Rom - Amanda Knox verfolgte die Urteilsverkündung viele tausend Kilometer entfernt in ihrer Heimatstadt Seattle im Fernsehen, und auch ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito wollte nicht im Saal des Justizpalastes von Florenz sitzen. Er war zuvor wieder abgereist, nachdem er am Morgen noch an der Verhandlung teilgenommen hatte.

Was der Vorsitzende Richter Alessandro Nencini des Berufungsgerichts dann nach offenbar äußerst schwierigen und mehr als elfstündigen Beratungen der achtköpfigen Jury am Donnerstagabend vortrug, war für die beiden abwesenden Angeklagten vernichtend. Die 26 Jahre alte Amerikanerin Knox und der 29-jährige Italiener Sollecito sind erneut wegen Mordes und sexueller Gewalt verurteilt worden, zu noch höheren Strafen als im ersten Urteilsspruch 2009: Knox zu 28 Jahren und sechs Monaten Haft, Sollecito zu 25 Jahren.

Nachdem beide 2011 wegen unklarer Beweislage freigesprochen worden waren, kam das Gericht in Florenz nun erneut zu der Überzeugung, dass Knox und Sollecito schuldig sind. Vor inzwischen mehr als sechs Jahren sollen sie die britische Erasmus-Studentin Meredith Kercher in deren WG-Zimmer in Perugia bei einem Sex-Spiel unter Drogeneinfluss ermordet haben. Weil Fluchtgefahr bestehe, verfügte das Gericht, dass Raffaele Sollecito der Pass entzogen wird.

Verteidiger wollen Berufung einlegen

Die Verteidiger von Knox und Sollecito kündigten an, Berufung einzulegen. Somit wird der Justizkrimi nach drei Prozessen und vier Urteilen in eine weitere Runde gehen. Die Frage nach einem Auslieferungsantrag, den Italien an die USA richten könnte, wo Knox seit dem Freispruch wieder lebt, stellt sich damit zunächst nicht. Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist, könnte ein solcher Antrag erwogen werden. Allerdings gilt in den USA der Verfassungsgrundsatz, wonach niemand zwei Mal für dasselbe Verbrechen verurteilt werden kann. Eine Auslieferung von Knox wäre also eher unwahrscheinlich.

Knox und Sollecito haben stets ihre Unschuld beteuert. Noch am Morgen hatten die Verteidiger der Amerikanerin auf Freispruch plädiert. Es gebe keine Beweise, dass sie überhaupt am Tatort war.

Meredith Kerchers Geschwister waren zum Urteilsspruch nach Florenz angereist und saßen, von Polizisten abgeschirmt, im Gerichtssaal. „Wir wollen, dass der Prozess endlich endet“, hatte die Schwester des Opfers, Stephanie Kercher, zuvor der Zeitung Corriere della Sera gesagt. Ihre Familie wisse aber sehr wohl, „dass die Richter nicht mit Sicherheit die Wahrheit kennen.“

Tatsächlich bestehen nach wie vor Zweifel am Tathergang. Die italienischen Ermittler arbeiteten schlampig, DNA-Spuren wurden zu spät sichergestellt und verwischt. Wahrscheinlich wird nie ans Licht kommen, was genau sich in der Nacht zum 2. November 2007 in dem Haus am Rande von Perugia zutrug, im dem Amanda Knox und Meredith Kercher in einer Studenten-WG zusammen lebten. Man fand die damals 21 Jahre alte Kercher mit durchschnittener Kehle, ihr Körper war mit Messerstichen übersät, sie war vergewaltigt worden, Bett und Zimmer waren voller Blut.

Guede als einziger rechtskräftig verurteilt

Die Frage, ob die zierliche und hübsche Amanda Knox eine so grausige Tat begangen haben konnte, faszinierte sogleich die Medien und die Öffentlichkeit und brachte ihr unfreiwillige Berühmtheit ein. „Engel mit Eisaugen“ wurde sie getauft.

In erster Instanz kam das Gericht 2009 zu der Überzeugung, dass Knox und ihr damaliger Freund Sollecito die Studentin im Rausch und bei einem Sex-Spiel umbrachten, während ein Bekannter, der aus der Elfenbeinküste stammende Rudy Guede, das Opfer festhielt. Guede ist der einzige, der bislang rechtskräftig verurteilt ist - zu 16 Jahren Haft, aber nur wegen Beihilfe. Knox und Sollecito wurden zu 26 und 25 Jahren verurteilt. Einschließlich der Untersuchungshaft saßen sie vier Jahre ab, bevor sie im Berufungsverfahren freigesprochen werden.

Knox reiste in die USA aus, wo sie ihre Erinnerungen an die Haft in Italien in einem Buch veröffentlichte und immer wieder Interviews gab. Inzwischen studiert sie in Seattle. Sollecito beendete nach der Freilassung sein Informatik-Studium und hielt sich in den vergangenen Monaten in der Dominikanischen Republik auf. Seine Zukunft sei dort, hatte er in Interviews gesagt, er wolle in den Tropen leben und arbeiten. Im Januar war er nach Italien zurückgekehrt, um am Prozess teilzunehmen. Sollecitos Vater, der am Donnerstagmorgen gemeinsam mit seinem Sohn zum letzten Verhandlungstag erschienen war, hatte noch gesagt: „Wir sind zuversichtlich, dass es zu einem Freispruch kommt.“ Zumindest wird Sollecito nicht sofort ins Gefängnis müssen.