Alltagsbegleiter Maske: Die Corona-Pandemie erfordert Krisenmanagement im Schnelldurchlauf, die Folgen des Klimawandels treffen die Menschheit mit voller Wucht erst in ein paar Jahrzehnten. Gerade dieser Unterschied macht den Vergleich beider Krisen so interessant.
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Potsdam Im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beschäftigt man sich eigentlich mit den Auswirkungen des Klimawandels und nicht mit der Corona-Krise. In einer Studie denken Wissenschaftler des PIK die beiden Großkrisen nun jedoch zusammen. „Corona and the Climate: A Comparison of Two Emergencies” (Etwa: Corona und Klima: Ein Vergleich zweier Bedrohungen) heißt der Text, der in der Zeitschrift Global Sustainability veröffentlicht wurde. Der Ansatz: Der Verlauf der Pandemie könnte aufschlussreich sein für den weiteren Umgang mit dem Klimawandel.

„Die strukturellen Ähnlichkeiten beider Krisen sind auffällig“, sagt Kira Vinke, die Hauptautorin der Veröffentlichung: Die Pandemie und der Klimawandel seien globale Phänomene, die das Alltagsleben von Milliarden von Menschen betreffen, die die Wirtschaft bedrohen und besonders das Leben von Menschen, die ohnehin schon marginalisiert sind. Beide Ereignisse sind auf den zerstörerischen Umgang der Menschen mit der Natur zurückzuführen: Ohne unseren exzessiven Gebrauch fossiler Energien würde sich die Erde nicht so dramatisch aufheizen. Und ohne Märkte, auf denen lebende Wildtiere verkauft werden, hätte es das Virus bedeutend schwerer gehabt, von einem Tier auf den Menschen überzuspringen.

Interessant wird der Vergleich von Corona und Klimawandel aber vor allem wegen eines entscheidenden Unterschiedes - der Zeit, in der sich die Krisen entfalten. Der Klimawandel ist zwar jetzt schon spürbar, mit voller Wucht werden die Folgen der Klimaerwärmung uns aber erst in 30 oder 50 Jahren treffen. Falls die Menschheit als Ganzes nicht doch noch das Ruder herumreißt, fossilen Energien abschwört und einen nachhaltigen Lebensstil adaptiert.

Die Corona-Krise dagegen hat die Welt Anfang des Jahres wie eine Tsunami-Welle überrollt und seither nicht wieder losgelassen. Überall kann man im Schnelldurchlauf beobachten, ob das Krisenmanagement greift oder eben nicht. „Wegen des viel schnelleren zeitlichen Ablaufs lassen sich aus dem Vorgehen bei der Corona-Krise Rückschlüsse auf ein mögliches Vorgehen gegen den Klimawandel ziehen“, sagt Vinke.

Eine Schlussfolgerung des Krisenvergleichs könnte sein, dass wir noch viel tiefer im Schlamassel sitzen als ohnehin schon befürchtet: Schließlich bringt die aktuelle Krise nationale Egoismen zum Vorschein, die sich im Kampf um knappe Schutzkleidung oder um die ersten Kontingente eines noch zu entwickelnden Impfstoffes zeigen. Wenn jetzt schon fast jedes Land sein eigenes Süppchen kocht, wie soll die Weltgemeinschaft dann gemeinsam die noch größere Klimakrise in den Griff bekommen? Und dann ist da noch das offensichtliche und zum Teil mutwillige Versagen der politischen Führungen: Donald Trump und Jair Bolsonaro leugnen die Gefahr des Coronavirus, sie diskreditieren ihre führenden Wissenschaftler, obwohl in beiden Ländern schon mehr als 100.000 Menschen an Covid-19 gestorben sind, in den USA sind es schon fast 200.000. Auch wenn beide wegen des kurzen zeitlichen Ablaufs politisch dafür zur Verantwortung gezogen werden könnten. Welchen Anreiz sollten sie dann haben, ernsthaft gegen den Klimawandel vorzugehen, deren harte Auswirkungen erst ihre Kinder und Enkelkinder treffen?

Die Autoren ziehen in der Vergleichsstudie trotzdem ein optimistischeres Fazit: „Der Umgang mit der Pandemie hat ja eben auch gezeigt, dass wir die globale Krise in den Griff bekommen und die Schäden minimieren können, wenn wir rechtzeitig und entschlossen handeln“, sagt Kira Vinke. In Deutschland und anderen Ländern, in denen es auch wegen effektiven Krisenmanagements nicht zu einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems gekommen sei, könne daraus die Erkenntnis wachsen, dass es tatsächlich etwas bringe, gegen eine Krise vorzugehen. „In der Pandemie zeigt sich, dass das Verhalten jedes Einzelnen wichtig für den Ausgang der Krise ist“, sagt Vinke. In Deutschland erscheint die Pandemie auch deshalb für den Moment beherrschbar, weil sich die große Mehrheit der Bevölkerung an Maskenpflicht und Abstandsregeln hält. Die Verantwortung des Einzelnen kann auch ein wichtiger Lerneffekt sein. Schließlich wird das Nichthandeln gegen die Klimakrise häufig damit begründet, dass man auf individueller Ebene ohnehin nichts erreichen könne.

Das Scheitern des Krisenmanagements in bestimmten Regionen mag ebenfalls wichtige Erkenntnisse für die Zukunft liefern. „Die Pandemie macht deutlich, dass es wenig bringt, die Gegenmaßnahmen erst dann einzuleiten, wenn der Schaden schon eingetreten ist“, so Vinke. Das Kollabieren des Systems lässt sich dann auch mit größten Anstrengungen nicht mehr verhindern.

Noch eine wichtige Erkenntnis: „Die Wissenschaft kann eine wichtige Rolle bei der Lösung des Problems spielen“, sagt Vinke. Forscher sind in der Lage, Vorhersagen über die Entwicklung einer Krise und die Größe des zu erwartenden Schadens zu treffen und auch mögliche Gegenstrategien auszuarbeiten. Und wie sich bei der Entwicklung der Corona-Pandemie zeigt, liegen sie mit ihren Prognosen oft richtig. Vielleicht kann diese Erkenntnis dabei helfen, auch die wissenschaftlichen Prognosen zum Klimawandel endlich wirklich ernst zu nehmen.

Auch wenn es um die Akzeptanz unangenehmer Maßnahmen geht, kann die Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen. Die USA stehen bei der Bekämpfung der Corona-Krise auch deshalb so schlecht da, weil Donald Trump die wichtigsten Experten und ihre Empfehlungen unterminiert. In der Folge sind auch die verunsichert, die Maskentragen und andere Schutzmaßnahmen grundsätzlich in Ordnung finden. Ein koordiniertes Handeln findet so nicht statt. Das bräuchte es aber, um die Pandemie einzudämmen. Umgekehrt ist in Deutschland das Vertrauen in die wissenschaftlichen Institutionen groß genug, dass die breite Mehrheit der Bevölkerung sich noch immer an die Maßnahmen hält. Je größer das Vertrauen in die Wissenschaft, desto besser kann die Bekämpfung der Krise gelingen, weil dann auch unpopuläre Maßnahmen konsequenter durchzusetzen sind.

Die Studie endet mit einem eindringlichen Appell an die Solidarität über Landes- und Generationsgrenzen hinweg: „Beide Krisen sind nur zu lösen, wenn wir anerkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und gemeinsam handeln müssen“, sagt Vinke. Die Autoren schlagen eine Art Corona-Klima-Vertrag vor. Die junge Generation hält sich aus Solidarität mit den Älteren an die wichtigen Abstandsregeln. Die Älteren verpflichten sich dazu, die Klimaerwärmung bei 1,5 oder 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Level zu halten. Voraussetzung für einen solchen Gesellschaftsvertrag ist, dass alle Seiten Verantwortung für ihr Handeln übernehmen: Als Hauptverursacher müssen die Alten den Kampf gegen die Klimaerwärmung annehmen, auch wenn die gravierendsten Auswirkungen sie gar nicht betreffen. Das Gleiche gilt für die Jungen beim Kampf gegen die Corona-Pandemie und auf globaler Ebene für die Industrienationen als Haupttreiber der Klimaerwärmung.

„Die Corona-Krise zeigt, dass wir durchaus handlungsfähig sind und Krisen gemeinsam abwenden können. Vielleicht bringt diese Erkenntnis den nötigen Schub, um die letzte Chance, die Klimaerwärmung bei 1,5 oder 2 Grad Celsius aufzuhalten, doch noch zu nutzen“, sagt Kira Vinke.