Berlin - Die Zahlen verstören: 2020 hat die Polizei in Deutschland rund 18.760 Fälle von Kinderpornografie registriert. Das ist ein Anstieg von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eine Erklärung dafür ist, dass die Polizei mehr Hinweise bekommt. Aber Missbrauchsbilder werden auch immer öfter unter Minderjährigen über die sozialen Netzwerke geteilt. Die Zahl der bekannt gewordenen Vorfälle hat sich im vergangenen Jahr verfünffacht, auf 7.643 Fälle – was die Frage nach der Medienkompetenz des Nachwuchses aufwirft.

Experten schätzen die Dunkelziffer der nicht entdeckten Fälle siebenmal höher ein als die der bekannten Zahlen. Als die Polizei im April die Darknet-Plattform „Boystown“ knackte, bekam man eine Vorstellung vom Ausmaß dieser Kriminalität: Die Plattform, auf der auch schwerster sexueller Missbrauch von Kleinkindern gezeigt wurde, hatte 400.000 Mitglieder. In Worten: vierhunderttausend. Der Markt ist also riesig. Nicht zu Unrecht kam der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung am Mittwoch bei der Vorstellung dieser Zahlen zu dem Schluss, dass „ein Kipppunkt“ erreicht sei und den Behörden diese Kriminalität „zu entgleiten“ drohe.

Nordrhein-Westfalen hatte in letzter Zeit große Ermittlungserfolge. Auch die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ist eine Vorzeige-Institution. Doch ansonsten ist Deutschland nicht besonders gut aufgestellt. Die Polizeibehörden haben zu wenige Spezialisten für die Auswertung beschlagnahmter Computer, die sich deshalb oft über Monate hinzieht. Zu selten sind die Kompetenzen bei Staatsanwaltschaften und in Landeskriminalämtern gebündelt. Die Forderungen nach „Polizeistreifen“ im Internet gab es schon vor zehn Jahren, doch nur wenig passierte. Und solange das alles so ist, bleibt das Entdeckungsrisiko für die Täter niedrig.