London - Hunderte von Fernsehreportern aus aller Welt harrten vor dem Eingang des St. Mary Hospital in Paddington aus. Web-Kameras waren auf die Tür gerichtet. Manche Online-Dienste hatten sogar einen Live-Baby-Ticker eingerichtet, damit ihre Leser im Internet nicht die geringste Kleinigkeit dieses unerhörten Ereignisses verpassten. Doch trotz des Medienandrangs war es, so absurd es klingt, eine relativ private Geburt – zumindest nach höfischen Sitten: Zu Zeiten der Stuart-Könige hielten sich Dutzende von Würdenträgern im Schlafgemach der in den Wehen liegende Mutter auf. Am Montagabend war nur Prinz William im Kreißsaal, als seine Frau Kate von einem Sohn entbunden wurde. Trotz der äußeren Umstände waren der Herzog und die Herzogin von Cambridge also, wie jedes normale Paar, ganz unter sich.

Das Baby sei gesund, wiege 3.798 Gramm, teilte der Buckingham Palast mit. Der Säugling ist nun die neue Nummer drei in der britischen Thronfolge hinter, Prinz Charles (64) und Prinz William (31): Als erste Tat auf dieser Welt hat das Neugeborene – gänzlich unwissend und unschuldig – gewissermaßen Onkel Harry auf der Leiter eine Sprosse tiefer gestoßen. Der Name des Kleinen wurde noch nicht bekanntgegeben. In der Vergangenheit haben sich die Windsors bei der Wahl königlich viel Zeit genommen. Prinz Williams Name wurde erst nach einer Woche verkündet, Prinz Charles’ sogar erst nach vier.

Am heißesten Tag des Jahres

Erwartet hatten die Briten den Zuwachs im Hause Windsor spätestens seit Monatsmitte. Die Fotografen verteidigten noch länger, seit Anfang Juli, ihre Plätze vor der Klinik. Den mutmaßlich errechneten Geburtstermin hat Kate nach Schätzung der BBC-Hofreporter um eine Woche überschritten. Am Montag, dem heißesten Tag des Jahres, traf sie morgens um sechs Uhr an einem Seiteneingang des St. Mary’s Hospitals ein. Vierzehn Stunden später, um 20.32 Uhr Ortszeit, öffnete sich dann die Tür zur Privatstation des Lindo-Flügels: Heraus trat nicht der glückliche Vater, sondern sein Privatsekretär, der das Geburtszertifikat in den Händen hielt. Die Urkunde wurde für alle Welt sichtbar in einer Limousine platziert und dann durch die Stadt zum Buckingham Palast chauffiert. Dort angekommen, banden zwei Angestellte das gerahmte Dokument auf eine vergoldete Staffelei fest, damit das Volk die frohe Botschaft lesen möge: „Ihre Königliche Hoheit die Herzogin von Cambridge wurde heute um 16.24 von einem Jungen entbunden. Der Königlichen Hoheit und dem Kind geht es gut.“ Unterschrift: Die Chefärzte.

Denn was wäre eine Monarchie ohne Protokoll? Die verschnörkelte Staffelei war schon bei der Geburt der Prinzen William und Harry im Einsatz. Und auch die Wahl des St. Mary’s Hospitals folgt der Tradition, wenngleich einer kurzen: Prinzessin Diana hatte die Klinik für die Geburt von William und Harry ausgesucht; Peter und Zara Phillips, die Kinder von Prinzessin Anne, kamen auch hier zur Welt.

Opa Charles wird erwartet

Königin Elizabeth II. als Staatsoberhaupt war die Erste, die über das frohe Ereignis unterrichtet wurde. Der noch namenlose Säugling ist ihr drittes Urenkelkind nach den beiden kleinen Töchter von Peter Phillips und seiner kanadischen Frau Autumn. Dass Elizabeth II. das Neugeborene noch im Krankenhaus in Augenschein nimmt, ist denkbar, seit sie vor ein paar Tage Züge royaler Ungeduld erkennen ließ. Sie hoffe auf eine zügige Geburt, ließ die Queen wissen, weil sie am kommenden Freitag ihren Urlaub in Schottland beginne.

Prinz Charles, der erstmals Opa wurde, befand sich am Montag in York, wo er unter anderem das Nationale Eisenbahnmuseum besuchte. Er wird schon heute mit Blumen in der Hand im Hospital erwartet. Auch ein offizielles Familienfoto, so heißt es im Umfeld des Palastes, wird es in naher Zukunft ebenfalls geben.

Anschließend wird man wohl eine Weile wenig von den Cambridges und seiner Königlichen Hoheit, dem kleinen Prinzen, hören und sehen. Prinz William hat zwei Wochen Vaterschaftsurlaub bei der Royal Airforce beantragt. Sein Vertrag als Rettungspilot im nordwalisischen Anglesey läuft in Kürze aus. Möglich ist auch, dass er sich für ein Leben als hauptamtlicher Royal entscheidet. In diesem Fall könnte der Prinz, der im Alter von 15 seine Mutter, Prinzessin Diana, bei einem Autounfall verlor, mehr Zeit mit Frau und Kind verbringen. Dass ihm Familie über alles geht, hat er im Kreißsaal bewiesen.