Es bedurfte der Waffen einer Frau, bis die Stadt Barbacoas im Westen Kolumbiens endlich wieder anständig an die Regional-Metropole Pasto angebunden war. Genau genommen, der Waffen von 280 Frauen.

Es war ihnen zuwider, dass die Instandsetzung der Verbindungsstraße ins 250 Kilometer entfernte Pasto fast 18 Jahre auf Eis gelegen hatte. Kurzerhand traten sie in einen Sex-Streik. Anführerin der ungewöhnlichen Initiative war die Richterin Barybell Silva, die ihre Anhängerinnen 110 Tage lang motivieren konnte, ihren Männern im Bett die kalte Schulter zu zeigen.

So außergewöhnlich ist diese Form des Protests allerdings gar nicht. Schon vor fünf Jahren griffen die Kolumbianerinnen zum "Streik der gekreuzten Beine". Auch in Kenia gab es zu Zeiten kriselnder Koalitionen und blutiger Kämpfe schon die organisierte Flaute im Schlafzimmer.

Der Sex-Streik ist übrigens keine Erscheinung von Ländern, in denen man den Frauen von Grund auf mehr Temperament zuspricht. Im Februar 2011 forderte Senatorin Marleen Temmerman Belgiens Frauen zum Streiken auf. Ihr Land drohte dem Irak den Rang abzulaufen, was die Zeitspanne zwischen Wahlen und Regierungsbildung angeht.

Inspiriert wurde sie dabei von Schauspieler Benoît Poelvoorde, der sich wünschte, dass die Herren der Schöpfung aus Protest das Rasieren einstellen. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, dachte sie sich und setzte um, was ihr kenianische Geschlechtsgenossinen ans Herz legten.

Auch Friedensnobelpreisträgerinnen tun es

Übrigens bediente sich auch die kürzlich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete liberianische Aktivistin Leymah Gbowee der Methode. Sie gründete eine Frauenbewegung, die Christinnen und Muslima bei Protesten für ein Ende des Bürgerkrieges in Liberia zusammenführte. Den Frieden erzwang sie unter anderem mit einem Sex-Streik.

Wer den Sex-Protest nun erfunden hat, wissen wir nicht. Jedenfalls kursierte die Idee schon in der Antike. Der Dichter Aristophanes baute in eines seiner Schauspiele einen Sex-Boykott ein. Ziel der Frauen damals: das Ende des Peloponnesischen Krieges.

Und die Erfolgs-Bilanz? Nach einigen Wochen der sexuellen Abstinenz hatte Kenia eine stabile Regierung. Ob daran die Präsidentengattin schuld ist, ob sie überhaupt mitgemacht hat und ob es einen empirischen Zusammenhang zwischen dem Schlafzimmer-Streik und der Politik gibt, bleibt gewiss Spekulation.

In Kolumbien jedenfalls war es am Dienstag soweit: Die Frauen ließen die Ketten fallen, die sie während ihrer Aktion symbolisch getragen hatten. Transportminister Germán Cardona und Gouverneur Antonio Navarro Wolff gaben das Bauvorhaben frei. Es dürfte sie erleichtert haben. (mit dpa)