Protest-Aktion von Studierenden der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen der Klimawoche 2019.
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BerlinVor knapp drei Jahren versammelten sich in Berlin und in weiteren Universitätsstädten Deutschlands Tausende zum ersten „March for Science“. Die Idee dafür kam aus den USA. Es ging um die Verteidigung der akademischen Freiheit, die man durch staatliche Repression in Ländern wie der Türkei, aber auch durch die Wissenschaftsfeindlichkeit der Trump-Regierung und der rechtspopulistischen Bewegungen in Europa gefährdet sah. Es ging um die ureigenen Interessen der Wissenschaft – freie Forschung, freie Lehre.

Mittlerweile ist der Science-March-Aktivismus deutlich geschrumpft. 2019 gingen in Deutschland eher Hunderte als Tausende auf die Straße. Der Protest bröckelt, offenbar haben viele erkannt, dass die Autonomie von Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland nicht gefährdet ist.

Seit Fridays-for-Future stehen die Zeichen auf Klima

Seit sich Wissenschaftler in Deutschland mit der Fridays-for-Future-Bewegung solidarisierten, haben sich die Motive verschoben – in Richtung Klimaschutz. Jetzt stehen die politischen Institutionen am Pranger. Es geht nicht mehr um Wissenschaftsfreiheit, sondern um konkrete Klimapolitik. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg forderte bei Auftritten die Politik auf: „Ihr müsst auf die Wissenschaft hören, das ist alles, was wir verlangen. Versammelt euch hinter der Wissenschaft!“

Viele Wissenschaftler demonstrierten im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Jugendlichen und gründeten auch eine eigene Initiative: Scientists for Future. „Die jungen Menschen fordern zu Recht, dass sich unsere Gesellschaft ohne weiteres Zögern auf Nachhaltigkeit ausrichtet“, heißt es in der Stellungnahme, der sich nach Angaben der Initiative mehr als 25.000 Wissenschaftler, vorwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, angeschlossen haben.

Sie fordern schnelles und konsequentes Handeln von der Politik – mit dem Ziel, drastisch Energie einzusparen, rasch auf erneuerbare Energien umzustellen und die Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsummuster grundlegend zu ändern. „Es ist jetzt keine Zeit mehr für Ausreden. Es muss gehandelt werden“, sagte ein Forscher.

Historiker für Grenzziehung - Politik machen andere

Dringend, schnell, unverzüglich, kein Zögern, keine Ausreden! Unter Wissenschaftlern ist es durchaus umstritten, ob es der Gesellschaft nützt, wenn sich Kolleginnen und Kollegen so vehement in die Klimadebatte einmischen. Der Historiker Jürgen Kocka spricht sich für klare Grenzziehungen aus. „Wissenschaftler können und sollen beschreiben, was sein kann, was voraussichtlich sein wird und welche Folgen und Nebenfolgen damit verbunden sind. Und die sind bei der Erderwärmung wirklich ungeheuer belastend und bedrohlich“, sagt Kocka.

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Aber die Entscheidung darüber, wie mit diesen Prognosen umzugehen ist, dafür könnten Forscher keine wissenschaftliche Legitimation in Anspruch nehmen. Für die Aushandlung dieser Entscheidungen gebe es demokratische, politische Verfahren. „Eine Herrschaft der Gelehrten, die wollen wir nicht“, meint Kocka.

Mit dieser Haltung steht er nicht allein. Bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion, zu der die naturwissenschaftlich geprägte Nationale Akademie der Wissenschaft Leopoldina jüngst in Berlin einlud, warnte auch Patrizia Nanz, Direktorin am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam, vor einer „Expertokratie“. Politische Entscheidungen müssten den Volksvertretern überlassen bleiben.

Konsens über Einmischung - nur wie?

Das sieht zwar auch Antje Boetius so, trotzdem hält die Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven es für legitim, wenn Wissenschaftler sich mit Forderungen in die Politik einmischen – so wie es eine Arbeitsgruppe der Leopoldina, deren Sprecherin Boetius ist, im Sommer letzten Jahres tat, als sie konkrete Maßnahmen für eine schnellere Wende in der Klima- und Energiepolitik einforderte. „Wenn Vernunft, Empathie und Fakten zusammenkommen“, sagt Boetius, „dann müssen wir warnen“. Die Risiken des Klimawandels müssten wahrhaftig und ehrlich kommuniziert werden.

Nicht die Tatsache, dass sich Wissenschaftler einmischen, steht also zur Debatte, sondern vielmehr, wie sie es tun. Schließlich macht es einen Unterschied, ob eine Person als Bürger spricht oder als Experte, der wissenschaftliche Legitimation für sich in Anspruch nimmt. Kocka sieht die Gefahr, dass Forscher zu sehr vereinfachen, um gehört zu werden, und die wissenschaftliche Art der Argumentation aufgeben – also kritisch zu hinterfragen, Zweifel anzuerkennen, Grautöne zu benennen, anstatt nur Schwarzweiß zu sehen.

Regina Riphahn, Wirtschaftsforscherin an der Universität Erlangen und Vizepräsidentin der Leopoldina, befürchtet zudem eine Überforderung der Wissenschaft, wenn diese sich als Problemlöser in politischen Fragen präsentiert: „Wissenschaft ist die Anwendung von Methoden, nicht der Besitz von Wissen. Wir kennen die Wahrheit nicht“, sagte sie auf dem Leopoldina-Podium. Das müssten Forscherinnen und Forscher klarmachen, sonst sei die Erwartungshaltung an die Wissenschaft zu hoch.

Wissenschaftler als Experten in Talk-Shows

Die Klimadebatte ist längst nicht die einzige öffentliche Kontroverse, in der sich Wissenschaftler politisch zu Wort melden. Auch in sozialpolitischen Debatten – etwa um das Rentensystem oder die Armutsentwicklung – sind Wissenschaftler seit Jahren als Experten in Talkshows und Zeitungskolumnen präsent. Sie kommen dabei zu äußerst unterschiedlichen Einschätzungen. Es ist auch nichts Neues, dass sich Wissenschaftler politisch einmischen – das haben zu Zeiten der 68er-Bewegung vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler getan. In der Anti-Atom-Bewegung der 70er- und 80er-Jahre waren es häufig Physiker.

Aber weil sich im Zuge der Proteste gegen die Klimapolitik wieder deutlich mehr Wissenschaftler politisch engagieren, ist eine neue Debatte entbrannt. Darüber, welche Rolle die Wissenschaft in der Gesellschaft einnimmt, wie sie sich zur Öffentlichkeit verhält und was Meinungen in der Wissenschaft zu suchen haben. Das Mitreden gehört zum Kern der Demokratie, aber die Frage ist, wie man es tut und ob sich Menschen als Bürger oder Wissenschaftler zu Wort melden.

Gesprächsreihe an der Humboldt-Universität

Debatte. Auch die Humboldt-Universität (HU) Berlin mischt sich in die Auseinandersetzung ein. „Freiheit der Wissenschaft“ heißt eine öffentliche Gesprächsreihe, die seit November 2019 läuft.  
Themen. In der Reihe ging es bisher darum, ob die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr ist und inwiefern die Streitkultur der Gesellschaft einem starken Lernprozess unterliegt. Im letzten Teil geht es um die Art der Kommunikation.
Termin. „Aufregung versus Gelassenheit – Wie wollen wir miteinander kommunizieren?“, 11. März, 18 Uhr, Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, Geschwister-Scholl-Str. 1/3, Mitte. Anmeldung: veranstaltungen@hu-berlin.de