Letzte Rettung: Ein Koala trinkt aus der Flasche eines Feuerwehrmannes.
Foto: dpa/Oakbank Balhannah CFS via AP 

SydneyDie Buschbrände in Australien rauben den Menschen den Atem. Mittlerweile ist auch die Hauptstadt Canberra im gelben Rauch gehüllt. Am Montag war die Luft so gefährlich verschmutzt, dass die Stadtregierung die Einwohner dazu aufrief, drinnen zu bleiben. Einige Flüge wurden gestrichen. Museen, Geschäfte und Universitäten blieben geschlossen. Das Innenministerium forderte seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf, für 48 Stunden zu Hause zu bleiben. An der Südostküste gab es Regen, was den Kampf der Feuerwehr etwas erleichterte.

Eine Entwarnung gab es aber nicht. In den Bundesstaaten New South Wales und Victoria loderten noch mehr als 170 Feuer. „Die Feuer brennen immer noch, und sie werden noch über Monate brennen“, sagte der australische Premierminister Scott Morrison am Montag vor Reporterinnen und Reportern. Der konservative Politiker, der wegen seines Krisenmanagements in der Kritik steht, hatte eine neue nationale Agentur angekündigt, die sich um die Folgen der Katastrophe kümmern soll. Ein Fonds soll in den nächsten zwei Jahren mindestens zwei Milliarden australische Dollar (1,2 Milliarden Euro) bekommen – Geld für die Farmer, kleine Geschäfte und betroffene Bewohnerinnen und Bewohner.

480 Millionen tote Tiere

Militär-Reservisten sollen dabei helfen, die verendeten Schafe und das Vieh zu begraben. Die Folgen für die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt Australiens sind nicht absehbar. Besonders das Schicksal der Koalas bewegt viele Menschen. Die Bilder sind um die Welt gegangen: Die Frau, die ihre Bluse auszog, um einen Koala, der später trotzdem starb, aus dem Feuer zu retten. Der Koala, der eine Radfahrerin um Wasser anbettelte. Der Koala, der sich vor dem Hintergrund eines rotglühenden Infernos neben einen Feuerwehrmann setzte, um in Sicherheit gebracht zu werden.

Zwei Kängurus im Rauch der Brände.
Foto: AFP/Saeed Khan

Viele Millionen Tiere, ob nun Kängurus, Wombats, Possums oder Kakadus, sind in den Flammen umgekommen oder durch die Hitze, Rauchvergiftungen oder Verhungern gestorben. Ökologen der Universität Sydney schätzen die Zahl allein für New South Wales auf mindestens 480 Millionen. Aber die Koalas, diese entzückenden grauen Beuteltiere, haben die Geschichten in den Medien geschrieben. Sie stehen mit ihrer Unschuld und ihrem Liebreiz, ihrer kuscheligen Rundlichkeit und ihrer Hilfsbedürftigkeit wie kein anderes Tier für die Unfassbarkeit der schon seit September andauernden Tragödie in den Bundesstaaten New South Wales (Sydney), Victoria (Melbourne), Süd-Queensland (Brisbane) und nun auch in Südaustralien (Adelaide).

Die Koalas sind das Symbol für die Hilf- und Machtlosigkeit, mit der die Menschen dem Inferno gegenüberstehen. Die Beutelsäuger sind besonders stark betroffen, weil sie keine Bodenbewohner sind und sich zu langsam fortbewegen, um vor den rasenden Feuern flüchten zu können. Stattdessen suchen sie auf Bäumen Schutz – und kauern sich dort zusammen. Berichte aus den Katastrophengebieten besagen, dass verkohlte Koala-Leichen dutzendweise aus den Kronen der aufgrund ihres Ölgehalts extrem leicht entflammbaren Eukalyptusbäume auf den Boden geplumpst sind.

Viele der verletzten Tiere werden in dem 400 Kilometer nördlich von Sydney gelegenen Port Macquairie Koala Hospital versorgt. Dessen Spendenaufruf auf www.gofundme.com hat gezeigt, wie sehr die Menschen in aller Welt die putzig dreinblickenden Beuteltiere lieben. „Eigentlich wollten wir nur 25.000 Dollar (15.600 Euro) sammeln, um zwölf Trinkstationen am Rande der niedergebrannten Wälder zu finanzieren“, erzählt die für Adoptionen – das sind Spenden mit Bezug zu einem bestimmten Koala – zuständige Vera McVeagh. Doch nach der Rettung von Lewis regnete es Geld, mittlerweile mehr als 2,3 Millionen Dollar (1,44 Mio. Euro).

„Jetzt können wir 100 Trinkstationen und ein Fahrzeug kaufen, das Wasser zu den Stationen transportiert. Außerdem können wir ein Zuchtprogramm starten, aus dem wir die Koalas in die Habitate auswildern wollen, in denen jetzt so viele gestorben sind.“ Expertinnen und Experten befürchten, dass in New South Wales ein Drittel der Population (rund 8000) ausgelöscht und 80 Prozent ihres Lebensraums zerstört worden ist.

Freiwillige Helfer kümmern sich in Australiens Buschbrand-Gebieten um verletzte Tiere.
Foto: imago images/VCG

Auch wenn keine Buschfeuer wüten, sind Koalas, die nur in den Eukalyptuswäldern der Ostküste und in Südaustralien natürlich vorkommen, eine gefährdete Spezies. Schon seit Jahren wirft die Vorsitzende der Australian Koala Foundation, Deborah Tabart, der Regierung und den lokalen Behörden fehlenden politischen Willen vor, um die beliebten Beuteltiere, die Australien durch den Koala-Tourismus 30.000 Arbeitsplätze und Einkünfte von 32,2 Milliarden Dollar (20 Milliarden Euro) bescheren, mit einem Koala-Schutzgesetz (Koala Protection Act) vor dem Aussterben zu bewahren.

Zerstörerische Forstwirtschaft

Es gibt zwar ein Umweltgesetz namens „EPBC Act“, doch es schließt die Forstwirtschaft aus, und nach wie vor roden Bulldozer beste Koala-Habitate für Industrie, Landwirtschaft, urbane Siedlungen und Bergwerke, das bringt Steuereinnahmen. Die Lebensräume werden zerstört, mindestens 65 Prozent der Eukalyptuswälder sind seit 1788 verschwunden, und mit den Menschen kommen Straßen, Autos und Hunde – die schlimmsten Koala-Killer. Die Buschfeuer geben ihnen den Rest.

Die gegenwärtige Tragödie scheint aber einige Politikerinnen und Politiker aufgeweckt zu haben. „Die Folgen der katastrophalen Brände sind so gewaltig, dass ein weiterer Verlust an Lebensräumen für die einheimischen Arten unverantwortlich wäre“, sagte Gladys Berejiklian, die Ministerpräsidentin von New South Wales, die insbesondere die weitgehend nicht-nachhaltig betriebene Forstwirtschaft in Frage stellte, „die Zukunft von bedrohten Tierarten und des ganzen Ökosystems steht auf der Kippe.“

Die Australian Koala Foundation verkauft schon seit Jahren Koala-T-Shirts mit dem Aufdruck: „No Tree – No Me“. Ohne Bäume gibt es keine Koalas. Es ist tatsächlich so einfach. Oder eben auch nicht.