V. l.: Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Anuna De Wever und Adélaïde Charlier auf der Pressekonferenz im HKW.
Foto: dpa/Kay Nietfeld

BerlinEs ist eine ungewöhnliche Szene: Die Terrasse des Haus der Kulturen der Welt (HKW), ein Ort, wo normalerweise eher vornehme Kulturveranstaltungen wie die avantgardistische Lese- und Konzertreihe „20 Sunsets“ stattfinden, wird zum Schauplatz einer Auseinandersetzung von weltpolitischem Ausmaß. Lokale und  internationale Journalisten-Teams haben sich zur Pressekonferenz mit vier jungen Klimaaktivistinnen zusammengefunden, die kurz zuvor, nur einen Steinwurf entfernt, im Kanzleramt zu einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geladen waren. 

Eine der vier sticht dabei besonders hervor: Die für den Friedensnobelpreis nominierte 17-jährige Schwedin Greta Thunberg, die mit ihrem ungebrochen-aufrichtigen Einsatz für Klimabelange die ikonische Stimme der Klima-Protestbewegung Fridays for Future geworden war und Millionen von Menschen zum Umdenken in Klimafragen inspirierte.

Neben ihr auf dem Podium sitzt die wohl bekannteste deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die Anfang diesen Jahres unter anderem dadurch Schlagzeilen machte, dass sie ein Angebot des Siemens-Vorsitzenden Joe Kaeser für einen Sitz im „Aufsichtsgremium für Umweltfragen“ mit der Begründung ausschlug, dass sie die Aktivitäten des Konzerns dann nicht mehr unabhängig kommentieren könnte: Neubauer bewies also mit nur 24 Jahren politische Prinzipientreue.

Außerdem waren zwei belgische Aktivistinnen, Anuna De Wever und Adélaïde Charlier, vertreten. Beide sind unter 20 und ausdrucksstarke Mitstreiterinnen in Klimafragen. Anlass des Treffens mit Angela Merkel war ein offener Brief der Aktivistinnen an die Staats- und Regierungschefs der EU – mit der Mahnung, die Klimaziele der Staatengemeinschaft müssten gründlich nachgeschärft werden.

„Worauf es ankommt ist, dass die Klimakrise wie jede andere Krise behandelt wird“, sagt Thunberg auf dem Podium, „daher haben wir Merkel wissen lassen, dass wir Führungspersönlichkeiten brauchen, die aus ihren Komfortzonen heraustreten, die Prioritäten für die Zukunft setzen und die mutig genug sind, Verantwortung für uns alle zu übernehmen.“ Es sei jedoch jeder Einzelne angehalten, Führung zu übernehmen, insbesondere privilegiertere Bürger in Demokratien. „Es wird ja oft gesagt, dass wir alle im selben Boot sitzen. Das stimmt, jeder von uns wird von der Klimakrise betroffen sein, aber manche reisen eben Business Class.“

Neubauer wird etwas konkreter: „Es war ein langes Gespräch und es wurde sehr deutlich, dass wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Was wir fordern, ist nicht mehr und nicht weniger als die Übersetzung des Pariser Abkommens in konkrete Politik. Es geht nicht darum, was wir persönlich mögen oder denken: Die Politik muss nach Maßstäben der Wissenschaft gemacht werden.“

V. l.: Luisa Neubauer, Greta Thunberg, Anuna De Wever und Adélaïde Charlier auf der Pressekonferenz im HKW.
Foto: Hanno Hauenstein

Das Datum des Gesprächs mit Merkel war nicht zufällig gewählt: Genau zwei Jahre ist es her, seit der erste „Fridays for Future“-Schulstreik stattfand. Auf dem Höhepunkt der Streiks im Spätsommer letzten Jahres hatten sich weltweit an die sechs Millionen Menschen den Protesten angeschlossen. Dass es ausgerechnet Merkel ist, an die die Klimaaktivistinnen sich richteten, ist ebenso kein Zufall. Einerseits ist Krisenbewältigung eine Stärke, für die sie auch außerhalb Deutschlands berühmt ist. Andererseits versteht sie die Wissenschaft hinter den Zahlen. „Als Politikerin weiß sie um die Komplexität und Herausforderung der Thematik“, sagt Neubauer, „und sie hat bestätigt, dass sie bereit ist, die Sache anzupacken. Letztendlich geht es um Taten, nicht nur um Worte.“

Adélaïde Charlier ergänzte, es sei wichtig gewesen, Merkel während der sechs Monate zu treffen, in denen Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Es solle Druck gemacht werden in der EU. „Wir wollen sicherstellen, dass unsere Ziele in der EU eine höhere Priorität erhalten. Momentan wird die Vereinbarung von Paris schlicht nicht eingehalten.“

Dass das alles einfach ist, erwartet offenbar keine der Aktivistinnen: „Es ist eine sehr komplexe politische Situation“, sagt Neubauer. „Die Interessen künftiger Generationen mit denen der heutigen Generation in Einklang zu bringen ist eine gewaltige Herausforderung. Wir verlangen sehr viel, das wissen wir. Aber wir brauchen Demokratien, die sich dieser Herausforderung stellen.“