Pfarrer Philipp Werner nimmt in seiner Pfarrkirche ein Video für die Video-Plattform YouTube auf. Die Corona-Krise hat der katholischen Kirche in Bayern einen riesigen Digitalisierungsschub gegeben.
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MünchenWenn Pfarrer Philipp Werner in diesen Tagen durch Poing läuft, eine Gemeinde im Speckgürtel von München, dann hat er oft seinen Kameramann dabei. Sie stellen sich an Wegkreuzen auf, vor der Kirche, auf einer Streuobstwiese oder an einem Strandkorb – und drehen YouTube-Videos. Zusammen mit einem 17 Jahre alten Gymnasiasten hat Werner inzwischen Dutzende solcher Videos produziert. Im YouTube-Kanal der Pfarrgemeinde stehen sie online.

Schon kurz nach dem Lockdown reifte bei dem Geistlichen die Idee. „Wir haben uns gefragt: Wie, um Himmels willen, können wir den Kontakt zur Gemeinde halten, wenn wir keine Gottesdienste mehr feiern dürfen?“ Ein Livestream von Messen direkt aus der Kirche sei keine Option gewesen. „Uns fehlt da nicht nur das Equipment“, sagt Pfarrer Werner. „Wir haben in der neuen Kirche nicht mal einen Telefonanschluss.“

Die Drehorte für die Clips befinden sich immer im Gemeindegebiet – als Wiedererkennungswert für die Gläubigen, die sich im Lockdown nur eingeschränkt draußen bewegen durften. „Wir haben dazugelernt“, sagt Werner. „Am Anfang waren die Videos viel zu lang. Inzwischen wissen wir: Zwei Minuten reichen.“

Vor allem ein Filmchen, in dem er Kommunionkindern von einem Strandkorb aus die Beichte erklärt, habe „gerockt“. Knapp 350-mal wurde es aufgerufen – für die Kirche ist das schon einiges. „Ich war sehr überrascht, als ein Pfarrer aus Norddeutschland mich angerufen und gefragt hat, ob er Gedanken aus meinem Video in seiner Predigt aufgreifen darf. Da ist mir erst klar geworden, dass das Ganze auch ausstrahlt.“

Der Kommunikationswissenschaftler Markus Wiesenberg von der Universität Leipzig arbeitet gerade im Auftrag der Medienberatung der Deutschen Bischofskonferenz an einer Studie über die Online-Aktivitäten der beiden Großkirchen in Deutschland in der Corona-Krise. Wiesenberg sieht zwar einen leichten Digitalisierungsschub – allerdings sei das Niveau auch so niedrig gewesen, dass der Schub längst nicht reiche.

„Die evangelische Kirche ist da sicher schon etwas weiter als die katholische“, meint der Experte. „Aber insgesamt gilt bei beiden eher: Bedenken first und Digital second.“ Außerdem zweifelt er, dass die Anstöße aus der Krisenzeit wirklich auf Dauer etwas ändern. „Man sieht deutlich eine Zunahme der Online-Aktivitäten in den Monaten März und April. Aber das geht schon wieder deutlich zurück.“

Gottesdienste online: Millionen nutzen Live-Übertragungen

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, gibt sich hingegen überzeugt: „Der Gottesdienst ist nach der Corona-Pandemie spürbar facettenreicher geworden.“ Viele Gemeinden hätten sich angesichts der Versammlungsverbote zu Beginn sehr schnell digital auf den Weg gemacht und Neues ausprobiert. Dadurch werde sich die Kirche insgesamt ändern.

„Sie wird bunter und vielfältiger sein“, meint Bedford-Strohm. „Vielleicht blicken wir irgendwann auf diese Zeit zurück und sehen, dass sie uns zu nachhaltigen Innovationsschüben verholfen hat.“ Allerdings könnten die digitalen Formate die persönliche Begegnung in den Kirchen nicht ersetzen. Eine repräsentative Studie in vier evangelischen Landeskirchen für die EKD ergab, dass auf dem Höhepunkt der Krise 81 Prozent der Gemeinden Gottesdienste oder Andachten in Online-Formaten anboten. Auf diese Weise wurden mehr Gläubige erreicht als Kirchgänger zu normalen Zeiten.

Von einem „Quantensprung“ spricht der Kommunikationschef des katholischen Erzbistums München und Freising, Bernhard Kellner. „Wir erreichen damit Menschen, die wir sonst wahrscheinlich nicht erreicht hätten. Das macht uns Hoffnung.“ Zum Beispiel hätten seit dem Lockdown 1,5 Millionen Nutzer die Live-Übertragungen von Gottesdiensten aus der Münchner Frauenkirche im Internet verfolgt. „Im Schnitt haben wir etwa 7500 Zuschauer an einem Werktag und rund 13.000 an Sonn- und Feiertagen.“

Auch wenn es inzwischen wieder Gottesdienste mit Publikum gibt – Pfarrer Werner will seine Internetpräsenz nicht aufgeben: „Wir sind hier auf etwas gestoßen, das uns offensichtlich ganz andere Menschen und Ansichten erschließen kann. Ich glaube, das ist ein gutes Werkzeug zur Evangelisierung.“ Oder, wie Kellner sagt: „Petrus und Paulus wären auch bei Facebook und Twitter gewesen. Ganz sicher.“