London - Im Alter von 15 Jahren verschlug es Emma Stone vom verschlafenen Arizona nach Hollywood, wo sie sich zunächst mit Gastrollen in Fernsehserien durchschlug. Ihre erste Kinorolle spielte sie schließlich in dem Überraschungserfolg „Superbad“. Mit so unterschiedlichen Filmen wie „Einfach zu haben“, „Crazy Stupid Love“, „The Amazing Spider-Man“ oder „The Help“ wurde sie zum Superstar, für das Musical „La La Land“ gewann die als Emily Jean Stone geborene Ex-Freundin von Andrew Garfield ihren ersten Oscar. Für den wichtigsten Filmpreis der Welt wurde sie nun für ihren neuen Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ ein weiteres Mal nominiert. Wir trafen die 30-jährige anlässlich des Kostümdramas von Yorgos Lanthimos in London zum Interview.

Ms. Stone, Sie und Ihre beiden Kolleginnen Olivia Colman und Rachel Weisz spielen in „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ drei Frauen, wie man Sie nicht nur in Kostümfilmen, sondern allgemein im Kino nicht alle Tage sieht. War der Film auch für Sie als Schauspielerin ein ungewöhnliches Projekt?

Das können Sie wohl sagen. Die ersten paar Seiten des Drehbuchs wirkten noch einigermaßen herkömmlich, wobei ich schnell begeistert war davon, wie komplex vor allem die Rollen von Olivia und Rachel sich entwickelten. Meine dagegen erschien erst einmal unschuldig und lieb. Aber ich hatte ja keine Ahnung, was da noch auf mich zu kam! Wahnsinn, wie facettenreich und aufregend diese Frauenfiguren waren. Ich kroch gerade zu auf Knien vor dem Regisseur Yorgos Lanthimos, damit ich die Rolle auch wirklich bekam. Denn so etwas gibt es viel zu selten.

Starke Frauenfiguren?

Nein, nicht starke Frauenfiguren. Gegen diese Bezeichnung hat Rachel neulich sehr zu Recht protestiert. Denn der wird bei Rollen für Frauen ständig angeführt, wenn sie mal mehr sind als die brave Hausfrau. Während gleichzeitig von „starken Männern“ höchstens die Rede ist, wenn es um Bodybuilder geht. Der springende Punkt ist, dass wir nach Figuren suchen, die dreidimensional sind und mehr als bloß eine Eigenschaft haben. Die Frauen in „The Favourite“ sind stark und schwach, sexy und witzig, böse und ängstlich. Eben einfach menschlich. Und ja, solche Rollen gibt es für uns Schauspielerinnen deprimierend viel weniger als für unsere männlichen Kollegen.

Da ist es dann sicherlich eine gewisse Genugtuung, dass in „The Favourite“ tatsächlich die Männer kaum mehr sind als Stichwortgeber, oder?

Auch darum geht es überhaupt nicht. Tut mir leid, wenn ich mir hier so aufrege, aber bei dem Thema komme ich schnell in Rage. Denn ich kann Ihnen 60 000 Filme aufzählen, in denen Frauen nicht viel zu sagen haben, ohne dass sich daran jemand groß gestört hätte. Aber kaum stehen mal drei Frauen im Zentrum, kommen Fragen nach den Männern! Dabei sollte es doch eigentlich nur darum gehen, dass wir uns endlich mal langsam einer 50/50-Verteilung annähern, was Geschichten über Männer und Frauen angeht.

Stellte es für Sie als Amerikanerin eine besondere Herausforderung dar, eine britische Hofdame zu spielen?

Ich habe mich auf jeden Fall sehr ins Zeug gelegt, den britischen Akzent überzeugend hinzubekommen, und schon für mein Vorsprechen mit einem Sprachcoach zusammengearbeitet. Was auch gut war, denn Yorgos hat mich da richtig auf die Probe gestellt. Er ließ mich die ganze Zeit Situationen improvisieren, um meinen Rhythmus und meine Atmung durcheinander zu bringen. Aus heiterem Himmel musste ich zum Beispiel plötzlich eine Geburtsszene vorspielen. Einfach weil er testen wollte, ob ich das britische Englisch auch dann noch drauf habe, wenn ich aus dem Konzept gebracht werde.

Ist eine solche sprachliche Umstellung der Schlüssel, um sich eine solche Figur aus einer anderen Ära zu erarbeiten?

Ein Schlüssel, würde ich sagen. Mindestens genauso wichtig fand ich zum Beispiel die Kostüme. „The Favourite“ ist ja mein erster echter Historienfilm, also hatte ich auch zum ersten Mal ein richtiges Korsett an. Das fand ich schon spannend, wie sich dadurch dein Atmen und deine Körperhaltung verändern. Und sich das im Laufe eines Drehtages auch auf die Stimmung auswirkt. Man begreift plötzlich sehr eindrücklich, wie Frauen in jener Zeit in ihrer Kleidung buchstäblich gefangen waren. Man wurde in diese Dinge eingeschnürt und fühlt sich zwangsläufig ausgebremst und eingeschränkt, weil man immer kurz vor der Ohnmacht ist, vor allem solange der Körper und vor allem die Organe sich an diese unnatürliche Enge noch nicht gewöhnt haben.

Wir wollen hier natürlich nicht zu viel verraten, welche Persönlichkeit Ihre Figur im Film schließlich an den Tag legt. Aber ganz allgemein: ist Ihre Rollenauswahl der letzten Zeit eine bewusste Rebellion gegen das liebe, süße Image, das Sie bislang hatten?

Sagen wir mal so: ich habe wirklich eine ganze Weile lang viele Rollen gespielt, in denen ich das nette Mädchen war. Aber ich würde nicht behaupten, dass ich dagegen bewusst rebelliert habe. Eher ist das ein natürlicher Reifeprozess, den ich gerade durchmache. Ich bin halt keine süße 21 Jahre mehr, was auch bedeutet, dass sich beruflich ein paar neue Möglichkeiten auftun und Herausforderungen ergeben.

Liegt das denn nur am Alter oder nicht auch am Erfolg?

Wahrscheinlich an einer Mischung aus beidem. Ich würde schon denken, dass eine gewisse Reife einen als Schauspielerin weiterbringt. Aber sicherlich ist der Erfolg mindestens genauso wichtig. Irgendwann einen Punkt zu erreichen, wo man ich mich wirklich bewusst für oder gegen eine Rolle entscheiden konnte statt vor allem daran denken zu müssen, wie ich die Miete bezahle, das war schon ein tolle Gefühl. Und noch großartiger war es kürzlich, als ich bei der Netflix-Serie „Maniac“ erstmals auch als Produzentin tätig war. Als Schauspielerin fühlt man sich ja oft wie ein kleines Rädchen im Getriebe, da war es eine erfrischende Abwechslung, auch mal meine eigene Stimme in den kreativen Entstehungsprozess einbringen zu dürfen.

Wo Sie „Maniac“ gerade erwähnen, wo Sie ja auch die weibliche Hauptrolle spielen: war es Ihr Traum, auch endlich mal in einer Serie mitzuspielen?

Nein, das war es gar nicht. Ich hatte einfach große Lust, mit Cary Fukunaga zusammenzuarbeiten, der die Serie verantwortete. Und mit Jonah Hill, der als männlicher Hauptdarsteller engagiert wurde, bin ich befreundet, seit wir vor vielen Jahren zum ersten Mal bei „Superbad“ zusammen gearbeitet hatten. Die Sache fühlte sich also wie etwas an, zu dem man kaum nein sagen konnte. Wobei ich da noch gar nicht abschätzen konnte, was für eine verrückte Sache „Maniac“ werden würde. Erst während der Dreharbeiten wurde mir klar, dass wir uns alle paar Szenen Dinge trauten, die sonst in Film oder Fernsehen eigentlich fast undenkbar sind. Das hat sehr viel Spaß gemacht!