Frühkindliche Bildungsziele werden in den Kitas selten erreicht.
Foto: dpa/Uwe Anspach

Berlin. Die deutsche Kita-Landschaft bleibt eine Baustelle. Trotz Verbesserungen in Sachen Personal und Investitionen gibt es in der Qualität noch viel Luft nach oben. Das geht aus einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor.

Durch Personalknappheit und zu große Gruppen können die Erzieherinnen und Erzieher ihren eigenen Bildungsanspruch oft nicht einlösen. Eine deutliche Trennlinie verläuft zwischen Ost und West in der Kita-Qualität. Während der Betreuungsschlüssel in Westdeutschland über dem im Osten liegt, hat der Osten beim qualifizierten Personal und den Gruppengrößen die Nase vorn.

Gruppengröße verbessert, aber nicht ideal

In 84 Prozent der Berliner Kitas gab es im März 2019 keinen kindgerechten Personalschlüssel. So betreut eine Fachkraft in Krippengruppen durchschnittlich 5,6 Kinder, in Kindergartengruppen 8,4 Kinder. Diese Zahlen erreichen nicht das von Experten empfohlenen Betreuungsverhältnis von drei Kindern pro Fachkraft in der Krippe sowie 7,5 Kindern im Kindergarten.

Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung widerspricht diesen Zahlen. „Die Angaben zum Betreuungsschlüssel decken sich nicht mit unseren Zahlen. Berlin finanziere bei Kindern unter 2 Jahren einen Betreuungsschlüssel von je einer Fachkraft zu 3,75 Kindern und bei 2-bis-3-Jährigen einen Schlüssel von 1:4,75, teilte eine Sprecherin mit. Die Bertelsmann-Stiftung beruft sich jedoch auf offizielle amtliche Statistiken.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: Bertelsmann Stiftung, dpa

Neben dem Personalschlüssel nimmt die Studie auch das Qualifikationsniveau der Erzieherinnen sowie die Gruppengrößen ins Visier. In Brandenburg haben 68 Prozent, in Berlin immerhin 71 Prozent aller Kindergruppen eine kindgerechte Größe.

Das Qualifikationsniveau der Berliner Erzieherinnen liegt auf mittlerem Niveau. 71 Prozent der 32.600 pädagogischen Kräfte verfügen über eine Erzieherausbildung. Während Berlin damit über dem westdeutschen Durchschnitt von 66 Prozent liegt, ist es im Vergleich zu ostdeutschen Ländern das Schlusslicht.

In den ostdeutschen Ländern arbeiten nur zwei Prozent der Fachkräfte auf Assistenzniveau, im Westen hingegen sind es 16 Prozent. Die höchste Anzahl an Assistenzkräften hat Bayern mit 37 Prozent. „Das liegt an den historisch gewachsenen Strukturen“ begründete Anette Stein, Sprecherin der Bertelsmann-Stiftung. So geben die Ostdeutschen ihre Kinder seit Jahrzehnten vermehrt in Kitas, um arbeiten zu können.

Durch den Personalmangel, so schreibt die Bertelsmann-Stiftung, sei es den Erzieherinnen oftmals nicht möglich, individuell auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Frühkindliche Bildungsziele können somit nicht erreicht werden.

Politiker und Eltern fordern bessere Bezahlung und Finanzierungsmodelle 

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb eine Qualitätsoffensive. „Nach dem quantitativen Ausbau der frühkindlichen Bildung muss jetzt ein Qualitätsschub folgen. Der Fachkräftemangel in den Kitas führt zu Qualitätsverlusten“, kommentierte Björn Köhler, GEW-Vorstandsmitglied, die Studie. „Es ist ein Skandal, dass Chancen auf einen guten Einstieg ins Bildungssystem und damit auf Lebensperspektiven immer noch vom Wohnort der Kinder abhängen.“ Er fordert, den Beruf der Erzieherin durch ein höheres Gehalt und eine Ausbildungsvergütung attraktiver zu machen. Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der Berliner FDP-Fraktion, schlägt in dieselbe Kerbe. „Die Bezahlung ist weiterhin ungenügend, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt schwer.“ Außerdem fordert er, Kita-Gründungen zu vereinfachen und „Vorschriften zu entschlacken“.

Die Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses Kita, Corinna Balkow, sieht in einem höheren Gehalt nicht das Allheilmittel. „Man muss dafür sorgen, dass Leute, die ihre Arbeit gut machen wollen, sie auch gut machen können. Dazu zählen Fortbildungen, gute Räumlichkeiten und das Arbeitsumfeld.“ Zudem fordert sie Finanzierungsmodelle für Seiteneinsteiger. „Früher haben die Auszubildenden gleich nach der Schule den Beruf gelernt und dabei noch zu Hause gewohnt. Heute haben wir eine andere Realität.“

Der Bildungssenat sieht in der Datenlage der Studie vom März 2019 ein grundsätzliches Problem. So seien manche Ergebnisse bereits überholt, Forderungen bereits umgesetzt. „Berlin hat in den vergangenen Jahren zeitgleich mit dem massiven Platzausbau ganz erheblich in die Kita-Qualität investiert. Der Betreuungsschlüssel wurde viermal in Folge verbessert. Wir haben zudem die Kita-Leitungen gestärkt und ermöglicht, dass sie durch Verwaltungskräfte entlastet werden“, erklärte Bildungssenatorin Sandra Scheeres.