebaut wurden. Diese Entwicklung führt jetzt zu massiven Problemen. 

Vivantes-Chef Danckert: „Wir brauchen dringend einen Systemwechsel“

Nahezu jedes deutsche Krankenhaus mit Kinder-Rettungsstelle verzeichnet seit Beginn der aktuellen RSV-Infektionswelle drastisch steigende Patientenzahlen. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI). In rund einem Drittel der Notaufnahmen stieg die Auslastung um 20 bis 40, in einem weiterem Drittel um 40 bis 60 Prozent. In 18 Prozent liegt sie sogar deutlicher darüber. Gleichzeitig bleiben Ärzte und Pflegepersonal nicht von Infekten verschont, Influenza und nach wie vor Corona führen zu Ausfällen auf den Stationen.

Solchen Belastungsspitzen ist das über Jahre ausgedünnte System nicht gewachsen. Vor allem private Träger zogen sich aus der stationären Versorgung zurück. Behandlungen von Kindern sind zeitaufwendig, lassen sich in kein Terminkorsett zwängen, anders als viele standardisierte Eingriffe bei Erwachsenen. Einen Dreijährigen zum Beispiel dazu zu überreden, sich in eine MRT-Röhre zu legen, kann dauern, erfordert geschultes Personal, kostet Geld. „Fast alle Kinderkliniken schreiben rote Zahlen“, sagt Jürgensen. Kommunale Träger übernehmen inzwischen die Hauptlast der Versorgung.

Johannes Danckert ist Vorsitzender des landeseigenen Berliner Klinikkonzerns Vivantes, der die Petition unterstützt. Er sagt: „Wir brauchen dringend einen Systemwechsel: Künftig müssen die Vorhaltekosten erstattet werden, Kinderkliniken also auch dafür bezahlt werden, dass sie da sind, wenn man sie braucht und nicht ausschließlich nach den behandelten Fällen.“ Allein in der Kinderrettungsstelle des Vivantes-Klinikums Neukölln werden pro Jahr 24.000 Kinder vorstellig. „Wenn Kinderkliniken keine Defizite mehr einfahren“, sagt Danckert, „können auf mittlere Sicht wieder mehr Kapazitäten in diesem Bereich entstehen und sich die Arbeitsbedingungen verbessern.“ Die Hoffnung des Managers: „Dann wird es auch gelingen, mehr Menschen für die Arbeit in der Kindermedizin zu begeistern.“

Das ist auch das öffentlich erklärte Ziel des Bundesgesundheitsministers. „Herr Lauterbach zeigt durchaus ein Problembewusstsein“, sagt Jan Steffen Jürgensen. „Leider sind die Maßnahmen, die er einleitet, nicht geeignet, seine Versprechungen wahrzumachen.“

Statt der Empfehlung der Regierungskommission zu folgen, erarbeitete Lauterbachs Ministerium einen eigenen Entwurf. Anfang dieses Monats verabschiedete der Bundestag das Krankenhauspflegeentlastungsgesetz. Es sieht für die kommenden zwei Jahre eine sogenannte Endbudgetierung vor: Kinderkliniken, die in diesem Zeitraum weniger Leistungen erbringen als noch 2019, sollen bis zu 20 Prozent der Differenz erstattet bekommen. „Kliniken, die ihre Leistungen im Sinne der kleinen Patienten steigern, müssen zusätzlich noch Abschläge befürchten“, heißt es in der Petition. 

Erwachsenen-Pflegekräfte auf Kinderstationen? „Als hätten die Langeweile.“

Unterstützt wird sie nicht nur von Klinikträgern wie Vivantes. Mehrere Verbände und Institutionen wie etwa die Deutsche Krankenhausgesellschaft solidarisieren sich. „Der Dachverband der großen pädiatrischen Vereinigungen steht hinter unseren Forderungen“, sagt Jürgensen.  „Kurzfristig“, auf dieses Wort in ihrer Forderung kommt es den Petenten im Moment besonders an. Und auf das Wort „bedarfsgerecht“. Den Ratschlag des Ministers Lauterbach, Betten wieder ans Netz zu bringen, indem Pflegekräfte aus der Erwachsenen-Medizin in Kinder-Abteilungen versetzt werden, sorgt daher für Kopfschütteln. Jürgensen sagt: „Als hätten die gerade Langeweile.“