Nach sechs Monaten gibt es jetzt also einen Koalitionsvertrag. Es kann losgehen mit der dritten großen Koalition mit Angela Merkel an der Spitze. Und die Oppositionsparteien sind erstaunlich milde. Natürlich gibt es von ihnen Kritik, an Inhalten wie am Personal, elegant bis grob formuliert. Den Grünen fehlt die Klimapolitik, die FDP findet, beim Thema Steuern müsste es etwas mehr sein, die Linkspartei hätte es gerne sozialer, die AfD weniger sozial. Tosender Applaus von den Nicht-Regierungsparteien wäre ja auch überraschend gewesen. Aber dann kommt diese plötzliche Güte: 100 Tage Schonfrist wollen die Grünen gewähren, nach 100 Tagen die erste Bilanz kündigt gnädig auch die FDP an. Die AfD will Ministern eine Chance geben und befindet, sie habe Jens Spahn erfunden.

Abgesehen davon, dass ein bisschen Diplomatie auch der Opposition gut tut, wird klar: Der eine oder andere Parteichef dürfte sich zwar ausgerechnet haben, von einem erneuten Scheitern der Koalitionsverhandlungen, von dem dann zu erwartenden Chaos und der Enttäuschung zu profitieren und bei einer Neuwahl punkten zu können. Aber letztlich sind doch alle erstmal froh um eine Atempause. Die 100 Tage Schonfrist für die Groko sind 100 Tage Durchatmen für alle. Zwei Mal Wahlkampf in kürzester Zeit wäre für niemanden ein Spaß – abgesehen davon, dass er erstmal hätte finanziert werden müssen.

Für die Opposition, die sich selbst wahlweise als Jäger (die AfD) oder smart (die FDP) definiert, wird es nun auf andere Weise ernst: Nach einem halben Jahr, in dem sie angesichts einer nur geschäftsführenden Regierung im Bundestag den Ton angeben konnte, geht nun die Regierungsarbeit los. Die Ausschüsse bekommen zu tun, der Schwerpunkt wird sich verlagern. Für die Opposition ist die Schonfrist jetzt abgelaufen.