Es ist oft gesagt worden: Die große Zeit des Intellektuellen ist abgelaufen. An seiner statt hat der Experte die Bühne betreten. Hält eine Hitzwelle 10 Tage an, dann muss der Fachmann für die Klimakatastrophe im „ARD-Brennpunkt“ den besorgten TV-Zuschauern erklären, ob neue Bedrohlichkeiten aus dem Ozonloch zu erwarten stehen. Sind im Nordhessischen auffällig viele Patienten mit schlimmen Schmerzen in der Magengegend nach dem Verzehr von Leberwurst zu konstatieren, dann wird der bekannte Virologe von der Universitätsklinik im Heute-Journal Gesundheitsaufklärung für das aufgeschreckte Volk leisten müssen. Niemand jedoch wird in solchen Fällen nach dem Rat von Grass, Walser oder Enzenberger rufen.

Und so ist das mittlerweile auch in der Politik. Willy Brandt führte noch bei schwerem roten Wein nachdenkliche Gespräche mit Dichtern und Literaten. Frau Merkel hingegen wendet sich an die Experten mit handfester Berufserfahrung in der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Verwaltung und Rechtsprechung. Politikberatung dieser Art wird so zu einem einträglichen Geschäft der Expertenklasse. Ihre Notwendigkeit steht kaum zur Debatte. Die Politik allein könne, heißt es weithin, das akkumulierte Wissen nicht mehr überschauen. Für höhere Rationalität und größere Entscheidungssicherheit benötigen die politischen Entscheider daher zwingend den Rat ausgewählter Experten.

Nur: Die Heilserwartung, dass man durch die Produktion und didaktische Vermittlung von Mehr-Wissen eine höhere Rationalität verbindlicher Entscheidungen herzustellen vermag, könnte paradoxerweise mehr Schaden als Nutzen bringen. Politik ist durch Wissensvervielfältigung sich ihrer keineswegs sicherer und im Handeln durchaus nicht erfolgreicher geworden, sondern entweder ängstlicher oder aktionistischer. Denn jedes Wissen multipliziert Nicht-Wissen, produziert auch nicht-beabsichtigte Resultate von Wissensanwendungen mit hohen Risikofolgen. Und auch das erleben Politiker Tag für Tag: Auf den einen Experten repliziert stets fundamental different der Gegenexperte. Der Expertise folgt im raschen Takt der scharf kontrastierende Alternativvorschlag – alles im Gewande strengen Expertentums.

Denn leider ist es so: Es gibt im Raum von Gesellschaft, Politik und Ökonomie die unzweifelhafte, pure Objektivität nicht, infolgedessen erst recht nicht die über Jahre gerne proklamierte Alternativlosigkeit. Was den einen klugen Köpfen rundum einsichtig erscheint, werden die anderen mit bestechenden Belegen für ihre Haltung gänzlich abwegig finden. Das, was angeblich unleugbar ist, wird subjektiv konstruiert und ausgedeutet, durch verschiedenartige normative Perspektiven, gesellschaftliche Orte, kulturelle Werte und handfeste Interessen der Betrachter und Interpreten.

Im Grunde weiß die Politik dies alles. Aber sie braucht etwas, woran sie sich in der verwirrenden Vielfalt halten kann. Der Experte wird so zum Schirmherrn ihres verunsicherten Tuns. Zwar parlieren Politiker gerne über „Strategie“, doch geht es sonst kaum irgendwo so mäßig strategisch zu wie in der Politik. Gute Politiker verlassen sich auf ihre Intuition, ihren Gefahreninstinkt, ihren Möglichkeitssinn, ihr Verständnis von Macht und Geschichte, auf ihre Zukunftsahnung. Und in der Tat: Die großen runden Tische der Experten stören dabei eher nur. Sie werden nicht ausgleichen können, was an politischer Führungsqualität fehlt.

Franz Walter ist Politologe und Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.