Sparkwell - Wer nach einer fast vierstündigen Zugfahrt ab London in der verschlafenen Stadt Plymouth aussteigt, merkt schnell, dass er in der englischen Provinz angekommen ist. Wer dann noch ein wenig ins Landesinnere fährt, in Richtung der kargen Moor- und Wiesenlandschaft von Dartmoor, der wird sich schnell weit von all dem Lärm und den Gefahren einer Großstadt fühlen. Im winzigen Örtchen Sparkwell herrscht nachts Totenstille. Zumindest solange die Löwen nicht brüllen.

Die Löwen vom Dartmoor entstammen – anders als der Hund der Baskervilles – nicht einem „Sherlock Holmes“-Roman, sondern leben im Dartmoor Zoological Park. Sie teilen sich dort rund zwölf Hektar mit 76 anderen Tierarten und mit der Familie Mee, der alle 240 Tiere verdanken, dass sie überhaupt noch ein Zuhause haben.

Als der Journalist Benjamin Mee vor rund sieben Jahren im Süden Englands nach Immobilien suchte, hielt er eigentlich nur Ausschau nach einem potenziellen Alterswohnsitz für seine frisch verwitwete Mutter. Benjamin Mee, seine Frau Katherine und die beiden Kinder Milo und Ella lebten eigentlich in Südfrankreich, wo sie sich „pudelwohl fühlten“. „Wir waren damals überhaupt nicht auf der Suche nach einer Veränderung“, erinnert sich Mee. Doch dann landete das Angebot für das Landhaus in Sparkwell, zu dem eben auch ein heruntergewirtschafteter Zoo gehörte, auf seinem Schreibtisch und das Leben des Benjamin Mee sollte sich für immer verändern.

Kampf gegen Schulden

Über den Einzug der Familie in diese neue Lebenswelt, den Kampf um die Wiedereröffnung des Zoos, über schwierige Behörden und tierische Katastrophen, wie einen ausgebrochenen Jaguar, und über die schmerzliche Erfahrung des Krebstods seiner Frau schrieb Mee ein Buch. In Deutschland ist seine Geschichte unter dem Titel „Wir kaufen einen Zoo“ erschienen, ein darauf basierender Film mit dem gleichnamigen Titel läuft dieser Tage in unseren Kinos.

Doch während Stars wie Matt Damon und Scarlett Johansson in den Hauptrollen die Hollywood-Version von Mees großem Abenteuer spielen, kämpft der Autor noch immer gegen Schulden und bewältigt gemeinsam mit seinen Kindern und seiner Mutter den Alltag inmitten von wilden Tieren.

Als Benjamin Mee das Anwesen in Sparkwell übernahm, hatte er vom Führen eines Betriebes noch weniger Ahnung als von der Aufzucht und der Pflege wilder Tiere. In London hatte Mee zunächst Psychologie mit Schwerpunkt Tierintelligenz studiert und anschließend Wissenschaftsjournalismus. Später verfasste er Gesundheitskolumnen und Abenteuer-Reportagen. Auf das Leben als Zoo-Chef war er also nicht wirklich vorbereitet. Doch als Mee vor der Entscheidung stand, sein altes Leben weiter zu führen, oder sich auf ein Wagnis einzulassen, hat die Abenteuerlust gesiegt. „Irgendjemand musste diesen Zoo kaufen. Warum also nicht wir?“, erinnert er der 47-Jährige.

Die Stachelschwein-Erfahrung

Wäre Mee damals nicht eingesprungen, hätten die Angestellten auf der Straße gegessen und die meisten Tieren wären eingeschläfert worden. Wenn man ihn heute fragt, welche Eigenschaften ein Mensch mitbringen muss, um die Verantwortung für Raubkatzen, Affen und wilde Vögel zu übernehmen, antwortet Mee: „Impulsiv und dickköpfig sind wohl gute Adjektive, um mich zu beschreiben“. Mutig allerdings sei er nicht, beharrt der Zoo-Direktor, schließlich habe er sich nicht blindlings in die Sache gestürzt. „Im Vorfeld haben ich viel recherchiert und gerechnet“, sagt Mee.

Doch vieles, was er später mit seinen Tieren erlebte, konnte er im Vorfeld weder recherchieren noch berechnen. Zum Beispiel die Erfahrung mit Stachelschweinen. Als Mee dem Stachleschweingehege einen Begrüßungsbesuch abstatteten wollte, plusterte sich das Männchen auf und erschreckte Mee so sehr, dass er Reißaus nahm. „In meiner Hilflosigkeit bin ich sogar über die Mauer des Geheges gesprungen – und in den Brennnesseln gelandet“, erinnert er sich und lacht.

Unvergesslich für ihn war auch der Moment, als er realisierte, dass er nun Besitzer von Löwen und Tigern war. „Es war ein erhebendes Gefühl“, sagt Mee, der schon als Kind Katzen für ihre Intelligenz bewunderte. Heute frisst ihm sein Tiger manchmal sogar aus der Hand.

Wer mit Benjamin Mee durch seinen sattgrünen Wald-Zoo spaziert, spürt wie glücklich der ehemalige Journalist ist. Am Schreibtisch eines Londoner Bürogebäudes kann man sich den hemdsärmlig-zupackenden Typen mit seiner Wollmütze und dem grauen Dreitagebart kaum noch vorstellen. Zu sehr genießt Mee es die Braunbären mit Äpfeln aus ihren Schlafstätten zu locken oder das Laub aus dem trüben Wasser des Otterbeckens zu fischen.

Hoffen auf mehr Besucher

Rückblickend ist Mee zufrieden mit dem, was er und seine Familie geschafft haben. Rund 100 000 Besucher kommen jährlich in den Zoo, das ist ein Erfolg, aber nicht genug. „Seit wir den Betrieb übernommen haben, waren wir noch keinen Tag schuldenfrei“, gesteht Mee. 2010 stand der Dartmoor Zoological Park in der Weltwirtschaftskrise schon kurz vor der Schließung.

Der Verkauf der Filmrechte seines Buches brachte Mees Projekt damals über den Winter, jetzt erhofft er sich auch etwas vom Kinostart. Als vor einiger Zeit auf einem alten Landgut eine Szene für „Alice im Wunderland“ gedreht wurde, kamen im Jahr darauf fünfmal mehr Besucher. Für Mee wäre ein vergleichbarer Effekt Gold wert.

Dafür nimmt er auch in Kauf, dass Regisseur Cameron Crowe den Zoo nach Kalifornien verlegt und sich überhaupt allerlei Freiheiten herausgenommen hat. Am Ende war Mee aber zufrieden: „Das Wesentliche des Buchs ist erhalten geblieben“. Jetzt hofft er auf den Hollywood-Ruhm. Am liebsten hätte er ein Foto von sich neben Matt Damon, auf dem der Star das T-Shirt des Zoos trägt. „Bessere Werbung kann es doch nicht geben“, meint Mee und träumt schon von der nächsten Neuanschaffung für den Tierpark: „Eine Giraffe wäre noch schön“.