Kochen mit Cannabis: Ein Interview mit Laurie Wolf, der bekanntesten Marihuana-Köchin der USA

Es fängt schon mal damit an, dass Laurie Wolf nicht aussieht, wie man sich jemanden vorstellt, der regelmäßig Cannabis konsumiert: Sie ist 62 Jahre alt, eine gemütliche, ältere Lady, die ihr graues Haar in einer wilden Mähne trägt.

Sie lebt mit ihrem Mann in einem Haus, das auf dem Willamette River in Portland, Oregon schwimmt. Ihre Nachbarn sind Enten und Biber. Hier lädt sie regelmäßig zu Dinnerpartys. Laurie Wolf gilt als ausgezeichnete Köchin – und als Expertin der Cannabis-Küche.

Vier Kochbücher hat sie bereits veröffentlicht, ihre Rezepte und Kochvideos erscheinen auf den großen einschlägigen Cannabis-Webseiten wie „High Times“ und „The Cannabist“, zusammen mit ihrer Schwiegertochter verkauft ihr Unternehmen „Laurie + Maryjane“ mit Preisen ausgezeichnete Hanfkekse und -chips.

Die Cannabis-Küche floriert, seitdem Marihuana in mehreren US-Bundesstaaten praktisch legalisiert wurde. Jetzt haben die Foodies das Hanf entdeckt. Sie treffen sich zu mehrgängigen Menüs, bei dem unterschiedliche Sorten verkostet werden; in den Regalen der Marihuana-Läden steht neben Keksen auch mit Cannabis versetzter Räucherlachs.

Bei Essbarem aus Hanf denken die meisten wohl an staubtrockene Kekse, die auf einer Studentenparty herumgereicht werden. Was machen Sie aus Cannabis?

Alles, was Sie sich vorstellen können. Bei einigen Speisen ist das schwieriger. THC – also das, was die Wirkung ausmacht – braucht Fett, an das es sich binden kann. Der erste Schritt ist also meistens, Butter oder Öl mit Cannabis zu versetzen. Das verarbeiten wir dann weiter: zu Pesto, Fleischklopsen, Makkaroni mit Käse oder Suppen.

Schmeckt das nicht seltsam?

Zu manchen Gerichten passt das Aroma von Hanf sogar sehr gut: Champignons zum Beispiel sind köstlich mit einem Hauch von Cannabis. Oder weiße Schokolade. Oft aber ist es eine Herausforderung, den Geschmack zu kaschieren. Ich arbeite dann mit Vanille oder Honig, mache die Speisen etwas würziger, ein wenig süßer. Bei neuen Rezepten probiere ich eine Weile herum, ehe der Geschmack stimmt. Das Gute ist, dass ich das gelernt habe.

Sie haben eine Ausbildung als Köchin am Culinary Institute of America in New York gemacht. Danach haben Sie viele Jahre lang familienfreundliche Rezepte für eine Elternzeitschrift entwickelt.

Genau das hilft mir jetzt. Die meisten Leute in unserem Business sind keine Köche. Sie können Rezepte umsetzen, aber sich nicht selbst welche ausdenken. Ich kann das. Und daher weiß ich, welche Geschmäcker miteinander funktionieren. Es gibt auch Leute, die enttäuscht sind, dass man das Hanf gar nicht mehr herausschmeckt. Sie haben das Gefühl, sie könnten nur high werden, wenn sie auch etwas schmecken. Das stimmt natürlich nicht.

Am Ende geht es aber doch um den Rausch und nicht um den guten Geschmack.

Essbares Cannabis ist eine schöne Alternative für Leute, die nicht rauchen wollen. Mir selbst aber geht es vor allem um den medizinischen Nutzen. Eines meiner Kochbücher ist einzig diesem Thema gewidmet und abgestimmt auf die Bedürfnisse kranker Menschen: Gerichte, die einfach zu kochen und besonders magenschonend sind. Es ist faszinierend, welche Effekte Cannabis für Kranke haben kann, denen sonst nur starke Schmerzmittel helfen. Ich habe das selbst erlebt.

Wie hat Cannabis Ihnen geholfen?

Ich habe eine Form der Epilepsie und litt lange unter Krampfanfällen. Dagegen bekam ich Medikamente, die starke Nebenwirkungen hatten: Übelkeit, Kopfschmerzen, Erschöpfung. Als wir vor zehn Jahren von New York nach Oregon zogen, verschrieb mir ein Arzt medizinisches Marihuana. Ich habe seitdem keinen Anfall mehr gehabt.

Wie oft nehmen Sie Cannabis?

Jeden Tag eine geringe Dosis. Es kommen sehr viele Menschen zu mir, gerade ältere, denen es um den medizinischen Effekt geht oder darum, sich entspannen und gut schlafen zu können. Dass Cannabis legal ist, gibt ihnen die Möglichkeit, es in ihren Alltag zu integrieren.

Verträgt sich der Konsum von Cannabis denn mit dem Alltag?

Es gibt mittlerweile Sorten, die keine psychoaktive Wirkung haben, sie lassen Schmerzen verschwinden und machen dich locker, ohne dass du dich high fühlst – was Leute zu schätzen wissen, die dieses Gefühl nicht mögen oder schon mal schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Davon hört man immer wieder. In Denver ist eine Frau im Rausch von einer Brücke gesprungen, in der New York Times berichtete eine Reporterin von einem Selbstversuch mit einem Schokoriegel: Sie lag acht Stunden lang halluzinierend auf ihrem Bett.

Diese Reporterin hat den ganzen Riegel gegessen, statt ein kleines Stück, wie auf der Verpackung angegeben. Das war ungefähr die zehnfache Menge. Gerade als Einsteiger braucht man Geduld, die Wirkung kann zeitverzögert eintreten. Wer unerfahren ist, denkt schnell, er müsste einfach noch mehr essen. Es ist sehr wichtig zu wissen, was man verträgt. Wir arbeiten nur mit Cannabis, das im Labor getestet wurde. Deshalb kennen wir den THC-Gehalt und können genau dosieren.

Was raten Sie Einsteigern?

Ich empfehle, mit einer sehr kleinen Dosis zu beginnen. Fünf Milligramm sind ein guter Anfang. Wenn man nichts spürt, probiert man eine höhere Dosis, aber erst beim nächsten Mal, sonst besteht die Gefahr, dass man zu viel isst. Daran wird niemand sterben, aber das Erlebnis ist dann oft kein gutes. Das muss nicht sein. Man trinkt ja auch nur ein, zwei Gläser Wein und nicht eine ganze Flasche.

Dieser neue Umgang mit Hanf erinnert einen an Wein: Kenner wissen, wo eine Pflanze gezüchtet wurde, würdigen unterschiedliche Aromen und Wirkungen.

Wir arbeiten damit bei unseren Dinnerpartys. Ein Abend beginnt beim Horsd’œuvre mit einer Sativa-Pflanze, das ist die Sorte, die eine aufputschende Wirkung hat, dich gesprächig macht und geistig anregt; Kreative mögen Sativas, weil der Genuss sie auf Ideen bringt. Zum Abschluss gibt es dann eine Käseplatte, die mit Indicas versetzt ist, die beruhigen – der berüchtigte „Couch lock“, wie das in der Szene genannt wird, der dich entspannt aufs Sofa sinken lässt. Für den Heimweg geben wir unseren Gästen etwas Süßes mit, das sie eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen essen sollen. Sie schlafen dann unglaublich gut.

Sie führen ein Familienunternehmen, während immer mehr große Firmen auf den Markt drängen. Wie leben Sie mit dieser Konkurrenz?

Die Großen eröffnen gerade überall Cannabis-Läden, bauen Pflanzen an, die immer gleich wachsen, mit den immer gleichen Eigenschaften. Das ist vergleichbar mit Marlboro-Zigaretten, die schmecken auch immer gleich. Für kleine Unternehmen wie uns ist es hart, sich an die unzähligen Auflagen halten zu müssen. Wir wickeln zum Beispiel unseren gesamten Geldverkehr in bar ab, weil die Banken in den USA nach Bundesrecht arbeiten und Einnahmen aus dem Verkauf von Cannabis also illegal sind.

Wo sehen Sie Ihre Chance?

Wir hoffen, uns als kleine Boutique-Marke zu etablieren. Ähnlich, wie es den Trend gibt, dass die Leute genau den Wein von jenem kleinen Weingut, den Käse aus jener Molkerei kaufen, wollen sie auch wissen, wo ihr Gras herkommt. Aber wir sind wachsam. Justizminister Jeff Sessions hat kürzlich gesagt: „Kein guter Mensch raucht Marihuana.“ Da frage ich mich schon, was als nächstes passiert.