Kinderpornografie: Erschreckend, was die Behörden alles nicht wissen

Coole Bilder im Klassenchat? Die Verbreitung von Bildern sexueller Gewalt gegen Kinder wächst und wächst. Ein Kommentar.

Nicht klar, was Kindern und Jugendlichen an härtester Gewalt begegnet.
Nicht klar, was Kindern und Jugendlichen an härtester Gewalt begegnet.dpa/Annette Riedl

Am Anfang eines Textes über Kinderpornografie steht oft der Wunsch, sich besonders drastisch auszudrücken. So auch hier. Die Zahlen steigen sprunghaft an – wieder mal. Die Erfolgsquote bei der Ermittlung von Tätern könnte besser sein. Und der Umstand, dass Erwachsene Kinder zu sexuellen Handlungen zwingen, damit solche Bilder entstehen, hinterlässt ein Gefühlswirrwarr aus Mitleid, Wut und Resignation.

Dies bildet im Zusammenhang mit den neuesten Erkenntnissen aus der polizeilichen Kriminalitätsstatistik allerdings nur eine Art Hintergrundmelodie. Bedenklicher ist, dass sich an den nackten Zahlen auch eine Entwicklung ablesen lässt, die, zumindest was die Verbreitung von Kinderpornografie betrifft, bedenkliche Dimensionen anzunehmen scheint.

Festmachen lässt sich das an einigen Zahlen. Abgesehen von der Tatsache, dass die Zahl der Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche sowie der Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch laut Polizeistatistik auf einem gleichbleibend hohen Niveau liegt, gibt es auch kräftigen Zuwachs – von zehn Prozent – bei Missbrauchsdarstellungen von Kindern und Jugendpornografie. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die selbst Missbrauchsdarstellungen und jugendpornografische Inhalte besaßen, herstellten, erwarben oder über die sozialen Medien weiterverbreiteten, in Deutschland seit 2018 mehr als verzwölffacht.

Diese Erkenntnisse sind gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Offenbar haben weder Ermittlungsbehörden noch Institutionen wie Schulen und auch Eltern bisher eine Antwort auf das Internet als Verbreitungsweg für Kinderpornografie gefunden. Zum anderen kann doch etwas nicht stimmen, wenn jetzt massenhaft Kinder und Jugendliche in der Täterkartei landen. Offenbar erhalten die Minderjährigen das kinderpornografische Material vor allem über Klassenchats und verbreiten es weiter.

Das vermutet man jedenfalls in den Behörden. Genaues weiß man aber nicht. Jedenfalls fielen am Dienstag, als der Chef des Bundeskriminalamts Holger Münch und die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung Kerstin Claus die neueste Auswertung der jüngsten polizeilichen Kriminalstatistik zu Zahlen kindlicher Gewaltopfer vorstellten, entsprechende Sätze, die den Beobachter einigermaßen sprachlos zurücklassen. Kerstin Claus sagte zum Beispiel: „Uns ist nicht klar, was Kindern und Jugendlichen an härtester Gewalt begegnet.“ Der BKA-Präsident beunruhigte mit dem Satz: „Wie hoch genau die Zahlen sind, weiß keiner.“

Großes Dunkelfeld beim Thema Kinderpornografie

Unwissenheit bei den zuständigen Behörden ist aber so ziemlich das Letzte, was man sich wünscht bei diesem Thema. Mit dem großen Dunkelfeld ist auch der Behördenchef unzufrieden. Zumal er nach Erkenntnissen aus den USA mit einem spürbaren Anstieg bei den Hinweisen auf Kinderpornografie rechnet.

Es wird höchste Zeit, dass sich da etwas ändert. Und es gibt ja Vorschläge. Eine Speicherung von IP-Adressen beispielweise, damit Täter identifizierbar werden. Mehr Personal und Geld für eine Dunkelfelderforschung. Die Verpflichtung von Plattformbetreibern, Missbrauchsdarstellungen aufzuspüren, anzuzeigen und aus der Weiterverbreitung zu löschen. BKA-Präsident Münch ist dafür, Bundesinnenministerin Nancy Faeser auch (SPD). Nun muss es nur noch geschehen. Möglichst schnell.