Die Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten Thüringens hat die Pläne von Kolumnistin Regine Sylvester über den Haufen geworfen.
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BerlinFür diese Kolumne hatte ich ein, zwei Themen in petto, die noch unscharf waren, aber unterhaltsam zu werden versprachen. Und dann gingen die nicht mehr. Sie passten nicht in mein Zeitgefühl, das Politiker seit dem 5. Februar mit der Wahl in Thüringen von diffus in irre verwandelt hatten. War alles absehbar? Unabsehbar?

Der Vorgang ist nur acht Tage her.

Im dritten Wahlgang um 13.06 Uhr wählen die Abgeordneten der AfD nicht ihren eigenen Kandidaten, Christoph Kindervater, den sie am 22. Januar aufgestellt haben. Sie wählen, Überraschung, Thomas Kemmerich – erst um 12.42 Uhr hat ihn seine Partei, die FDP, für die letzte, entscheidende Runde ins Rennen geworfen. AfD, CDU und FDP wollen den Linken Bodo Ramelow verhindern: Er ist im Bündnis mit SPD und Grünen amtierender Ministerpräsident einer Minderheitsregierung und bei den Bürgern beliebt.

Um 13.26 Uhr steht das Ergebnis fest: Ramelow 44 Stimmen. Kindervater 0 Stimmen. Kemmerich 45 Stimmen. Der nimmt um 13.27 Uhr die Wahl an und ahnt nicht, dass er drei Tage später seinen Rücktritt ankündigen wird. Ramelow ist raus. War Kindervater auf den bodenlosen Sturz vorbereitet? Kemmerich auf den getricksten Sieg? Konnten die Sekunden nach der Wahl für eine Entscheidung ausreichen, so oder so? Auf mich hat er verstört gewirkt. Das muss aber nichts heißen. Alle munkeln, keiner weiß was.

Auslöser für Rücktritte

Einen Tag später sagt Alexander Gauland – es soll aber nur ein Spaß sein –, die AfD könnte bei nächster Gelegenheit Ramelow die Stimmen geben und ihn durch die Unterstützung zum Rücktritt zwingen. Nur Spaß? Wirklich? Wen könnte die AfD noch in der Hand haben?

Es folgten Statements, Forderungen nach Neuwahlen, Zurückweisungen von Neuwahlen. Die Kanzlerin möchte die Wahl rückgängig machen, das darf sie gar nicht, muss sie jetzt aber sagen. Der Ostbeauftragte Christian Hirte bittet am 8. Februar um seine angeordnete Entlassung. Annegret Kramp-Karrenbauer tritt am 10. Februar als Parteivorsitzende zurück und gibt die Kanzlerkandidatur auf. Die beiden SPD-Vorsitzenden treten vor die Presse. Saskia Esken kann nicht sprechen, sie hat ihre Stimme verloren.

Die Eskalation geht weiter

Abends sitzen sechs Leute bei „Anne Will“, sie reden durcheinander. Alice Weidel, Fraktionschefin der AfD, lacht und grimassiert und sagt immerzu „Unglaublich!“. Männer aus der CDU, durchaus mit eigenen Profilen, bringen sich wippend oder zurückhaltend als mögliche Kanzlerkandidaten ins Gespräch. Und dann fegt noch „Sabine“ um die Ecken, der Sturm verhindert auch die Flüge und Züge zu Gesprächen anreisender Politiker.

Alles ist unklar und hat trotzdem Folgen.

Die erbärmlichste ist die hysterische Rache an der FDP. Thomas Kemmerich bekommt jetzt Hassmails und Personenschutz. Polizisten begleiten seine Kinder auf dem Weg zur Schule. Seine Frau wird auf der Straße angespuckt. Menschen schreien vor der Haustür. In Hamm werden zwei FDP-Mitglieder als „Nazi-Schweine“ bezeichnet, obwohl sie die Wahl kritisiert haben. Die Eskalation geht weiter. Wer steckt dahinter?

Bekannte sagen, sie würden keine Nachrichten mehr sehen, das rege sie zu sehr auf und mache die eigene Ohnmacht deutlich. Aber das geht doch auch nicht, oder?

Regine Sylvester liest am 1. April 2020 aus ihren Kolumnen. Pfefferberg-Theater, 20 Uhr