Greta Thunberg traf am Freitag zur Klimakonferenz in Madrid ein. Am Protestmarsch wird sie auch erwartet.
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MadridUnd wenn es Fridays for Future nicht gäbe? Welche Funktion hat die Protestbewegung überhaupt? Einen ganz kurzen Moment zeigt sich auf Leonie Bremers Gesicht Fassungslosigkeit: „Druck auf der Straße zu machen“, sagt sie. Na klar. Aber: Reagieren die Politiker auf diesen Druck? Spüren sie ihn und geben ihm nach? An diesem Abend scheint alles möglich zu sein. Zehntausende Menschen sind in der spanischen Hauptstadt Madrid auf der Straße, der Protestzug hört gar nicht auf. Es hat sich gelohnt nach Madrid zu kommen, findet Linus Holder, „gerade jetzt, wo wir dieses Momentum haben“.

„Die Welt ist erwacht angesichts der Klimakrise“, lautet das Motto der Demonstration an diesem Freitagabend in Madrid. Das ist die Stimmung, fröhlich, optimistisch. Es ist kein naiver Optimismus. Wer wenn nicht wir soll die Welt aufrütteln, steht den jungen Leuten wie der 22-jährigen Deutschen Leonie Bremer oder dem 16-jährigen Schweizer Linus Dolder ins Gesicht geschrieben. „Zeit zu handeln“, ist das Motto der UN-Klimakonferenz, die noch bis Ende nächster Woche in Madrid stattfindet. Und offenbar braucht es die Jungen, offenbar braucht es die Demonstranten, um die Entsandten der Regierungen dieser Welt, die sich seit Montag täglich auf dem Madrider Messegelände treffen, an ihr eigenes Motto zu erinnern. Handelt. Keine Worte mehr.

Eskorte für Greta

Keiner hat es besser zusammengefasst als UN-Generalsekretär António Guterres am Sonntag, vor Beginn der Konferenz: Hört auf nach Kohle zu graben, hört auf nach Öl und Gas zu bohren. Sonnen- und Windenergie sind genauso billig, vielleicht billiger. Teuer ist die Transformation, der Übergang. Aber es droht „unfassbares Leid“, sagt Bremer, wenn die menschengemachte Erderwärmung nicht aufgehalten wird. 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit, kein bisschen mehr, das ist die Forderung der Fridays-for-Future-Bewegung.

Man muss sich ja erstmal einen Überblick verschaffen.

Leonie Bremer

Deren deutsche Sprecherin Leonie Bremer ist am Dienstag in Madrid angekommen, nach einer dreißigstündigen Busfahrt von Köln. Sie hat sich sofort aufgemacht zum Messegelände im Nordosten der Stadt, unweit des Flughafens, wo die Uno-Konferenz tagt. „Man muss sich ja erstmal einen Überblick verschaffen“, erzählt sie. „Das Messegelände ist ziemlich erdrückend, und man fragt sich: Wie kann hier eigentlich etwas Konstruktives beschlossen werden? Die Frage stellt sich mir immer noch.“

Sie hört sich um, trifft sich mit anderen Klimaaktivisten, nimmt an Diskussionsrunden teil. Sie will die Stimme „des globalen Südens“ sein. Eigentlich sollte die Konferenz in Santiago de Chile stattfinden, wurde aber wegen der Unruhen nach Madrid verlegt. Eine Folge: Es gibt ein Übergewicht europäischer Teilnehmer. „Die Menschen, die ihre Stimme hier nicht erheben können, brauchen unsere ganze Aufmerksamkeit“, sagte Leonie Bremer.

Der Freitag bleibt der Streiktag. Am Morgen setzt sich die Gruppe internationaler Fridays-for-Future-Aktivisten zum stillen Sitzstreik in eine Ecke der Halle 4, rund 30 Leute. Fast ebenso viele Fotografen machen Fotos. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was dann kommt. Dann kommt nämlich Greta Thunberg. Nach ihrer Atlantiküberquerung per Segelboot trifft die schwedische Klimaaktivistin am Morgen mit dem Nachtzug aus Lissabon am Bahnhof Chamartín ein. Damit sie den Zug verlassen kann, müssen Sicherheitskräfte ihr den Weg durch die Menschenmenge bahnen.

Fürsorgliche Belagerung

Leonie Bremer lernt Greta Thunberg an diesem Freitagvormittag kennen. Sie sei froh, nicht Greta zu sein, sagt sie später. Und sie versteht die Erwachsenen nicht, die so viel Lärm um Greta machen und „doch eigentlich einen gesunden Menschenverstand haben und sich lieber mit der Klimakrise auseinandersetzen sollten“. Zum Glück spiele sie in Madrid eine kleinere Rolle.

Genug zu tun hat sie auch. Als die Demo um sechs am Abend beginnt und sofort den Paseo del Prado überflutet und Bremer gemeinsam mit dem Schweizer Linus Dolder in dem fröhlichen und lauten Gewimmel ihre Mitstreiter von Fridays for Future sucht, kaut sie an einem Baguette, während ihr Dolder eine Schale mit Humus hinhält. Keine Zeit für vernünftige Mahlzeiten. Das ist aber gar nichts: Greta muss den Demonstrationszug verlassen, weil sie derart von Journalisten und Mitdemonstranten belagert wird, dass die Polizei zum Abzug rät. In einem kleinen Elektroauto wird sie zur Tribüne am Endpunkt des Demonstrationszuges gebracht. Dort spricht sie zu den Demonstranten. Das Schicksal einer Ikone.